Der Tod der Barmekiden

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Die Löwen merken erst nach einer guten Weile, dass wieder Pause ist.

Die Löwen, die sich immer noch recht angegriffen fühlen, obwohl sie ihre alte hellblaue Farbe schon wiederbekommen haben, trinken ihren Cognac und sprechen im leisen Flüstertone zu einander.

»Wir müssen bedenken,« bemerkt der gute Pix, »dass der Tod im Orient nicht so weh thut wie in den weniger bevorzugten Gegenden der Erde. Das Sterben und Geborenwerden ist im gesunden Orient schmerzloser. Die Hitze muss wohl die Empfindungsfähigkeit verringern. Demnach ist eine orientalische Mordsgeschichte immer noch erträglicher als eine europäische. Kinder, wo sind unsre Drehorgeln geblieben?«

Frimm erwidert leise: »Die Drehorgeln hat uns der Wind entführt. Lass sie sein, wo sie wollen! Ich werde schon müde. Wir wissen ja, dass jeder ›grosse‹ Mensch eine wilde Bestie in sich herumträgt. Die ›guten‹ Menschen haben blos gezähmte Bestien in ihrem Leibe. Das ist aber längst bekannt.«

Olli meint: »Das Stück ist ohne Frage ein Kraftstück.«

Raifu’s Stimme tönt dumpf wie die einer Glocke in die Wüste nieder und sagt: »Löwen, es vergehen jetzt drei Jahre! Markirt die lange Zeit!«

»Lieblich!« zischelt da der Plusa: »also sollen wir langweilig werden! Das wird mulmig! Olli, verrückte Kröt! Red mal was Längeres!«

Und Olli redet ganz langsam und weich wie ein alter Knabe, der Nichts von Heldenthaten wissen will – still und sanft wie ein duldendes Weib:

»Nur Polizisten und Moralisten sind wahrhaft böse Menschen, da sie sich stets mit schlechten Handlungen befassen und bald nurnoch solche sehen oder überall vermuthen, was sie dann allmählich veranlasst, in jedem Menschen einen Verbrecher zu erblicken, und im eingebildeten Kampfe gegen dieselben sich für berechtigt – ja für verpflichtet – halten, auch zum Verbrecher zu werden.«

»Solche Moralisten und Polizisten,« tuschelt Plusa dem Frimm ins Ohr, »sind wohl auch die blauen Löwen.«

Doch Olli fährt mit sanfter Stimme fort: »Wenn einem europäischen Ehemanne das Weib entführt wird, so soll er nicht gegen den Verführer wüthen, sondern gegen sich selbst – lass Deiner Frau keine Freiheit, so wird sie auch keinen schlechten Gebrauch von ihrer Freiheit machen.«

»Sehr kluger Rathschlag!« zischelt wieder der Plusa.

Knaff aber brummt ärgerlich:

»Der Harem ist allmählich in Europa zum tiefgefühlten Bedürfnis geworden.«

»Na, wenn das nicht,« höhnt leise der Plusa wieder, »den Europäern bald ganz und gar klar geworden ist, so werden sie’s nie begreifen. Die Losung muss aber nicht blos heissen: Fort mit der Frauen freiheit! – sondern viel schärfer noch: Fort mit der Frauenarbeit!«

Frimm brummt im tiefsten Bass:

»Es lebe der sexuale Anstand!«

Die Löwen schweigen und knallen leise mit ihren Schwänzen.

Das Geknall wird melodisch.

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Die zweiundzwanzigste Nummer beginnt:

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