Der Tod der Barmekiden

Rache! Rache!

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Noch einmal erstrahlt Bagdads Chalifenburg in all ihrem Glanz; die Europäer können lachen: sie erschauen Haruns herrlichen Thronsaal, in dem die wichtigsten Staatsgeschäfte erledigt und die grossen Gesandtschaften empfangen werden…

Hier leuchtet der Reichthum des gewaltigen arabischen Weltreichs noch einmal mit all seinem Farbenzauber voll blendender Kraft ins weite Land der Erde hinein.

Eine plumpe Pracht! Freilich! Aber sie erfüllt doch mit ehrfürchtigem Staunen, wenn man nicht vergisst, dass die rohen ungebildeten Söhne der Wüste diese Pracht erzeugten.

Allerdings war’s ein ›Räubervolk‹, das sich ein Sinnbild seiner Macht in Haruns herrlichem Thronsaal schuf; doch gab’s jemals in der Welt eine Macht, die nicht durch Raub entstand? Wahrlich nicht!

Mehr hinten in der Mitte des Saales erhebt sich eine breite Wandstirn, die von oben bis unten mit lauter blitzenden Diamanten bedeckt ist. Zehn rothe Säulen stehen vor der Wand; unzählige Rubine machen die Säulen roth. Rechts und links von der Diamantenstirn führen blaue Säulenreihen ganz tief in den immer dunkler werdenden Hintergrund; unzählige Saphire machen diese Säulenreihen blau. Der Fussboden ist überall aus purem Golde.

Der Vordergrund ist hell, denn da überspannt den Saal keine silberne Decke wie über den Saphirsäulen – vorn hängt oben nur ein schwerer grosser weissseidener Teppich, dessen Muster mit schwarzen Perlenschnüren angesteckt sind.

An der linken Seite ganz vorn vor einer Wand aus weissen Perlen, die ganz nach hinten geht, steht der grosse Thron mit seinen unzähligen grasgrünen Smaragden. Auf einem viereckigen Smaragdkasten, an dessen vier Ecken dünne Smaragdsäulen nach oben gehen, liegen weiche orangefarbige Kissen, auf denen regungslos mit untergeschlagenen Beinen der Chalif sitzt. Der Thronhimmel, den die vier Säulen tragen, bildet eine smaragdene Riesenkrone, deren Inneres mit rosafarbiger Seide ausgeschlagen ist.

Die Europäer sehen von Harun, der sich in hellblaue Seide gekleidet hat, nur die rechte Körperhälfte. Seine Haltung ist gebückt. Seine Barthaare sind ergraut. Sein Blick ist unstät und scheu. Aber seine dunkelblauen Saphire funkeln auf der hellblauen Seide heftiger denn je.

Der rothe Masrar naht wieder dem Throne; er sollte in Erfahrung bringen, wo noch Barmekiden leben. Masrar hat leider Nichts erfahren.

»Ich habe,« sagt er, »fünfzig ihrer früheren Freunde sehr sehr grausam foltern lassen – Alles war vergeblich. Es lebt kein Barmekide mehr.«

»So sollen,« brüllt der Chalif, »ihre Freunde bluten – alle ihre Freunde. Rache will ich, Du Hund! Das Biest regt sich wieder in mir.«

»Das schlief nie!« versetzt der Henker lachend, »doch nur in Rakkah wird es sich austoben können. Harun muss noch heute Bagdad verlassen und nach Rakkah übersiedeln.«

»Warum?« fragt knirschend der Chalif.

»Weil das Volk,« erwidert der Henker, »der vielen Hinrichtungen wegen aufrührerisch geworden ist. Es hasst den Masrar und wird gefährlich. Wilde Horden unter der Führung gewandter Hauptleute können jeden Augenblick in die Chalifenburg eindringen. Die Gesandten des Chalifen von Peking werden schon ängstlich und wollen heute noch nach Hause fahren. Sie werden schon gemeldet.«

Zwei Hausmeister melden die Chinesen an.

Harun murmelt bebend: »Man soll das Volk nur gefesselt in Freiheit lassen – man muss es behandeln wie ein Weib.«

Und die Chinesen kommen und werfen sich dem Chalifen zu Füssen, legen noch viele Kostbarkeiten auf den Fussboden und bitten um die Erlaubnis, abreisen zu dürfen. Sie wird ihnen gnädigst gewährt. Und die Gesandten machen fünfzig tiefe Verbeugungen vor dem Herrscher des westlichen Orients und verschwinden rechts rückwärts gehend.

Nach diesem sehr formvollen Auftritt kommen von hinten zwischen den Saphirsäulen die Hofleute heran. Sie erklären dem Chalifen, dass er unter allen Umständen, wenn weiter gegen die Anhänger der Barmekiden vorgegangen werden solle, Bagdad verlassen und nach Rakkah übersiedeln müsse.

Harun erklärt sich bereit, will aber noch einmal Blut in seinem Thronsaale sehen – einer der Hofleute habe ihn mit gerunzelter Stirn angestarrt – und er fühle sich beleidigt.

Der, dem’s galt, ist ein kühner Greis – er spricht lächelnd: »Wann, Harun, fühltest Du Dich nicht beleidigt? Und von wem fühltest Du Dich nicht beleidigt? Wir sind hier an einem Schlachthofe. Aber Du hast vergessen, dass der Tod nicht blos eine Strafe, sondern viel mehr noch eine Erlösung ist. Wenn Du mich tötest, werde ich von Deinem verhassten Anblick befreit und höre Nichts mehr von Deinem ekelhaften Gebahren. Das ist eine Erlösung – glaub’s mir!«

»Masrar! Schneid ihm die Zunge raus!«

Also brüllt der verrückte Chalif, der Greis stösst sich aber den Dolch ins Herz, und sein Blut spritzt auf die Smaragde des Thrones.

Harun erhebt sich und befiehlt, sein Ross zu satteln – er will nach Rakkah reiten.

Langsam geht der Chalif mit seinen Hofleuten zwischen den Saphirsäulen nach hinten.

Stimmengewirr hört man in der Ferne.

Die Leiche des Greises wird fortgetragen.

»Endlich geht’s,« sagt Masrar, »nach Rakkah! Auch eine Erlösung! Das hat Mühe gekostet, diesen Wütherich zu überreden. Dass gerade die besten Menschen immer die schlimmsten Thaten begehen müssen! Beim Barte des Propheten! Ich kann doch nicht sämmtliche Bewohner Bagdads köpfen.«

Einige Hofleute nähern sich jetzt dem Masrar und zeigen ihm einige Papyrusrollen, die sie ihm vorlesen. Man hat nämlich in den Regierungskreisen der Burg, ohne den Harun weiter zu fragen, beschlossen, den Thronsaal von den Führern des aufständischen Volkes plündern zu lassen. –

Und die Hauptleute kommen jetzt in den Thronsaal, und wie sie all die funkelnde Pracht sehen, funkeln auch ihre Augen – sie versprechen, das Volk zu beruhigen und reissen gierig die Diamanten und Perlen von den Wänden.

Sie sind bald emsig bei der Arbeit.

Die Stimme des Volkes im Hintergrunde verhallt.

Und wie nun die Aufrührer Alles zerstören und an sich raffen, wobei ihnen viele Hofleute helfen, geht der Palast, nachdem er von einem unsichtbaren Messer in der Mitte durchgeschnitten ist, langsam nach beiden Seiten aus einander – und Bagdad – die Stadt des Heils – liegt in all ihrer Schönheit vor den trunkenen Augen Europas.

Es ist Abend, und die Bewohner der Stadt feiern ein Freudenfest, da sie so froh sind, dass der schreckliche Harun endlich die Chalifenburg verlassen hat.

Die Strassen der Stadt sind festlich geschmückt, und überall brennen kleine bunte Papierampeln.

Onabbas Bruder lässt mit seinen indischen Zaubrern auf allen Plätzen und an allen Strassenecken kleine dunkelrothe Luftballons aus Papier in den von unzähligen Sternen übersäeten Nachthimmel emporsteigen.

»Thränen des Volkes« hat der Schlaue die rothen Luftballons, die unten offen sind und eine kleine Schale mit brennendem Harze tragen, genannt.

Onabbas Bruder wird vom Volke auf den Händen getragen, den Zaubrern geht’s ebenfalls nicht schlecht.

Die blutigen Thränen des Volkes steigen unaufhörlich in ungeheurer Anzahl in den blauen Sternenhimmel empor.

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