Der Tod der Barmekiden

ps_045

Der Vorhang ist pechschwarz und in seiner Mitte steht ein Mann ohne Kopf; der Körper des Mannes ist ganz mit Blut besudelt.

Die Europäer und die Löwen sehen sich stumm den Vorhang an; es wird schwül in der Wüste – die Käfer zirpen unheimlich – und der Sternhimmel erhält allmählich einen fahlen Glanz – wie ungesunde dunkle Augen.

Die Löwen kriegen Nichts zu essen – auch Nichts zu trinken – auch Nichts zu rauchen. Und sie murren darüber.

Pix sagt: »Die Treue des Weibes ist nicht viel mehr als Hundetreue – nimmt man ihr den Futtersack weg, so verhungert sie.«

»Passt allerdings,« meint Plusa leise, »nicht auf die Hetäre Abbasah – stimmt überhaupt nicht. Auch der Vergleich mit den Hunden ist schief; die sind viel treuer als die Weiber. Pix, Du bist der vorsichtigste Löwe – und drum der Weiseste.«

Olli mit seinem bekannten Scharfsinn bemerkt lächelnd: »Der tiefste Schmerz des Weibes kommt dann zum Ausdruck, wenn die liebende Dame einsieht, dass ihre sexuale Bedeutung dem Manne nicht genügt. Das ist tötlich für alle Weiber und macht sie ganz und gar zu rachsüchtigen Hetären.«

»Das passt,« brummt Plusa wieder, »ebenfalls nicht hierher. Es wäre doch wohl besser, wenn die Europäer ein paar Weisheiten loslassen wollten. Europäer, redet! Möglichst furchtlos, wenn ich bitten darf!«

Und die Europäer senden muthig einen muthigen Gelehrten vor, der einen kahlen Kopp hat, einen Kneifer auf der Nase trägt, etwas dickbäuchig ist und folgendermassen zu reden beginnt – mit einem kleinen Manuskript in der Hand:

»Hochverehrte Löwen der Weisheit! Allmächtige Meister der Tragik und Komik! Wir haben eifrig zugehört und zugesehen und unsre Sinne nicht wenig ergötzet. Das Kunstwerk als solches gefällt uns; wären wir in Europa, wir würden aus dem Klatschen garnicht heraus kommen. Aber Eines erscheint uns bedenklich: der didaktisch-symbolische Kern der Sache will uns nicht so recht munden. Wir sollen doch zum Haremismus bekehret werden. Es wird uns aber der Harem durchaus nicht in verlockenden Farben und Formen vorgeführt. Ist das nicht ein Fehler?«

Der kahlköpfige Herr kraut sich mit der Linken hinterm rechten Ohr und studirt sein Manuskript. Plusa nähert sich dem muthigen Manne und beugt sein Haupt nach unten – reisst seinen ungeheuren Rachen auf und beisst mit einem Haps dem Mann aus Europa den kahlen Kopf ab – knackt ihn auf und schluckt ihn sammt dem Kneifer runter.

»Nee, so was!« schreien die Europäer und machen die Augen zu.

Plusa sagt aber schmunzelnd, während der kopflose Rumpf vor ihm umfällt:

»Siehst Du, mein Jungchen, so geht es Jedem, der an Meister Raifu was zu tadeln findet. Tadelnde Kritiker sind, wenn Du das noch nicht wissen solltest, zumeist vom Stamm der Parasiten. Hat sonst noch Jemand was zu sagen oder zu fragen? Sehr gut! Die europäischen Menschenköpfe schmecken auch nicht besonders. Dem nächsten Naseweisen werd‘ ich daher den Kopf blos aufknacken und dann ausspucken. Aber merkt es Euch: haarige Köpfe mag ich nicht!«

Kaum hat Plusa das gesagt, so sausen auf ihn die schweren Zauberstäbe von sechs Zaubrern auf seinen Rücken, dass der gestreift wird – wie das Fell eines Tigers – hell- und dunkelblau.

Der Löwe muss den Kopf wieder von sich geben, die Zaubrer leimen das arg misshandelte Haupt aus Europa wieder zusammen und kleben es seinem Besitzer wieder auf, nur der Kneifer ist nicht wiederzufinden, worüber sich der kahlköpfige junge Mann nicht wenig entrüstet.

Die Löwen gehen fluchend auf und ab.

Knaff bemerkt grimmig:

»Diese ollen Zaubrer! Kaum macht Einer einen saftigen Witz – gleich hat er die Prügel fort. Das lässt uns aber kalt. Starke Löwen können Prügel vertragen.«

Die Zaubrer steigen lachend nach oben, wo ›Raifu’s‹ Kopf schon erschienen ist.

Raifu pfeift – und die Löwen reissen wieder den Vorhang entzwei – trutzig wie immer.

ps_007

Die siebzehnte Nummer beginnt:

%d Bloggern gefällt das: