Der Tod der Barmekiden

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Die Löwen recken sich, tanzen ein bischen Walzer, wobei Pix in der Mitte stehend die Melodie mit dem Schwanze knallt, und werfen sich plötzlich auf den Rücken.

Der Wüstenboden, auf dem die Europäer sitzen, geht wieder runter in seine gewöhnliche Lage.

Und die Löwen gehen wieder auf allen Vieren langsam erst von Süden nach Norden und dann umgekehrt. Bei diesem Spaziergange setzen sie ihre langen Reden über Weib und Kind brummig fort.

Pix: Nun hat er das Wurm! Das arme Väterchen! Manche Menschen wissen eben noch nicht, was es mit dem Weisesein auf sich hat. Weisesein heisst nur: in allen Lebenslagen möglichst vorsichtig sein. Um das sein zu können, muss man natürlich möglichst viel über Alles nachdenken. Ordentlich nachdenken kann man aber nur, wenn man möglichst oft allein ist.

Frimm: Das Publikum, das wir vor uns haben, wird diese Weisheit nicht kapiren. Schweifen wir nicht ab!

Olli: Den Europäern soll endlich mal das Gewissen geschärft werden. Der Mann, der sein Weib einem Freunde vorstellt, ist bereits ein hundsgemeiner Kuppler – braucht es nicht erst zu werden. Die europäische Monogamie ist eben eine ewige Quelle öffentlichen Aergernisses. Die männlichen Kuppler sind tausend Mal schlimmer als die weiblichen. Europa ist anspeiungswürdig. Ihr wundert Euch wohl über unsre permanente sittliche Entrüstung. Täuscht Euch aber nicht! Wir sind klüger als Ihr. So sehr uns auch die freien Frauen befehden werden, die anständigen Frauen sind sämmtlich auf unsrer Seite.

Knaff: Wo die laxe Lüderlichkeit herrscht, sitzt bald die Hetäre auf dem Throne. Ihr habt durchaus kein Recht, Euch über unsre ewigen Zuchtwahlreden lustig zu machen. Wir wollen Euch arabisch vorkommen. Das Liebesthema ist nur ein Rassenthema – nicht blos bei den Arabern – sondern überall.

Plusa: Die Europäer würden wohl einen schönen Begriff von uns bekommen, wenn ich nicht gelegentlich das Wort ergriffe. Also: lasst Euch sagen: die wahren Menschen gehen allen Weibern und sämmtlichen anderen sexualen Werthobjekten der Erde stets aus dem Wege. Zu den grossen sich selbst genügenden Naturen, die auf alle Liebe pfeifen, sprechen wir nicht! Das vergesst nicht! Von Euch Europäern kann man natürlich die wahrhaft grossen Leibesübungen nicht verlangen.

Pix: Mach keine Witze!

Plusa: Ihr könnt nicht unbeweibt sein – so weit sind ja noch nicht mal die meisten Männer des Orients – Raifu ist ja ebenfalls nur gegen seinen Willen unbeweibt.

Ein schwerer eiserner Zauberstab saust auf Plusa’s Rücken nieder; der Zaubrer, der’s that, ist nicht zu sehen.

Frimm: Die Bemerkung des Plusa hatte Hand und Fuss und ist so wichtig, dass ich nicht umhin kann, noch einmal energisch zu betonen, dass die ausserordentlichen Menschen selbstverständlich allen Arten von sexualer Befriedigung aus dem Wege gehen, da ihnen ja andre Pflichten als die der Rassenverfeinerung obliegen. Das einfache Volk, zu dem wir hier ganz allein in unsrer vornehmen Art zu sprechen belieben, kommt selbstverständlich ohne Berücksichtigung seines Sexualsystems nicht aus – deshalb sollen aber die Männer nicht sentimental werden.

Olli: Das Masslose in der Liebe, das allzeit nicht frei von Sentimentalität ist, erzeugt die Monogamie.

Plusa: Und das Kind!

Der älteste Zaubrer: Ich muss doch endlich bemerken, dass es sich für die Löwen nicht schickt, hier stets so didaktisch und professoral aufzutreten. Ihr müsst Euch mit Rücksicht auf das Kunstwerk, das wir aufführen, die doktrinäre Schulmeistermiene ein wenig abgewöhnen – sonst wird Raifu Euch Brillen auf die Nase setzen. Künstler und Schulmeister vertragen sich nicht.

Knaff: Ihr ollen Aesthetiker – Ihr habt ja die dicksten Brillen auf der Nase – seht Ihr die nicht?

Plusa: Es ist nur gut, dass der älteste Zaubrer des Orients erst jetzt mit seiner Warnung kommt, wo wir eigentlich schon genug geredet haben.

Der älteste Zaubrer: Lieber Plusa, Du kriegst heute noch gewaltige Wichse – das prophezei‘ ich Dir.

Der älteste Zaubrer steigt wieder in seine höheren Höhen, er murmelt blos noch: »Absolute Talentlosigkeit!«

»Zur Sache!« schreit Plusa.

Pix: Die Europäer haben nicht nöthig, sich darüber zu ärgern, dass jetzt auch die alten Zaubrer, unsre alten Rivalen, hier mangreden. Wir wollen noch einige sachliche Bemerkungen über Weib und Kind machen und dann einfach das Maul halten.

Frimm: Sollten die Frauen Europas ihr Recht auf Treubruch durchaus durchdrücken wollen, so werden wir für die absolute Freiheit des Mannes plaidiren. Wir werden’s dann nicht mehr für nöthig halten, dass die Männer für die Kinder sorgen. Wo die Frauen frei sind, werden’s die Männer noch viel mehr sein.

Knaff: Bravo! Wurscht wider Wurscht! Die Kinder müssen dann auch blos den Namen der Mutter führen. Und die Mutter kann denn ganz frei und unbehindert für ihre Kinder allein sorgen.

Plusa: Demnach läge also die Freiheit der Frau und der Liebe nur im Interesse der Männer! Hurrah! Europäer, freut Euch – jetzt könnt Ihr wieder machen, was Ihr wollt! Wir haben nur gescherzt.

Pix: Plusa, benimm Dich nicht wieder so unpassend und unanständig.

Frimm: Es ist bald Zeit, den infamen Bengel aufzufressen.

Olli: Die Bemerkungen Frimms werden den Europäern ganz bekannt und geläufig sein.

Plusa: Europäer, giebt’s bei Euch nicht so manche wilde Ehe, die nur der Furcht vor der hetärischen Monogamie ihr Dasein verdankt?

Die vier andern Löwen springen mit aufgesperrtem Rachen brüllend auf den Plusa los, doch der läuft fort, und es beginnt eine wilde Hetzjagd.

Plusa ist leider schneller als seine Brüder.

Den Europäern fliegt der Wüstenstaub ins Gesicht.

Die Riesenkameele gehen kopfnickend rechts ab.

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Die sechzehnte Nummer beginnt:

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