Der Tod der Barmekiden

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Die blauen Löwen liegen da wie die Sphinxe im Aegypterland – rühren kein Glied.

Die Europäer sehen sich wieder den neuen Vorhang an, der ganz schneeweiss ist und nur in seiner Mitte ein kleines braunes Kind zeigt, das mit bunten Eiern spielt.

Vor den Löwen spaltet sich der Wüstenboden, und unsichtbare Hände reichen in starken Granitschalen ein neues Gericht hinauf: Gestampfte Tomaten mit gefrornem Papagei. Die Wüste wird kühler.

Die Löwen sind aber auch sehr kühl. Pix bemerkt mit zitternder Pfote: »Das ist ausserordentlich liebenswürdig! Jawohl, wir wissen bereits: Ihr gebt uns immer so viel zu essen, damit wir nicht so viel reden sollen. Wirklich sehr liebenswürdig!«

Doch da ertönt über dem Vorhang Raifu’s Stimme, sie spricht knarrend: »Ich hab Euch nicht das Reden verboten! Ihr sollt nur nicht pfeifen.«

Olli murmelt darauf: »Der alte Raifu ist doch so eitel wie ein ächter Bühnendichter! Hätt’s garnicht geglaubt, wenn das früher jemand behauptet hätte! Die Abneigung gegen abfällige Kritik gehört wohl zum Handwerk. Schändlich, dass das Handwerk stets den Charakter verdirbt!«

»Redet Euch nur,« erwidert Raifu einfach, »ordentlich aus! Im weiteren Verlauf der Handlung dürftet Ihr nicht mehr viel Gelegenheit finden, thatkräftig und beredt in den Gang der Handlung einzugreifen.«

Nach diesen Worten erklären die Löwen, dass sie wieder gemüthlich sein wollen, lassen sich die gefrornen Papageien gut schmecken und finden auch die gestampften Tomaten nicht übel.

Der heftige Knaff äussert sich beim siebenten Papagei folgendermassen: »Liebe Europäer, warum seid Ihr so still? Ihr seht doch, dass wir mit unsern Vögeln genug zu thun haben. Nun redet auch mal was! ihr könnt doch nicht verlangen, dass wir in Einem zu Euch unterhalten.«

Die Europäer sehen das ein, sie schicken einen hageren Engländer vor, und der sagt:

»Wir bewundern an dem grossen Schauspiel, dem beizuwohnen wir die Ehre haben, in allererster Linie die vorzügliche Farbe; das koloristische Element erscheint uns bedeutend. Ausserdem wundern wir uns über die herrliche üppige Ausstattung, über die vielen Vorhänge und Wandeldekorationen. Wir haben die Empfindung gehabt, dass das dekorative Element zu stark betont sei. Wir wollen das nicht tadeln, wüssten aber gern, warum das Dekorative so überreich zur Geltung gelangt.«

»Der Orient,« antwortet Frimm, »ist an den Luxus gewöhnt. Der Orient ist nicht so armselig wie Europa. Er ist sogar ans Ueberladene, Ueberüppige, Hyperbarocke – kurzum ans Masslose gewöhnt. Und es erscheint uns völlig gerechtfertigt, dass in einem Drama der Masslosigkeit die grossartige Dekoration mehr Spielraum einnimmt als sonstwo. Ich freue mich, dass Ihr nicht so albern wie junge Hunde fragt. Indessen – schweigt jetzt! Wir wollen wieder ein ethisches Quintett reden – das scheint uns immer noch das Interessanteste an dieser ganzen Aufführung zu sein. Entschuldigt, dass wir dabei ruhig weiteressen – wir haben Hunger!«

Das Quintett beginnt:

Pix: In Wirklichkeit wählt die Frau niemals den Mann – sie folgt dem, der sie zwingt. Der Frauen höchstes Glück ist, sich vom Manne vollkommen unterdrücken zu lassen. Das Glück können nicht mal die Hetären entbehren – man sehe sich nur ihre Cinäden an.

Frimm: Die Männer thun manchmal so, als müssten sie die Frauen, die ihrem Manne nicht die grosse Liebe entgegenbringen können, bedauern. Das ist aber Alles Unsinn, denn ein ächtes Weib will garnicht viel gefragt werden. Nur Hetärennaturen sind wählerisch und wollen wählen.

Olli: Bei der Zuchtwahl können aber nicht beide Theile wählen. Allzu viel Scharfsinn gehört doch nicht dazu, das zu begreifen. Es kann doch immer nur das Weib oder der Mann wählen. Thut’s aber das erstere Geschöpf, so wird die Rasse nicht veredelt werden – woraufs doch ankommt!

Knaff: Ach, das Schlimmste ist, dass Ihr so viel Umstände mit den ›gebildeten‹ Weibern macht! Die Liebe zur Gebildeten ist ja ebenso gut wie die zur Hetäre nicht für die Dauer – denn Beide wollen Abwechslung haben.

Plusa: Der Europäer ebenfalls.

Pix: Dazu ist aber der Harem und das Bordell da. Da weiss man doch immer, woran man ist – während man bei den gebildeten Weibern genau so wie bei den Hetären eigentlich nie weiss, woran man ist.

Frimm: Europäer, Ihr dürft Euch nicht über unsre stete Betonung der Zuchtwahlinteressen wundern. Wir Löwen stammen nun mal aus Arabien, wo die Zuchtwahlinteressen sowohl bei Thieren wie bei Menschen mordsmässig viel zu sagen haben.

Raifu erscheint wieder überm Vorhang und räuspert sich. Da die Löwen nicht drauf achten, schreit er wüthend mit geballten hocherhobenen Fäusten:

»Na? Wird’s bald? Ich soll Euch wohl Beine machen! Wir haben nicht so lange Zeit!«

Die Löwen erheben sich und laufen im Trabe in die Mitte des Vorhangs hinein, der bald wieder zerrissen ist.

Die Europäer wundern sich über die Verschwendung und können sich nicht erklären, warum die schönen Vorhänge so rücksichtslos entzwei gemacht werden.

Aber das schadet Nichts.

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Die dreizehnte Nummer beginnt:

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