Der Tod der Barmekiden

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Die hellblauen Löwen legen sich malerisch in flachem Kreisbogen dicht vor den Diamantenschneefall und denken ein paar Augenblicke schweigend nach.

Pix liegt in der Mitte mit der Stirn nach vorn, Frimm und Olli liegen zu seiner Linken, Knaff und Plusa zu seiner Rechten; die Vier liegen quer und haben den Kopf der Mitte zugewandt.

Die Europäer bemerken zum ersten Male, dass die Löwen durchsichtig sind, denn ihre riesigen Leiber lassen den Farbenbrand der Diamanten durchflimmern; Alles brennt nur in etwas grösseren Flecken und dunkler. Die gewaltigen Löwenkörper schillern im unablässig immer wieder anders aufblitzenden Farbenwechsel wie zitternde dunkle Riesenopale; nur an den Rändern der Körper ist Alles hellblau wie sonst.

Und Pix sagt mit gedämpfter Stimme:

»Es war wieder mal vom Bruder Plusa so recht unpassend und taktlos, den unsauberen Hetärismus in Schutz nehmen zu wollen. Da jedoch alles Daseiende auch eine gewisse Daseinsberechtigung hat, so wollen wir jetzt dem heiklen Thema näher treten. Ich bitte meine Brüder, hinter einander in kurzen klaren Bemerkungen sich auszusprechen. Ueberflüssige Scherze, die nicht zur Sache gehören, wollen wir, wenn wir können, unterdrücken.«

Die Löwen brüllen dumpf. »Es sei!« und die Aussprache beginnt ohne weitre Zwischenfälle —  wie folgt:

P l u s a :  Ich erlaube mir, das ethische Quintett zu eröffnen, denn dazu hab‘ ich der Schlangenköpfe wegen ein Recht, und ich behaupte zunächst, dass die Hetären jedenfalls, wenn sie auch an die Bedeutung der Mütter nicht ganz ranragen sollten, doch viel wichtiger sind —  als die Ammen.

F r i m m :  Ich halte es für einen überflüssigen Scherz, das Hetärenrecht dem Ammenrecht gegenüberzustellen. Wir wissen wohl genug, wenn wir wissen, dass die Hetären und ihre Freunde nicht sauber sind. Das ist doch eine bekannte Thatsache —  so gut wie die, dass nur die für die Rasse werthlosen Vertreter des männlichen Geschlechts an der Hetäre hängen bleiben. Der Freund der Hetäre hat auch nur Hetärenrecht.

K n a f f :  Ich halte nicht blos die meisten Bemerkungen des lieben Plusa, sondern die ganze freie Liebe für überflüssig, da die aus der freien Liebe hervorgehenden Kinder eine Verbesserung der Rasse nicht bedeuten, denn die Frauen sind garnicht im Stande, in Zuchtwahlangelegenheiten eine ›entscheidende‹ Rolle zu spielen. Nur verkappte Cinäden, die ein Interesse daran haben, die Zahl der Hetären zu vermehren, geben der Frau —  überflüssige Rechte. Schliesslich behaupten einige Freiheitsapostel noch, dass zur Erzeugung von Genies Mütter mit höchster Bildung nöthig seien —  dass der Genieerzeugung wegen die Existenz der freien Weiber gerechtfertigt sei —  während wir doch ganz genau wissen, dass genialen Eltern die Erzeugung genialer Kinder zu allen Zeiten nicht gelang. Den Genies liegt die Verfeinerung der Rasse nicht ob; sie haben nur ihre genialen Werke zu erzeugen und dürfen das Menschenerzeugungsgewerbe ruhig Andern überlassen.

P i x :  Lieber Knaff, Du redest in Deinem Eifer zu lange. Du darfst nicht vergessen, dass wir auch was zu sagen haben. Ich halte es für wichtig, das Verhältniss des Hetärismus zur weiblichen Bildung und Emancipation klarzulegen. Knaff fing schon damit an.

O l l i :  Es giebt Weisheiten, die die Spatzen von den Dächern pfeifen —  dazu gehört die, dass sich auch die gebildetste Frau nur dann glücklich fühlt, wenn sie Mutter ist —  dass sie auch alle Bildung mit Freuden hingeben würde, wenn sie’s dadurch werden könnte. Daher glaube ich, dass die Bildung der Frauen keinen Werth hat; sie ist ja nur dazu da, den Mangel an Mutterinstinkten zu verbergen. Wo aber diese fehlen, da bilden sich die Hetäreninstinkte aus. Das Verhältnis des Hetärismus zur weiblichen Bildung ist somit ein sehr intimes Verhältnis.

F r i m m :  Durch diese Erkenntnis ist die gesammte Frauenemancipation für alle Zeiten gerichtet. Die verdankt den Hetäreninstinkten ihr Dasein —  das sagt genug.

O l l i :  Die drolligen Emancipationsbestrebungen der europäischen Frauenwelt geben jedenfalls Veranlassung, eine Beschränkung der gesammten Bewegungsfreiheit aller Frauen anzubahnen. Die Europäer sollten sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen.

P l u s a :  Es ist nur ein Glück, dass die Europäer ihre Frauen zu Hause gelassen haben. Die Frauen Europas würden uns, wenn sie hier wären, die schönen blauen Augen auskratzen.

P i x :  Lieber Bruder, vergiss nicht die Schlangenköppe.

P l u s a :  Die Europäer werden aber unsre Moral für eine Bestienmoral erklären, und wir könnten am Ende das Gegentheil von dem erreichen, was wir anstreben. Die armen Weiber!

F r i m m :  Dein Mitleid ist hier nicht am Platze. Den Frauen ist nie zu trauen, da sie bekanntlich stets nur sexuale Geschichten im Kopfe haben. Die platonischen Anwandlungen der ›gebildeten‹ Frau dürfen uns nicht irre führen; die gehören eben auch zur hinterlistigen Verführungskunst der Hetäre. Alle anständigen Weiber werden in dieser Beziehung ganz unsrer Meinung sein.

K n a f f :  Die Weiber sind und bleiben so dumm wie die Sünde. Wohl dem, der mit ihnen nie was zu thun bekommt. Die Bildung der Frau hat noch niemals Gutes gestiftet; wohl aber hat sie dazu beigetragen, den vernünftigsten Menschen den Kopf zu verdrehen. Die Frau braucht ja ihre Bildung nur als hetärisches Reizmittel.

P l u s a :  Es lässt sich also nicht leugnen, dass die Emancipation mit ihrer Bildung die männliche Sinnlichkeit kräftigt und aufstachelt —  was doch für die Verfeinerung der Rasse nicht so unwichtig ist.

P i x :  Lieber Bruder, Deine Hetärenweisheit haben wir nun allmählich kapirt. Dass aber durch gebildete Hetären, zu denen wir die sämmtlichen Vertreterinnen der Emancipation rechnen müssen, eine ›Verfeinerung‹ der Rasse nicht erzielt werden kann, dürfte denn doch klar sein, da ja die meisten Hetären unfruchtbar sind. Wie denkst Du Dir das?

P l u s a :  Jedenfalls könnte irgend ein geistreicher Europäer mal behaupten, dass grade die Prostitution das Ehrenvollste sei —  und dass die Verfeinerung der Rasse vollkommen überflüssig sei.

F r i m m :  Das ist den intimen Freunden der europäischen Hetäre wohl zuzutrauen —  uns aber nicht. Wer auf die Verfeinerung der Rasse verzichten zu können glaubt, hat mit der Erhaltung der Rasse Nichts weiter zu thun und kommt nicht weiter in Frage. Bruder, lass die unanständigen Witze, sonst verpauken wir Dich so unheimlich, dass Du nicht mehr japsen kannst. Benimm Dich vornehmer!

P i x :  Ich muss da den Plusa etwas in Schutz nehmen. Es lässt sich nicht leugnen, dass bedeutende Männer grade zu den gebildeten hetärisch veranlagten Frauen eine grosse Zuneigung haben, die dadurch entschuldigt werden kann, dass diese Frauen ja gänzlich unfruchtbar und der Rassenverfeinerung wenigstens nicht hinderlich sind. Die Emancipationsbestrebungen gehen wohl auch grade von diesen ›bedeutenden‹ Männern aus, die so degenerirt sind, dass sie Fortpflanzungsbestrebungen nicht mehr haben und demnach nicht bemerken, wie gefährlich ihre freien Ansichten für die Entwicklung der Rasse sind.

K n a f f :  Lieber Pix, ich finde, dass Du so unvorsichtig wie der freche Plusa redest. Nimm Dich zusammen, sonst nehmen wir Dir den Vorsitz ab.

P i x :  Ich strebe nach Gerechtigkeit. Plusa hat Recht, wenn er behauptet, dass wir das Gegentheil unsrer Absichten erreichen, wenn wir so grob drauf los schimpfen wie Du.

P l u s a :  Demnach ist der Stand der gebildeten Hetären doch nicht so verächtlich, wie Ihr anfänglich glaubtet. Wie ich mich freue!

O l l i :  Wenn Ihr doch so scharfsinnig wie der Bruder Olli wäret! Wollen wir die Europäer überzeugen, so müssen wir das Thema vorurtheilslos von allen Seiten beleuchten. Wir dürfen die Europäer nicht zu einer unvorsichtigen Massregel überreden wollen. Mögen sie doch selber weiter nachdenken —  sie werden schon einsehen, dass sie ihren Frauen eine unnatürliche Freiheit gegeben haben. Darin werden sie schon Wandel schaffen. Die Frauen dürfen in keinem Falle Gelegenheit haben, mit fremden Männern zusammenzukommen —  denn das führt Hetärenrecht ein.

Es tritt eine Pause ein. Der Diamantenschnee sickert langsam wie bisher immer weiter runter. Herrlich glitzern die Löwenkörper —  wie Riesenopale. Frimm blickt sich um und bemerkt traurig: »Dass wir auch grade vor dem schönsten Vorhange über die schmutzigste Geschichte reden müssen! Europäer, seht Euch die Diamanten an —  Raifu ist doch reicher als Harun.«

Der Farbenbrand der kostbaren Steine erregt die Augen der Europäer, dass sie ganz berauscht werden. Die Löwen ergötzen sich ebenfalls an dem gleissenden Glanzgefunkel. Doch Pix mahnt zum Weiterreden.

»Raifu,« sagt er, »lässt uns ja dieses Mal sehr lange reden. Benutzen wir die Gelegenheit und beleuchten wir jetzt das Verhältnis des Hetärismus zu Monogamie und Harem. Lieber Frimm, Du hast natürlich das Wort! Du zürnst mir hoffentlich nicht.«

F r i m m :  Ich halte das Zürnen nicht für vornehm —  das solltest Du wissen. Der Hetärismus aber wird durch die Monogamie gestärkt und durch den Harem eingedämmt. Der Harem bedeutet nicht blos eine Erlösung der alten Jungfern, er scheucht auch das Gespenst des Hetärismus auf. An dem Tage, an dem Europa den Harem einführt, wird Europa um hundert Tausend Hetären ärmer. Vornehmlich aus diesem Grunde rathen wir den Europäern, fürderhin nicht mehr mit so misstrauischen Augen den orientalischen Harem anzusehen. Der Harem macht das Heiraten auch billiger, weil er die Frauen aus dem öffentlichen Leben —  hauptsächlich aus dem Gesellschaftsleben —  heraushebt.

P i x :  Da ich so gutmüthig bin, muss ich bemerken, dass die Monogamie zur Brutalität gegen die eine Frau verführt. Die Frauen sind ja viel zu schwach zur Monogamie und die Männer zu stark. Die Polygamie liegt durchaus auch im Interesse des Weibes.

K n a f f :  Es muss endlich mal betont werden, dass der ganze europäische Hetärismus eigentlich blos ein Produkt der Monogamie ist. Das muss doch jeder vernünftig denkende Mensch bald einsehn.

P l u s a :  Das steht fest, dass sich für die Monogamie eigentlich nur jugendliche Schwärmer begeistern können. Eines schickt sich nicht für Alle. Die Monogamie erzeugt viel schlimmere Zustände als die wilde Ehe mit der ›freien Liebe‹. Europäer, Ihr lebt im Elend!

O l l i :  Es ist Blendwerk der Hölle, wenn man Euch die Monogamie in rosigen Farben malt! Seht Euch vor!

P l u s a :  Nehmt lieber die Ehelosigkeit mit dem Hetärismus —  als die Monogamie in Schutz.

P i x :  Vergiss Dich doch nicht! Sollen die Europäer die Verfeinerung der Rasse unberücksichtigt lassen? Die Ehelosigkeit ist nur für die ausserordentlichen Menschen —  nicht für Hinz und Kunz.

F r i m m :  Es ist ja nicht nöthig, dass jeder Mann mehrere Frauen hat, er soll aber, selbst wenn er blos eine besitzet, auch diese eine nicht frei herumlaufen lassen —  das schickt sich nicht.

K n a f f :  Verwirr doch nicht das Publikum! Europa krankt an der gesetzlichen Monogamie, die nicht einmal durch die Gesetze der christlichen Religion gerechtfertigt ist —  denn die verlangt die Monogamie durchaus nicht. Jeder Mann muss das Recht haben, mehrere Frauen zu ehelichen und muss auch das Recht haben, ein Schock Kebsweiber zu besitzen —  wenn’s seine Mittel erlauben.

O l l i :  Die klügsten Männer geben sich natürlich überhaupt nicht mit den Weibern ab.

P l u s a :  Mach keine faulen Witze! Zu den klügsten Männern reden wir doch nicht. Wir wenden uns doch an das grosse Publikum, das wir vor uns haben —  dem die Verfeinerung der Rasse obliegt.

F r i m m :  Ich muss hier ganz deutlich bemerken, dass ich’s für einen Skandal halte, wenn eine Frau mit ihrem Mann öffentlich unverschleiert spazierengeht. Der Mann, der seine Frau den Blicken aller Menschen preiszugeben wagt, hat keine Ehre im Leibe —  ist ein schamloses Subjekt. Wer sich mit seiner Frau auf offener Straße zeigt, prostituirt seine Frau.

K n a f f :  Bravo, Frimm! Das war ordentlich gegeben. Wir wollen den Europäern die Leviten lesen. Wer seine Frau einem Freunde zeigt —  ist ein Schandbub! Schlagt ihn tot!

P l u s a :  Dann müssten wir ja fast alle Europäer totschlagen. Kinder, seid blos nicht so ausfallend. Immer hübsch ruhig! Mancher Schandbub ist eine europäische Berühmtheit geworden —  Schandbub sein schändet nicht.

K n a f f :  Verfluchter Plusa, willst du wohl Dein Schandmaul halten!

P i x :  Ich gebiete Ruhe! Wir werden uns doch nicht vor dem schönen Diamantenschnee wieder herumprügeln. Wir werden dem Plusa später den Kopf zurechtsetzen. Europäer, hört nicht auf den Plusa! Hört auf uns!

F r i m m :  Ich habe mich zu heftig ausgedrückt —  das war nicht vornehm. Jedenfalls erzeugt die Monogamie höchst unsittliche Zustände, die endlich mal geregelt werden müssen.

O l l i :  Aber ich begreife nicht, wozu wir in diesen schrecklich aufgeregten Ton verfallen sollen. Wir haben uns doch so lange so gut vertragen.

P i x :  Nu —  denn rede mal ein versöhnliches Schlusswort. Wir sehen uns dabei die Diamanten an.

O l l i :  Es wäre sehr dumm, wenn Jemand glauben wollte, wir sähen auf das Weib mit tiefer Verachtung herab. Nein, das thun wir durchaus nicht. Wir schätzen das Weib als Rasseerhalterin so hoch, dass auch die anspruchsvollste Dame mit unsrer Hochschätzung zufrieden sein könnte. Der Harem darf die Frau nicht beleidigen —  ist er doch schöner als das, was draussen liegt. Der Harem ist stets ein kleines Paradies, in dem’s sich prächtig leben lässt, wenn die Frauen vernünftig sind. Da giebt’s keine Sorge und keine Arbeit —  da giebt’s so viel Glück, dass die Frauen ganz zufrieden sein können. Seht mal, es wird ja nur um der Förderung der Rasse willen die Treue des Weibes verlangt. Der Mann kann sich doch nicht auf die Treue des Weibes verlassen, wenn das frei herum laufen darf —  wie bei Euch in Europa. Die Frau darf auch nicht viel mitreden bei der Zuchtwahl. Deswegen hat die Frau nicht viel zu wählen, sie hat dem Mann, der sie will, zu folgen. Ist es thatsächlich nicht der Rechte —  dann lässt sie der Mann schon wieder laufen —  das ist nicht so gefährlich. Im Uebrigen kann sich jedes Mädchen auf seine Eltern verlassen. Kinder, das ist Alles so einfach. Wir hier im Orient haben den ganzen Liebesrummel so fein geordnet, dass es eine Freude ist. Studirt die orientalischen Sitten ohne Vorurtheil und führt dann bei Euch die nöthigen Reformen ein! Ihr dürft ja nicht gleich Alles auf ein Mal umkrempeln —  aber so allmählich werdet Ihr schon das Rechte treffen. Ihr seid gut und willig —  Ich vertrau‘ Euch.

Die Europäer nicken bedächtig. Die Diamantenfunken sprühen ihr brennendes Farbenlicht durch die ganze syrische Wüste. Die Löwen leuchten mit.

Der blitzende Glanzzauber erscheint den Europäern ganz unfassbar.

Plusa erräth ihre Gedanken und sagt: »Die ganze Welt ist ja unfassbar.« Er will weiter reden, doch Pix bemerkt heftig: »Jetzt müssen wir mit unsern Reden aufhören, Harun muss ja schon da sein.«

Und das stimmt auch.

ps_113

Die zehnte Nummer beginnt:


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