Der Tod der Barmekiden

Die Gemahlin!

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Es duftet nach Lilienöl und Rosenwasser; Haruns Harem hat sich vor den Europäern aufgethan.

Die Mädchen schlafen auf weichen Teppichen und träumen stillen Unsinn zusammen; die braunen Mädchen schlafen in seidenen Kleidern von dunkelblauer Farbe, die weissen Armenierinnen stecken in dunkelrother Seide, und das schwarze Mohrenvolk prunkt in dunkelgrüner Seide.

Die viereckigen Säulen aus dunklem Aloë—  und Sandelholz sind mit hellblauen Türkisen verziert; die Schnüre gehen in Zickzacklinien und wirken wie unbeholfene Blitze.

Hoch oben an der Decke leuchten überall viele viele viereckige Papierampeln; die sind zartgelb, und auf den lang runtergehenden Rechtecken kleben kleine bunte Bilder —  Götter und Kinder!

In der Mitte des grossen Saales geht ein Gang tief nach hinten, zu dessen beiden Seiten sich zwei riesengrosse Badebecken befinden, die ein bischen rauchen und nach Palmenblütenwasser duften.

Durch den Mittelgang nahen jetzt an die fünfzig weissgekleidete Eunuchen sehr behäbig und würdevoll —  die wecken die Mädchen auf.

Die Eunuchen blasen wie gewöhnlich auf grossen Ochsenhörnern, die nicht grade schön klingende Töne hervorbringen —  am wenigsten gefallen den holden Schläferinnen diese Hörnerklänge.

Und der Harem erwacht in schlechter Laune.

Und die schlechte Laune erzeugt sofort Zank und Streit, sodass es sehr bald wie gewöhnlich zu Thätlichkeiten kommt. Es entsteht die schönste Keilerei.

Die zarten Frauen nehmen ihre grossen Stahlspiegel, mit denen sie immer schlafen gehen, und hauen auf die Eunuchen so derb und heftig ein, dass die in helle Wuth gerathen und manches arme Kind boxend zu Boden stossen.

Das giebt natürlich ein herzzerreissendes Gekreisch: Haare werden ausgerissen, Backen zerkratzt, Hörner verballert, Kleider zerfetzt und Teppiche mit Blutstropfen bespritzt.

Der Kampf sieht lebensgefährlich aus; eine Rebellenschlacht Haruns kann kaum mit grösserem Zorne geschlagen werden.

Zum Glück erscheint sehr bald die Herrin des Harems —  die grosse Zobaïda —  Haruns berühmte Gemahlin!

Und Alles ist im Nu still.

Die Zobaïda nähert sich auch durch den Mittelgang, aber sie geht nicht so schnell wie die Eunuchen —  lange nicht so schnell: zwei Sklaven müssen sie rechts und links stützen, denn die hohe Frau ist mächtig schwer; das hat sie nicht blos ihrer beträchtlichen Leibesfülle zu verdanken, sondern viel mehr noch ihren vielen Juwelen, von denen sie sich nie trennen mag.

An jedem Fussgelenk der Gemahlin glänzt ein dicker goldener Fussring, an jedem Zeh sitzen mehrere Ringe mit funkelnden Steinen. Die Handgelenke werden von dicken Armbändern umklammert, an jedem Oberarm prangen nicht weniger als vier starke Goldspangen. Und um Hals und Brust lagern unzählige Ketten. An den Ohrläppchen hängen die dicksten Perlen. Auf dem Kopfe throhnt ein riesiges Diadem. Und die Finger der Hände sind nicht zu sehen, denn sie sind ganz und gar mit Gold und Steinen umwickelt.

Das ist Haruns schwere Gemahlin.

Doch ihre Zunge ist nicht schwer, sie wettert vorn angekommen gleich stürmisch los:

»Ihr rungenfaulen Dirnen, Ihr wollt noch weiter schlafen? Ist das eine Art, ist das gute Sitte? Ihr stinkt ja vor Faulheit. Bereitet Ihr Euch so auf die Ankunft meines hohen Herrn Gemahls vor? Wisst Ihr nicht, dass Er heute Morgen ankommt? Und da schlaft Ihr noch? Mit der Peitsche hätt‘ ich Euch wecken müssen! Wie ich so jung war wie Ihr, konnt‘ ich vierzehn Tage lang nicht ein Auge zuthun, wenn ich wusste, dass Er im Anzuge ist. Schämt Euch was! Ihr habt keinen Tropfen gesunden Bluts in den Adern. Man sollt‘ Euch im Tigris ersäufen —  Ihr Luders!«

Sie muss sich verpusten und setzt sich hin —  das dröhnt.

Dicht vorm Mittelgang sitzt sie, den sie ganz versperrt.

Sie befiehlt den Mädchen noch einmal den neuen Tanz auf einem Beine zu tanzen; sie will sehen, ob Alles ordentlich eingeübt ist.

Die Eunuchen pauken und trommeln, und die Mädchen tanzen auf einem Beine mit wildem Eifer; Zobaïda lächelt und nickt —  es geht Alles gut.

Wer mit dem andern Fuss den Teppich berührt, muss die Oberkleider abziehen —  und auf dem andern Beine weitertanzen.

Jedes Mädchen bemüht sich, möglichst lange auf einem Beine zu hopsen, um möglichst lange die schönen Kleider anbehalten zu können.

Wer auch auf dem zweiten Beine nicht weiter kann, muss auch die Unterkleider, die aus Linnen und südarabischer Baumwolle bestehen, eiligst abziehen —  und unbekleidet vor des Chalifen hoher Gemahlin niederknieen.

Und bald knieen alle die vielen braunen und schwarzen und weissen Mädchen splitternackt im Halbkreise vor der dicken Zobaïda, die die Leiber aufmerksam mustert; sie spricht dabei zu jedem Mädchen einzeln mit grösster Sachverständigkeit.

Leider können die aufhorchenden Europäer Nichts von ihren weisen Rathschlägen vernehmen, da der Lärm der Pauken und Trommeln Alles übertönt.

Die nackten Mädchen küssen vor der Gemahlin des grossen Chalifen in Ehrfurcht den Teppich und steigen dann eiligst ins Bad.

Die Pauken und Trommeln verstummen, und die Europäer hören nur noch das Geplätscher der Badenden, sehen aber wenig von diesen.

Duftendes Kräuterwerk aus Siraf wird ins Bad geschüttet.

Die Eunuchen streuen Blumen auf die Teppiche und sprengen Lilienöl und Rosenwasser auf die vielen Kleiderhaufen, die von blauer, rother und grüner Seide strotzen.

Dann nähern sich die Eunuchen der hohen Gemahlin, fallen auch auf die Kniee und berühren mit der Stirn den Teppich —  bleiben so liegen.

Und auf ein Zeichen der Zobaïda hört das Geplätscher hinten auf —  es wird wieder ganz still.

Und dann tönt leise ein altes einförmiges Lied —  Alle singen’s ganz leise —  es ist das Schlummerlied des Propheten.

Die Köpfe der Mädchen sind dabei zu sehn, sie heben auch die Arme hoch empor und bewegen sie schaukelnd von links nach rechts und von rechts nach links und wieder von links nach rechts und wieder so und wieder so, als wollten sie unsichtbare Kinder einwiegen in der duftenden Luft.

Und bei diesem wiegenden Gesange fallen vorn einzelne Diamanten von der Decke herunter; die funkeln, blitzen und brennen in tausend Farben. Es fallen immer mehr Diamanten —  immer schneller flimmern sie runter. Bald sind es so viele, dass die Europäer nicht durchsehen können.

Ein Diamantenregen!

Eine so tolle Farbenglut und Farbenwuth —  so brennend und gleissend und glimmend und zuckend, dass die Europäer unwillkürlich in helle Freudenrufe ausbrechen; die Schlangenköpfe sind gänzlich vergessen.

Und der Diamantenregen hört garnicht auf.

Aber die Steine fallen bald langsamer —  sie schweben bald so langsam herunter wie Schneeflocken.

Es ist unbeschreiblich!

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