Der Tod der Barmekiden

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Die Löwen lächeln, denn zu ihren Füssen steht ihr Lieblingsgericht: Klapperschlangen in Unkentunke. Die schmecken besonders in der Nacht sehr schön.

Die Europäer staunen den neuen Vorhang an, der von oben bis unten mit herrlichen schnörkelreichen Goldstickereien bedeckt ist. Ein kraftvolles, knotiges, vielgekrümmtes Rankenwerk mit dicken Fruchtknollen und hakigen Menschennasen!

In der Mitte des Vorhangs sitzt ein grosses, scheusslich dickes Negerweib, das die Europäer mit traurigen Augen anglotzt. Die Haut des dicken nackten Weibes ist tiefschwarz wie Ebenholz. Aber schön ist dieses schwarze Weib nicht zu nennen, denn die Formen desselben sind so üppig, dass man eine Auflösung —  ein Auseinanderfliessen —  befürchten muss.

Die Löwen speisen mit vielem Vergnügen, aber sie vergessen dabei das Reden keineswegs.

Plusa hebt mit seiner Rechten ein dickes Stück Schlangenhals empor und spricht ernst also:

»Brüder, wir sind ächte Geister und sind niemals traurig wie Menschen; eine Thräne, wie sie Menschen weinen, rann noch nie über unsre Wangen —  und das wird auch in Ewigkeit nicht vorkommen. Wir sind immer gleich wieder lustig, auch wenn uns mal was weh that. Ihr habt mir weh gethan —  doch ich bin schon wieder lustig. Sagt mir drum, ich bin ja so dumm, warum sollen die Weiber keine Freiheit haben —  wie die Männer? Das hab‘ ich immer noch nicht begriffen.«

Frimm schluckt hastig einen Löffel Unkentunke runter und erwidert grimmig:

»Aller Spektakel geht doch gewöhnlich nur von den Frauen aus —  diese bringen allen Zank und Unfrieden in die Welt. Man muss daher dieses Geschlecht einsperren —  und Alles wird gutgehn. Die Fortpflanzungsakte sind eben immer gefahrbringend und lebensgefährlich —  deshalb darf den Weibern nicht so viel Freiheit wie den Männern eingeräumt werden. Jede freie Liebe erzeugt höchst schmutzige Verhältnisse —  man sehe sich nur Europa an! Die Europäer sollten endlich mal gegen das gesammte Hetärenwesen mit Allem, was drum und dran hängt, energisch Front machen. Das geböte doch schon der Anstand. Der Mann darf doch nicht zum intimen Freunde einer Hetäre werden —  der spielt doch nirgendwo eine Heldenrolle. Grade die sexualen Verhältnisse müssen in erster Linie geregelt werden. Unklare und ungeregelte Verhältnisse passen sich doch nicht für anständige Leute. Die Freiheit der Frau führt Hetärenrecht ein und ist doch unsittlich.«

Leidenschaftlich zermalmt der gute Knaff ein Dutzend Schlangenknochen und schreit dann heftig:

»Führt Hetärenrecht ein! Bravo! Hetärenrecht, das natürlich nicht mit dem Rechte der anderen Frauen identisch ist! Das fehlte auch grade noch! Mensch und Mensch ist eben nicht dasselbe, denn schon Pferd und Pferd ist bekanntlich nicht dasselbe. Die Weiber sind schon im Allgemeinen Menschen zweiter Klasse —  die Hetären sind aber nur dritter, vierter oder fünfter Klasse, haben daher lange nicht so viel Rechte wie andre Menschen.«

»Nu wart doch nur!« sagt darauf Olli beschwichtigend, »Du darfst die Sache nicht gleich so bösartig anfassen. Du redst ja so gehässig wie ein Weib ›erster‹ Klasse!«

»Aber Olli!« rufen die andern Löwen im Chor; und Pix bemerkt in sehr ernstem Tone: »Es ist sehr wichtig, den Europäern gegenüber öfters zu betonen, dass wir das Weib als Rasseerhalterin durchaus nicht unterschätzen. Es war daher sehr überflüssig von unserm Freunde Knaff, die Frauen als Menschen zweiter Klasse zu bezeichnen. Die schulmeisterliche Rangordnungssucht könnte uns in den Augen der Europäer schaden. Die Erde ist noch mehr als ein Schulhaus.«

Die Löwen haben ihre Schlangen verspeist und nur deren Köpfe übrig gelassen —  diese spiessen sie jetzt ihrer Gewohnheit gemäss auf ihre Schwanzspitze; mit ein paar blauen Haaren aus der Mähne werden die Schlangenköpfe festgebunden.

Bei dieser umständlichen Beschäftigung setzt Olli seine scharfsinnigen Betrachtungen über die Konsequenzen des Hetärismus auseinander:

»Würden die Männer das sexuale Leben der Frau in laxer Weise kontrolliren und so dem Hetärenthum Vorschub leisten, so wäre der ungeregelten und damit unbedachten Zuchtwahl Thür und Thor geöffnet, was der Verbesserung der Rasse niemals förderlich sein könnte —  und auf die ›Verbesserung‹ der Rasse kommt’s doch an. Die Europäer wissen gewiss, dass die geregelte und wohlbedachte Zuchtwahl auch bei den Hunden und Pferden bessere Resultate zeitigt als die simple natürliche Zuchtwahl. Warum also bei den Menschen anders verfahren? Lässt man der Frau, die doch die ›Verbesserung‹ der Rasse nicht oft im Auge hat, in sexualen Fragen zu viel den Willen —  oder gar jeden Willen —  so bedeutet das einen Rückfall in die alte vorsintfluthliche Zeit, in der die Mutter das Oberhaupt der Familie war und kein Kind wusste, zu wem es Vater sagen sollte. Solchen Atavismus wird kein vernünftiger Mensch wollen. Wohin steuert also die freie Liebe? In den Hetärismus. Und wohin steuert der Hetärismus? In einen vorsintfluthlichen Zustand hinein, der jederzeit für einen sehr niedrigen gehalten wurde. Das sind die Konsequenzen des Hetärismus! Ich habe Euch das in Eurer Sprache gesagt! Ihr habt mich hoffentlich verstanden, nicht wahr?«

Die Europäer murmeln schüchtern: »Ja!«

Plusa fängt schrecklich zu lachen an und redet also:

»Da brat‘ mir Einer ’nen Storch! Die Freiheit der Frau ist ein Uebel! Gut! Die Freiheit des Mannes ist aber der Kinder wegen nothwendig, da die Hetären das Sexualsystem der Männer doch von Zeit zu Zeit aufzureizen haben. Ist demnach nicht die Existenz der freien Weiber ebenfalls eine Nothwendigkeit? Haben somit die Hetären nicht mindestens eine eben so grosse Bedeutung und Existenzberechtigung wie die angeketteten Mütter? Diese könnten ja ohne jene garnicht da sein! Was sagt Ihr dazu, Ihr Schlauköppe?«

Die vier anderen Löwen wedeln mit den Schwänzen und blicken nachdenklich in den Wüstensand —  dabei nähern sie ihre Schwänze mit den Schlangenköpfen dem Gesichte des Plusa und —  schwapp! da hat der Ewigfreche die vier Schlangenköpfe in den Augen und in den Nasenlöchern —  und schwapp! da hat er sie noch mal, dass er niesen und Thränen vergiessen muss.

Und über diesen Zwischenfall müssen die Europäer schrecklich lachen, während Plusa vor Schmerz aufbrüllt.

Indess —  das Lachen der Europäer empört die Löwen so furchtbar, dass sie donnernd auffahren und den Europäern die Schlangenköpfe an die Köpfe schleudern —  und da ist denn das Wehgeschrei bei dem sonst so stillen Publikum.

Raifu hört es, sein Kopf erscheint wieder über dem Vorhang, und seine Stimme dröhnt mächtig durch die Wüste —  er sagt drohend:

»Was sollen denn diese Kindereien? Wisst Ihr nicht, was Ihr zu thun habt? Na? Los!«

Und mit ein paar Sätzen sind die Löwen wieder in der Mitte des Vorhangs und reissen ihn knurrend entzwei.

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Die neunte Nummer beginnt:


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