Der Tod der Barmekiden

Der Harmlose

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Das Bild von Mekka hebt sich ein wenig und geht nach links ab, als wenn’s geschoben würde; die Moschee verschwindet, der Markt verschwindet und die Pilger desgleichen.

Und die Wüste kommt vor —  mit Kameelen und Hyänen.

Aber die Wüste steht nicht still, sie geht auch nach links —  und zwar immer schneller —  immer hastiger.

Oasen mit Palmen, Felsen und Quellen flitzen nur so vorüber. Die ganze arabische Wüste rast so schnell an den Europäern vorbei, als wenn die in einem europäischen Blitzzuge sässen und nicht im Syrerland.

Und durch die arabische Wüste jagen bunte Reiterscharen im gestreckten Galopp von links nach rechts —  das sind die wilden Krieger des allmächtigen Harun!

Immer mehr Reiter erscheinen auf der Bildfläche —  ganze Heere! Und dazwischen rennt viel Fussvolk ohne Stiefel mit blitzenden Klingen und blitzenden blutdürstigen Augen.

Alle Krieger Haruns sind bis an die Zähne bewaffnet. Die Lanzenspitzen der Beduinen leuchten im Sonnenlicht, die Hauptleute fluchen —  und Alles ist voll Kampfgier.

Die Landschaft geht immer nach links, und die Krieger gehen nach rechts, sodass diese länger zu sehen sind. Lange Karawanen folgen den Heeresmassen; die Kameele laufen auch, dass die Leiber kaum mitkommen können.

Und dann erscheint Harun mit den Feldherrn.

Fesselten schon die unzähligen Farben der Heeresmassen, die wie ein Blütensturm vorüberwirbelten, mächtig das Auge der Europäer —  so war das doch noch Garnichts —  denn Harun mit seinem Gefolge entzündet einen blendenden Farbenrausch —  der ist viel viel bunter als die ganze Welt und funkelt dazu, da die reichen Araber unter Harun mit Diamanten und Edelsteinen nicht sparsam umgehn.

Der grosse Chalif, der breiter und stärker ist als sein ganzes Gefolge, sitzt auf einem sehr kräftigen schwarzen Hengst, dessen hochgewölbte Brust ein hellbrauner mit blauen Saphiren besetzter Ledergurt umspannt. Steigbügel, Sattel und Zaumzeug sind ebenfalls hellbraun und mit Saphiren besetzt —  Alles ist breit, gross und fest wie Harun selbst. Seine mächtige Gestalt ist mit golddurchwirkten Gewändern umhüllt, die auch überall mit grossen dunkelblauen Saphiren beschwert sind. Oben am grünen Turban strahlt ein eigrosser Saphir. Aber die schwarzen Augen im vollen braunen Antlitz des Fürsten brennen stärker als alle Edelsteine; er streichelt mit der Linken seinen schwarzen Bart und hebt mit der Rechten seinen krummen Säbel empor.

Mit einem Schenkeldruck zügelt der Chalif sein Ross und ruft seine Feldherren heran.

Und die Landschaft steht still.

Die glänzenden Feldherren kommen —  der ganz knallroth gekleidete Henker kommt in erster Reihe —  und Alle —  hoch zu Ross —  bilden ein buntes funkelndes Bild.

Harun in der Mitte ist ganz voll Seligkeit —  Rebellen bekriegen, macht ihm Spass.

Nach einer kurzen Rede des Chalifen sprengt die stattliche Reiterschar mit gezücktem Säbel weiter —  nach rechts ab.

Der Wüstenboden steigt langsam höher und höher und verschwindet in der Höhe —  unter ihm sehen die Europäer einen schattigen Garten der Chalifenburg im fernen Bagdad mit dem blauen Tigris und einem kleinen Kiosk.

Im Kiosk sitzt die Abbasah und wartet auf ihren Djafar, doch der lässt nicht lange auf sich warten —  er erscheint schon, er trägt Sklaventracht, kurzen gelben Leinenrock, der nur bis zum Knie reicht und auch die Arme frei lässt; die braunen Beine und Arme sehen etwas staubig aus. Die Abbasah nickt ihrem Geliebten freundlich zu, und der reisst im Kiosk sein gelbes Kopftuch ab, sinkt zu ihren Füssen nieder und bleibt da liegen. Die Abbasah blickt in den blauen Tigris und streichelt dabei Djafars schwarze Haare.

Doch das Bild versinkt sofort wieder in die Tiefe, aus der’s herauskam, und der Wüstenboden kommt wieder herunter und verdeckt Alles.

Und abermals Pferdegetrappel und dazu wildes Kriegsgeschrei: von links stürzen in unabsehbar langer Front die Krieger des Rebellen Jahjah ibn Abdallah herein, und von rechts bricht Harun mit seinen Scharen auch in unabsehbar langer Front herein. In der Mitte prallen die Schlachtlinien auf einander. Furchtbar ist das Getöse der Schlacht! Es kämpfen an die hundert Tausend Mann.

Riesige Staubwolken wirbeln empor und verhüllen das Bild. Dumpf dröhnt das Gestampfe der Rosse, durch das die Säbel und Schilde hell hindurchklingen. Der Boden zittert.

Wie die Staubwolken fallen, sehen die Europäer, dass neben verreckenden Pferden unzählige Tote und Verwundete den Kampfplatz bedecken. Schauerlich hallt das Wuthgebrüll der sterbenden Krieger zum Himmel.

Im Hintergrunde tobt die Schlacht weiter.

Die Landschaft aber setzt sich wieder in Bewegung und geht mit der ganzen Schlacht links ab.

Wieder flitzen die Oasen und Felsen, die Palmen, Quellen und Karawanen an den Augen der Europäer vorbei….

Dann geht’s mit einem Male langsamer, und ein grosses Feldlager mit unzähligen Zelten bleibt auf der Naturbühne stehn. Überall brennen Holzhaufen und Fackeln.

Harun sitzt mit nacktem Oberkörper vor dem grössten der Zelte und lässt sich den linken Oberarm verbinden, mit der Rechten schwingt er seinen von Blut ganz rothen Säbel und zertheilt mit ihm ein gebratenes Lamm und fängt dann an, mit Eifer zu essen, ohne sich um die beiden Ärzte zu seiner Linken zu kümmern. Die ungeheuer breite schwarz behaarte Brust hebt und senkt sich sehr schnell, denn er hat sich nach dem Kampfe noch garnicht ausgeruht. Der knusprige Lammbraten schmeckt ihm vorzüglich; die Europäer hören deutlich, wie die Knochen des Lamms im Munde des Chalifen knacken und brechen.

Ringsum bewegtes Lagerleben —  die Köche und Aerzte haben sehr viel zu thun —  die Schlacht war heiss.

Ueber den Zelten zeigt sich eine grosse weisse Lichtscheibe, die hin—  und herwackelt. Und plötzlich versinkt das ganze Lager, dass nur noch die Spitzen der Zeltdächer zu sehen sind. Die Lichtscheibe steht still.

Die untere Hälfte der Scheibe verwandelt sich in einen dunklen See, der nur am Ufer von Mondlicht erhellt wird. Und am Ufer im Schilf kommt ein Kahn hervor —  in dem sitzen Djafar und Abbasah —  sie halten sich fest umschlungen und flüstern sich Liebesworte ins Ohr. Die Europäer müssen ihre Operngucker mehr rausschrauben und die Schallfänger breiter machen.

Die Abbasah ruft schwärmerisch:

»Horch, Djafar, dort drüben flötet eine Nachtigall —  wie die jauchzt! Jetzt möcht‘ ich meine Lautenspieler hier haben. Die hätten doch hier im Schilf spielen können. Warum hast Du nicht daran gedacht? Du denkst auch an Garnichts!«

Das runde Bild fällt nach diesen Worten wie ein runterfallender Mond in die Tiefe, und gleichzeitig verschwinden die Spitzen der Zeltdächer —  dafür wird unten ein wildes Stimmengewirr hörbar, Rossegewieher und Schwerterklang.

Und ein Schlachtbild erhebt sich aus dem Boden —  das ist noch wilder als das andre. Es wird vom Mondlicht bestrahlt und nicht von Staubwolken verdeckt.

In wilder Hast jagen Beduinenscharen mit leuchtenden Lanzenspitzen vorüber, Fahnen flattern, die Hauptleute fluchen unheimlich.

Die Reiter hauen und stechen auf einander los, Pferde stürzen, dumpfe Pauken dröhnen —  und in der Mitte sieht man wieder den riesigen Harun auf seinem schwarzen Streitross —  er holt mit einer riesigen Streitaxt zum Schlage aus —  Alles brüllt —  Der Vorhang fällt.

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