Der Tod der Barmekiden

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Die Löwen essen ein bischen Rhinocerosmark.

Die Europäer sehen sich den Vorhang an.

Der Vorhang ist feuerroth. In seiner Mitte ist ein aufrecht stehender totblasser Mann gemalt, der in höchster Verzückung die Augen verdreht und tausend ganz lange dünne Arme gierig wie Spinnenbeine nach oben und nach den Seiten hin ausbreitet, als wollt‘ er was mit ihnen umarmen. Die Kleider sind undeutlich —  sowohl in der Farbe wie in der Form.

Die Löwen machen über den Vorhang einige kunstkritische Bemerkungen, die leider nicht von Bedeutung sind.

Die Europäer benutzen ihre Operngucker mit beneidenswerther Ausdauer.

Olli, der Scharfsinnige, bemerkt mit sachkundiger Miene, während er sich mit den Krallen etwas Rhinocerosmark aus dem Schnurrbart kratzt:

»Man fühlt doch gleich heraus, dass die ganze Geschichte in erster Linie fürs Volk aufgeführt wird, aufs Volk berechnet ist. Es ist nur traurig, dass die Geschichte für die Europäer trotzdem noch in so mancher Beziehung zu hoch ist.«

Er reicht seinen leeren Teller den flinken Wiener Kellnern. Die andren Löwen reichen ihre Teller auch herunter.

Fünfzig Mann tragen immer einen Teller fort.

Knaff bemerkt unwirsch:

»Nächstes Mal vergesst nicht die Wischtücher fürs Maul! Es sind doch genug da!«

Plusa sagt mit seiner klaren lauten Stimme:

»Dieser Harun! Dieser Mensch, der die Sitte durchbrechen will! Was der sich blos einbildet! Unglaublich! Jugendliche Schwärmerei! Unsittliche Begierde!«

Hienach ergreift der ungestüme Knaff abermals das Wort: »Und diese herrliche Harmonie der liebenden Seelen! Wie sie sich gegenseitig Alles nachmachen! Köstlich war’s! Und Harun liebt die  B e i d e n !  Das soll wahrscheinlich auch ›freie Liebe‹ sein. Europäer, passt auf, dieses Stück wird Euch jede Art von ›freier Liebe‹ ein für alle Mal vergällen. Ihr sollt endlich mal Euren Weibern die Freiheitsgelüste auspumpen! Führt endlich mal den Harem in Europa ein!«

»Nun hör doch endlich mal auf!« brüllt da der vornehme Frimm los, »wir dürfen doch jetzt noch nicht sagen, worauf’s ankommt!«

»Warum nicht?« brüllen die Andern.

»Raifu will doch nur Propaganda für den Harem machen!« brüllt der Knaff.

Und die Löwen werden ungemüthlich. Sie greifen den vornehmen Frimm thätlich an, schlagen mit den Tatzen nach seinem Gesicht und knallen fürchterlich mit den Schwänzen.

Doch da erscheint über dem Vorhang wieder Raifu’s bärtiges Antlitz.

»Ruhe!« spricht er scharf, »macht nicht solchen Lärm! reisst den Vorhang entzwei!«

Die Löwen springen knurrend in die Mitte des Vorhangs hinein, packen ihn mit Tatz und Zahn und reissen ihn mit solcher Wuth auseinander, dass sie rücklings hinstürzen und von den beiden Hälften des Vorhangs ein Stück im Sande auf dem Rücken geschleift werden, was einen etwas hilflosen Eindruck macht.

Die Europäer beissen sich in die Lippen.

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Die fünfte Nummer beginnt:


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