Der Kaiser von Utopia

85. Der verschwundene Bartmann

ps_010 Nun wurde festgestellt, daß der Kaiser Philander, als er auf dem Markte zu Schilda vor den Schildbürgern erschien, auch in Ulaleipu war und in Gegenwart zweier Ärzte ganz fest schlief und dabei ganz wie ein Gesunder schnarchte. Und es ließ sich somit nicht in Abrede stellen, daß der Kaiser in Schilda ein Doppelgänger war.
Diese Doppelgängergeschichte wäre zu andern Zeiten niemals so ohne Weiteres geglaubt worden, aber da sich zur selben Zeit so viele andre wunderbare Erscheinungen zeigten – die Irrlichter, die wachsenden und explodierenden Leichen und die Kometen und der bewegliche Meeressumpf – so nahm man den Doppelgänger wie etwas Selbstverständliches hin; es wurde nicht einmal in einer einzigen Broschüre der Versuch gemacht, die Realität des Doppelgängers in Zweifel zu ziehen.
Viel mehr Verwunderung erregte das plötzliche Verschwinden des Herrn Bartmann, und man fing an, den Doppelgänger mit dem Herrn Bartmann in eine gewisse Verbindung zu bringen, doch dachte man nicht klar darüber, da die explodierenden Leichen allen Gelehrten einfach den Kopf verwirrten.
Daß der Herr Bartmann nicht aufzufinden war, erklärte der Kaiser für ganz unbegreiflich – und er tat ganz verzweifelt darüber – und schickte Boten durch das ganze Reich, die den Herrn Bartmann suchen sollten.
Aber der Herr Bartmann war und blieb verschwunden, und der Kaiser sagte sich im Stillen:
»Daß mir die Komödie so glücken würde, das hätte ich doch nicht gedacht.«
Und er nahm sich fest vor, dem Staatsrate nie mehr Vorwürfe über die Maskerade zu machen; der weiße Bart und das weiße Haupthaar gestatteten doch, Dinge in Szene zu setzen, die wirksam gemacht werden konnten; die Verschwiegenheit der Hofbeamten erschien hierbei auch im allerbesten Lichte.
Und nach diesen Erwägungen ließ der Kaiser seinen Onkel, den Oberpriester Schamawi, und andre Priester rufen und erklärte ihnen Folgendes:
»Daß dieser Bartmann verschwunden ist, scheint mir ein großes Unglück für das Kaiserreich zu sein; er war der Einzige, der den Kopf oben behielt, als Alle in Verwirrung gerieten. Ich habe genug von dem Herrn und über ihn gelesen, daß ich wohl bitten möchte, eine vollständige Sammlung dieser Skripturen zu besitzen. Aber das bekomme ich ja schon. So weit ich nun die Sache übersehen kann, hat Alles, was er sagte, eigentlich einen religiösen Charakter, und deshalb habe ich die Herren gebeten, herzukommen.« Der Kaiser bot den Priestern gute Zigarren an, und man rauchte und plauderte dabei ganz gemütlich über den verschwundenen Herrn Bartmann. Und Alle bedauerten lebhaft, daß sie den Herrn nie persönlich vor sich gesehen hätten.
Nach einiger Zeit fuhr dann der Kaiser also fort:
»Fassen wirs kurz so: Herr Bartmann meinte, das Leben der gewöhnlichen Menschen bestände blos aus Arbeiten und Genießen – das Leben der größeren Menschen müßte aber hauptsächlich ein Weltlebenmiterleben sein. Das ist das, was man vor ein paar tausend Jahren im wilden Westen ein Leben in Gott nannte. Wir sind ja nun heute nicht mehr so arrogant, uns einem Allwesen nähern zu wollen – aber wenn wir von dem Geiste sprechen, der uns führt und den wir nur des Volkes wegen Volksgeist nennen, so denken wir da doch an einen größeren Geist – dem wir ohne Weiteres ein Weltlebenmiterleben zugestehen. Und daß dieser Geist uns auch so weit haben möchte, wie er selbst ist, werden wir ja begreiflich finden. Demnach ist die Aufgabe, die Menschen zu einem höheren Weltleben hinzuleiten, wohl die Aufgabe des Priesterstandes.«
Das wurde nun von den Priestern lebhaft bejaht, und der Kaiser bat nun die Priester, im Sinne des Herrn Bartmann zu wirken und diesen so zu ersetzen.
Und die Priester erklärten, daß die großen wunderbaren Naturereignisse der letzten Zeit wohl geeignet wären, einem religiösen Leben mehr Zugänge zu verschaffen als bisher.
Und diese ganze Angelegenheit wurde nun bis ins Kleinste durchgesprochen, und Schamawi drückte dem Kaiser zum Schlusse den Dank des Priesterstandes für die Förderung der religiösen Interessen in lebhaften bewegten Worten aus.
Der Kaiser konnte sich ganz fest darauf verlassen, daß alles, was er wünschte, mit peinlicher Genauigkeit ausgeführt werden würde.
Der verschwundene Herr Bartmann erhielt somit für Utopia täglich – fast stündlich – eine größere Bedeutung.
Der Kaiser Philander lächelte.

 


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