Der Kaiser von Utopia

62. Der rasende Bartmann in Schilda

ps_064 Danach aber erschien der Herr Bartmann plötzlich in einem langen weißen Gewande, das hinten eine lange weiße Schleppe hatte, auf dem großen Markte zu Schilda und bestieg dort eine große Teertonne und hielt eine Rede an die Schildbürger, die sich grade zum Ratshause begeben wollten und nun natürlich vor der Teertonne stille standen.
Auf dem Haupte trug der Herr Bartmann einen Kranz von taubenei-großen Rubinen, die mächtig funkelten, und er sprach mit donnernder Stimme:
»Ganz Utopia versteht mich nicht; Ihr aber, werte Bürgersleute von Schilda, Ihr werdet mich verstehen, obgleich man Euch für Narren hält. Mich hält man auch für einen Narren, und das hat mir auch noch nichts geschadet. Aber weil man mich für einen Narren hält, so will ich auch wie ein Narr zu Euch Narren ein Narrenwort reden. Die Zeiten sind ernst, und daher sind wir lustig.«
Da lachten die Schildbürger, der Ton war ihnen vertraut; aber die Stimme des Kaisers erkannten sie nicht wieder, da er mit einem Stimmverstärker sprach; Bartmann fuhr nun fort:
»Die bunte Krankheit ist doch die gewaltigste Stimme der Natur, die uns sagen will, daß wir leben sollen – immer mehr und heftiger leben sollen – immer lustiger und großartiger leben sollen – ein Weltleben – das große, kräftige Leben der Natur – des großen Geistes, der uns führt. Und wenn diese verdammten Kranken vom Sterben so sprechen, als wärs viel herrlicher als alles Leben – merkt Ihr da nicht, daß da die Natur durch die Kranken eine Hohnsprache zu uns spricht? Wenn die Kranken das Sterben preisen wollen, so müssen sie doch erst gestorben sein. Sie sprechen aber vom Sterben, während sie noch leben – also sprechen sie von einem großen Lebenszustande und nicht von einem Sterbenszustande – denn den kennen sie ja doch noch garnicht.«
Da lachten die Schildbürger abermals und klatschten Beifall mit den Händen, und der Herr Bartmann berührte mit dem rechten Zeigefinger seine Nasenspitze und lächelte – und sprang dann von der Tonne herunter – und ließ zum Tanze aufspielen – und tanzte mit den Frauen der Schildbürger wie ein Rasender und erklärte, daß die Kranken das Delirium hätten – das neue Delirium – und daß ihre Reden voll Hohn seien – damit die Utopianer endlich aufgerüttelt würden – zum neuen strahlenden Weltleben – deshalb seien auch die neuen Kometen so hell strahlend.
Es war währenddem Abend geworden – und siehe – unter Fackelbeleuchtung wurde plötzlich die Leiche des Herrn von Moellerkuchen vorübergetragen – und neben der Leiche schritt würdig im langen weißen Bart der Herr Sebastian als Bürgermeister.
Alles verstummte; die Leiche wurde mitten auf dem Markte enthüllt – und da sahen die Schildbürger mit Entsetzen, daß sich die Glieder der Leiche bewegten und überall große Blasen und astartige Gewächse herauswuchsen.
Und der Herr Sebastian sagte:
»Der Herr Bartmann hat Recht. Selbst die Leichen leben. Geht nach Hause und lebt auch. Die Sprache der Natur wird immer deutlicher.«
Da rannten Alle fort.
Aber der Herr Bartmann sprang wie ein Rasender um die Leiche herum und wollte ihre beweglichen Teile küssen.
Doch die Fackelträger drängten den Herrn Bartmann zurück, und der Herr Sebastian flüsterte dem Herrn Bartmann ins Ohr:
»Verlassen Sie Schilda und gehen Sie nach Ulaleipu – dort sind Sie am richtigen Platze – nicht hier.«
Der Kaiser von Utopia sah seinen Doppelgänger verblüfft an, aber er verließ die Stadt Schilda noch am selbigen Abend.

 


%d Bloggern gefällt das: