Der Kaiser von Utopia

60. Das neue Delirium

ps_061 Das Lächeln der Kranken machte nach einigen Tagen einen furchtbaren Eindruck – es war so, als erstarrte das Lächeln. Und dabei sprachen die Kranken ganz ruhig von der Herrlichkeit des Sterbens.
Ein alter Botaniker sagte, während sein Gesicht das erstarrte Lächeln zeigte und seine ganze Körperhaut in blauen, roten und grünen Farben leuchtete und flimmerte:
»Das hätte ich doch nie geglaubt. Ich fühle, daß ich sterbe. Und ich fühle, daß ich so glücklich bin – wie ichs noch niemals war. Es geht die ganze Welt mit mir zusammen. Große Wolken schaukeln mich und umhüllen mich. Ich versinke und sehe unendliche weiche Räume mit stillen Rauchstreifen, die sich um meinen Hals winden. Das Sterben ist herrlicher als alles Leben. Ich will sterben und mich auflösen und fortschweben und vergehen. Es ist nicht zu beschreiben. Aber es wird immer köstlicher. Alles wird so weich und warm. Ich versinke. Es verschwimmt Alles. Ich sehe nicht mehr. Ich fühle nur – so als wenn die ganze Welt mich leise zusammendrückte. Ein Duft von sterbenden Blüten! Und es geht in meinen Hals, und ich schmecks mit meinem ganzen Innern. Jetzt steige ich auf – wie Rauch – zu den Wolken. Und nun langsam fallend seitwärts in immer wärmere Welten – die seh ich glühen und brennen. Ich verbrenne. Unbeschreiblich! Köstlich! Das Sterben ist es wert, daß man gelebt hat. Ich sterbe.«
Der Kranke starb aber noch nicht, dafür wiederholte er in ermüdender Eintönigkeit immerfort diese Reden von der Herrlichkeit des Sterbens.
Und die anderen Kranken sprachen ein Ähnliches.
Und die Ärzte sagten kopfschüttelnd:
»Das ist das neue Delirium.«

 


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