Der Kaiser von Utopia

5. Die bunte Nacht

ps_137 Die Pechflammen auf dem Seebalkon verlöschten allmählich.
Und auch die Lampen in den Häusern der Stadt wurden ausgemacht, sodaß es dunkle Nacht wurde in ganz Ulaleipu.
Nur die Sterne leuchteten oben am Himmel – und die Mondsichel oben in der Mitte des Himmels.
Ganz still war die Nacht.
Dann aber kam eine Lichtgestalt oben aus den Bergen heraus und schwebte langsam hernieder und wurde immer größer, während sie herniederschwebte; aus riesigen innerlich erleuchteten schlauchartigen Ballons war die Lichtgestalt gebildet – und bunt war sie – sehr bunt.
Und brennende Augen hatte die Lichtgestalt und wunderliche wulstige Gliedmaßen, die aber immer wieder anders leuchteten, da die elektrischen Lichter im Innern der Ballons in ständiger Bewegung waren; von den Stricken, an denen die Lichtgestalt heruntergezogen wurde, sah man nichts, da ja die Nacht ringsum ganz dunkel war.
Und die Lichtgestalt lagerte sich über der Stadt an den Bergabhängen, und eine feierliche geisterhafte Musik begrüßte sie.
Danach ward wieder Alles ganz still, und der ersten Lichtgestalt folgte nun eine zweite – und der eine dritte – und jede war immer abenteuerlicher als die andere.
Und es kamen immer mehr Lichtgestalten aus den Bergen herunter, sodaß bald der ganze Talkessel, in dem die Stadt Ulaleipu lag, von lagernden und schwebenden Lichtgestalten erfüllt war.
Ein geisterhaftes Schauspiel!
Und ein Farben- und Lichtschauspiel, dessen unheimliche Großartigkeit gradezu erdrückend wirkte, sodaß die Musik der fünfzig Kapellen, die nur immer für ein paar Augenblicke zu hören war, doch zuweilen wie ein Erlösendes hineinklang.
Wie ein überirdischer Alb schwebten und lagerten die ungeheuren Lichttiere über der Stadt.
Als nun aber alle Ungeheuer unten waren, da wurde plötzlich der schwarze See zu einem großen Lichtkaleidoskop – und das funkelte und glühte und floß und flutete und bildete Spiralen und Ecken und Kanten und Diamantenspäße und Quallenwunder, daß das Auge ganz geblendet wurde.
Danach sangen alle Residenzler zusammen das Frühlingslied des Dichters Itambara.
Und dann wurde eine Lichtgestalt nach der andern dunkel – und der schwarze See wurde auch dunkel.
Und dann wurden oben wieder die Berge rot – und sie bekamen wieder ihre goldenen Ränder.
Der Morgen kam.
Und der Kaiser stieg von seinem Thron herab und ging wieder durch das Dach der Schulterfedern in seine Burg hinein – so wie er gekommen war.

 


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