Der Kaiser von Utopia

4. Der Staatsrat

ps_137 Beinahe den ganzen Tag – schier zwölf Stunden hindurch – war die Stadt Ulaleipu ein großes Theater gewesen. Sämtliche Residenzler hatten bei den großen Festspielen mitgespielt.
Im Mittelpunkte der Aufführungen stand »Der Zank der Berggeister und der Wasserdrachen«. In dieser Komödie hatten sich die kolossalsten Ungeheuer präsentiert – auf den Bergen einerseits und unten im schwarzen See andrerseits; die Größe der Riesenleiber und die kolossale Stimmkraft der Riesen hatten die allgemeinste Bewunderung erregt; selbst der Kaiser hatte zum Zeichen der Anerkennung gelächelt und, wies Sitte ist, mit der Spitze des linken Zeigefingers die Nasenspitze berührt, und die Provinzler waren fast närrisch vor Begeisterung geworden. Aber es ließ sich auch nicht ein einziger Tadel aussprechen – so vortrefflich nahm sich Alles aus. Und des Abends sprach man in den Gärten und auf den Terrassen immer wieder davon und erklärte immer wieder, daß die Theaterkunst doch wahrlich keine so üble Kunst sei – besonders dann nicht, wenn ein ganzes Volk mitspielt und mittätig ist.
Am Abend ruhten sich Alle aus, sodaß die Stadt so still erschien wie sonst – nur die glitzernden Turmstangen und die bunten Stickereien erinnerten daran, daß die Stadt Ulaleipu ihr Frühlingsfest feierte.
Und als nun die Nacht hereinbrach, blieb es zuerst überall so dunkel wie sonst; nur die kleinen Lampen brannten in den Häusern. Dann aber flammten hoch oben auf dem großen Seebalkon der Kaiserburg rote Pechfackeln zum Himmel empor; auf dem Seebalkon hatte sich der Staatsrat versammelt.
Der Staatsrat bestand aus hundert Herren, die mit dem Kaiser zusammen das Land Utopia regierten; diese hundert Herren bildeten jetzt einen Kreis und sprachen leise flüsternd über die nächsten Regierungsgeschäfte.
Dann aber ertönten feierliche Glocken, die das Nahen des Kaisers verkündeten. Fünfzig der Mitglieder des Staatsrates traten nach rechts und stellten sich in einer Reihe auf, und links taten die andern fünfzig dasselbe. Jedes Mitglied des Staatsrates hatte auf jeder Schulter eine zehn Meter hohe künstliche Feder, die sogenannte Schulterfeder, die in Form und Farbe der Gala-Uniform entsprach; jede Uniform war anders und bezeichnend für die Tätigkeit jedes einzelnen Herrn.
Als nun der Kaiser kam, verbeugten sich die Herren – und zwar so, daß sich die Spitzen der hundert Schulterfedern von rechts mit denen von links oben berührten. Und unter diesem Federdach schritt der Kaiser langsam gradaus dem See zu; der Kaiser trug einen langen weißen Bart, einen einfachen roten Purpursammetmantel mit goldenem Gürtel und eine einfache goldene Zackenkrone auf den langen weißen Haupthaaren.
Der Kaiser ging zum Rande des Seebalkons und setzte sich dort auf seinen Thron; die zweihundert Schulterfedern gingen langsam wieder in die Höhe und standen nun wieder steil und still da.

 


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