Der Kaiser von Utopia

32. Das Künstlerfest

ps_033 Die bildenden Künstler des Kaiserreichs Utopia hatten in den letzten Jahrzehnten eine große Vorliebe für die Kunstarten vergangener Epochen gezeigt und dementsprechend verschiedene alte Städte wieder so rekonstruiert, daß man hinter ihren Mauern glauben konnte, noch in einer alten lange vergangenen Vorzeit zu leben; es hatten sich auch viele Utopianer gefunden, die diese alten Städte im Kostüm der alten Zeiten bewohnten und dabei auch die Sitten dieser alten Zeiten so getreu wie möglich kopierten.
Diese antiquarische Geschmacksrichtung hatte aber auch ihr Gegenspiel erzeugt, und somit gabs auch sehr viele Maler, Bildhauer und besonders Architekten, die den lebhaften Wunsch besaßen, in einer Zukunftszeit zu leben.
Diese Zukunftszeit sollte sich ganz besonders durch transportable Häuser – und demnach auch durch transportable Städte auszeichnen. Naturgemäß konnte man so kostspielige Zukunftspläne nicht gleich in die reale Welt übersetzen. Es wurde daher beschlossen, zunächst ein Künstlerfest mit transportablen kleinen Restaurants zu arrangieren. Zwanzig sehr umfangreiche Fesselballons sollten die Restaurants in die Lüfte hinaufheben und da immer wieder in interessanter Gruppierung auf- und absteigen und so die Reize der transportablen Architektur zur Anschauung bringen.
Der Plan kam zur Ausführung, und die Künstler waren einfach entzückt – besonders in den warmen Sommernächten, wenn unten und oben tausend bunte elektrische Scheinwerfer die Luftstadt durchleuchteten.
Ganz Utopia interessierte sich für dieses Künstlerfest sehr lebhaft, und die Zahl der photographischen Aufnahmen von den einzelnen Luftrestaurants aus und auch solche vom Erdboden aus belief sich in den ersten vierzehn Tagen auf ungefähr siebzig Millionen; die antiquarische Richtung verlor der neuen Luftrichtung gegenüber immer mehr an Boden, und alle Welt war erstaunt und entzückt über die lebhafte Tätigkeit der utopianischen Künstlerwelt.
Nur dem Herrn Bartmann gefiel diese neue Richtung in der Kunst keineswegs, und seine abfällige Kritik erregte in den Künstlerkreisen nicht geringes Aufsehen. Seine heftige Rede im Bierkeller über die utopianische Schlaffheit und Faulheit hatte bereits ein großes Kopfschütteln überall erzeugt, die Künstler aber hielten es jetzt für angezeigt, diesem merkwürdigen Quengler ganz energisch entgegenzutreten.
Und es kam zwischen den ersten Architekten des Landes und dem Herrn Bartmann zu einer heftigen Auseinandersetzung – und natürlich hoch oben in den Lüften tausend Meter über dem Festplatze mitten in der Nacht, als die Scheinwerfer herumflirrten – wie die brennenden Blitzstrahlen von Riesendiamanten.
»Eine sehr äußerliche Kunstrichtung«, sagte der Herr Bartmann, » eine reindekorative Kunstrichtung – eine Raumkunst, aber keine Traumkunst. Wenn wir auch dadurch unsrer Erscheinungswelt immer wieder neue Seiten abgewinnen und wenn wir auch dadurch in mancher Beziehung sehr neue und sehr wertvolle Anregungen empfangen – verinnerlicht wird dadurch die Kunst keineswegs – sie wird im Gegenteil immer mehr veräußerlicht durch derartige Spielereien.«
Da gabs nun spitze Worte auf beiden Seiten, und der Herr Bartmann hatte einen schweren Stand; die Künstler setzten ihm klipp und klar auseinander, daß man der Kunst den Boden unter den Füßen fortzöge, wenn man die Kunst von der äußerlichen Erscheinungswelt trennen wollte.
Herr Bartmann aber erklärte nachdrücklich: »Wenn wir in einer äußerlichen Erscheinung das innere Leben herauszufühlen versuchen, so können wir sehr viel herausziehen; lassen wir aber immer wieder neue äußerliche Erscheinungen auf uns wirken, so werden wir nicht die Zeit finden, jeder einzelnen äußerlichen Erscheinung ins Innere zu schauen, und wir werden bald das Innere ganz über dem Äußeren vergessen. Sie wissen, meine Herren, daß ich nicht behaupte, wir könnten überirdische Geister irgendwo entdecken – Sie wissen, wie ich das Innere meine – Sie geben mir immer wieder zu, daß die Fülle der Erinnerungen und der unwillkürlich erzeugten Nebenvorstellungen jedes äußerliche Bild vertieft, verfeinert und zu einem sehr empfindlichen Darstellungsgegenstande macht. Würde sichs nicht empfehlen, dieser intimen Kunstrichtung mal mehr Raum zu schaffen? Durch Ihre Luftschlösser machen Sie alle intimen Bestrebungen einfach tot – Sie zerstreuen, statt zu konzentrieren – Sie geben nicht dadurch den grandiosen Eindruck des intensiven Naturlebens.«
Da widersprach man natürlich sehr heftig und erklärte, daß siebzig Millionen Photographieen von all den verschiedenen Luftsituationen uns doch wohl die Fülle des Lebendigen recht lebhaft verkörpern und daß es doch gradezu toll wäre, in dieser Luftkunst nicht die genügende Sensibilität zu erblicken.
»Nein, nein!« rief aber wieder der Herr Bartmann, »Sie töten damit die Sensibilität. Sie bringen nicht das fieberhafte grandiose Weltleben dadurch zur Empfindung. Auf diese Weise kommen Sie nicht hinter die Erscheinungswelt – nicht in das große ungeheuerliche innere Leben der Natur hinein. Sie müssen das Leben – das ungeheuerliche Leben erfassen – das Leben, das uns in den Sonnenprotuberanzen und in den allmächtigen Ätherschwingungen des Mikrokosmos entgegenrauscht – das müssen Sie erfassen – Sie müssen lebendiger Alles sehen – lebendiger!«
Herr Bartmann zitterte dabei, und seine Zuhörer traten seitwärts und erklärten ihn für übernervös und beschlossen ihn durch List in eine Besserungsanstalt zu schicken, in der überreizte Nerven durch einfache Tätigkeit und feine Ablenkung wieder normal werden.
Und die Künstler erklärten dem Herrn Bartmann, daß er sich wohl selber noch nicht ganz verstände; er müsse jedenfalls auf einem stillen Landsitze seinen Nerven eine Erholung gönnen. Und sie schlugen ihm vor, den Direktor einer Besserungsanstalt aufzusuchen, der grade für intime Kunst sehr viel übrig hätte.
Der Bartmann trank aus Ärger mehr als sonst und erklärte feierlich, daß ihn bisher noch nicht ein einziger Utopianer verstanden hätte – nicht ein einziger.

 


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