Der Kaiser von Utopia

30. Die Rechtszentrale

ps_031 »Nanu«, sagte der Herr Bartmann in der Rechtszentrale am Schwantuflusse, »was wollen Sie denn von mir?«
Der Angeredete, ein alter Kontrollbeamter, zog eine Photographie aus der Westentasche und zeigte sie dem Herrn Bartmann und sagte lächelnd:
»Das sind Sie, nicht wahr, Herr Bartmann? Sie haben gestern Abend in einem Bierkeller, der nur achtzig Meilen von der Rechtszentrale entfernt ist, eine Bierrede gehalten und sich in dieser sehr abfällig über das Kaiserreich Utopia geäußert. Die Rede ist durch Automat aufgenommen mitsamt Ihrer Photographie und heute Morgen durch Rohrpost hierhergelangt. Sie, Herr Bartmann, sind mit Luftwagen hierhergekommen und augenscheinlich ein sogenannter Fremder. Alles, was Recht ist, aber das können Sie nicht verlangen, daß man in Utopia schlecht über Utopia reden darf – und somit wollte ich Sie bitten, mich zu meinem Betriebsdirektor zu begleiten.«
Herr Bartmann kraute sich hinter den Ohren, ihm wurde schwül zu Mute, er stotterte und sah sich nach seinem Luftwagen um. Aber der Kontrollbeamte meinte lächelnd:
»Es ist ja nichts Gefährliches. Strafen tun wir ja nicht in Utopia. Aber die Sache muß zur Diskussion gestellt werden. Ihre Rede hat interessiert. Durch solche Reden können Sie in Utopia berühmt werden.«
»Ich danke schön für den Ruhm!« rief der Herr Bartmann wütend aus.
»Danken Sie nicht zu früh«, versetzte der Beamte, »der Ruhm ist doch eine vortreffliche Ware.«
Sie standen am Ufer des Schwantuflusses, in der Mitte des Flusses stand auf einer länglich ellipsenförmigen Insel der Hauptturm der Rechtszentrale, und an jedem Ufer standen je drei Nebentürme der Rechtszentrale. Und diese sieben, hundert Stock hohen Türme waren durch Tausende von Brücken mit Fahrstühlen unter einander verbunden.
Und da fuhr denn der Herr Bartmann mit dem alten Kontrollbeamten sehr bald auf diesen Brücken herum, und die beiden Herren unterhielten sich über die Bedeutung der sieben Türme; der Beamte sprach nicht ohne Wichtigtuerei:
»In diesen sieben Türmen werden nur Manuskripte fabriziert; jeder Rechtsfall wird hier zu Papier gebracht, die Druckereien befinden sich auf den Hügeln ringsum, hinter denen sich, wie Sie sehen, die Stadt ausbreitet. Augenblicklich wird am meisten über unsern Kaiser Philander geschrieben, der sich ja, wie Sie wissen, in Schilda befindet und Garnichts von sich hören läßt.«
Der Herr Bartmann kraute sich abermals hinter den Ohren und sagte seufzend:
»Die Geschichte kann ja gut werden.«
»Haben Sie blos keine Furcht«, erwiderte lächelnd der Beamte, »in Utopia geht – Alles, was Recht ist – Alles mit rechten Dingen zu, und keinem Menschen wird ein Haar gekrümmt.«
Danach stellte der Beamte den Herrn Bartmann seinem Betriebsdirektor vor, der in einem Prachtsaale saß und gemütlich seine Zigarre rauchte.
Als nun der Herr Bartmann dem Herrn Betriebsdirektor allein gegenüber saß in einem köstlichen Ebenholzstuhle mit Emailmalereien, da fragte der Direktor seinen Gast höflich, während er ihm eine Zigarre anbot: »Wollen Sie das gestern Gesagte in allen Teilen aufrechterhalten?«
Herr Bartmann nickte und las sich noch einmal seine Rede durch und nickte wieder.
Da wurden denn sofort dreißig Regierungslitteraten vom Inhalte der Rede in Kenntnis gesetzt.
Und der Direktor plauderte danach mit seinem Gaste, als wäre Garnichts vorgefallen.
31. Kaiser Moritz der Blamierte
Der Zeremonieenmeister Kawatko sprach in der Versammlung des Staatsrates zu Ulaleipu das Folgende:
»Eine Kraftprobe, meine Herren, hat unser Staatsgebäude glänzend bestanden. Bereits vier Wochen sind es her, daß unser Kaiser Philander der Siebente die Regierungsgeschäfte in die Hände des Oberbürgermeisters von Schilda gelegt hat. Und diese recht kecke Handlungsweise hat den Utopianern bislang nicht ein Haar gekrümmt; wir können mit Zuversicht in die Zukunft blicken.«
Der Kaiser vereinigte in seiner Person die Macht von fünfzig Stimmen, die hundert Mitglieder hatten dagegen nur hundert Stimmen; wollte also der Kaiser etwas durchsetzen, so mußte er mindestens fünf und zwanzig Mitglieder des Staatsrates auf seiner Seite haben. Hatte der Kaiser nicht fünf und zwanzig Mitglieder des Staatsrates auf seiner Seite, so blieb dem Kaiser nur ein Appell ans Volk über.
Der stellvertretende Kaiser Moritz wollte nun zunächst die wirtschaftliche Stellung der Bewohner Schildas durch eine allgemeine Landessteuer befestigen. Da kam er aber beim Staatsrate schön an, kein Mitglied des Staatsrates trat auf die Seite des stellvertretenden Kaisers; Herr Malke, der Historiker, erklärte feierlich:
»Da es eine historische Tatsache ist, daß sich die Schildaer von der großen Staatsreligion der Utopianer lossagten, so sind die Schildaer auch von den wirtschaftlichen Wohltaten des utopianischen Staates abgeschnitten worden; die Utopianer helfen den Schildaern nicht, wenn es ihnen schlecht geht. Und somit erklären wir, daß eine Staatssteuer zu Gunsten der Stadt Schilda nicht von uns genehmigt wird.«
Der Kaiser Moritz appellierte sofort ans Volk – aber in fünf Broschüren wurde einstimmig die Idee des neuen Kaisers für undurchführbar erklärt – der Stellvertretende wurde ganz kalt daran erinnert, daß sich die Utopianer niemals verachten und dabei gleichzeitig anpumpen ließen.
Und der neue Oberbürgermeister von Schilda, den Alle für den Kaiser Philander hielten und der doch bloß der Herr Sebastian war, erklärte feierlich, daß die Schildaer nicht nötig hätten, die Utopianer anzubetteln. Und danach schenkte der neue Oberbürgermeister der Stadt Schilda zehn Tausend Reichstaler, und der Kaiser Moritz war der Blamierte.
Und ganz Utopia lachte über die erste Regierungshandlung des stellvertretenden Kaisers; der Moritz ärgerte sich.

 


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