Der Kaiser von Utopia

3. Das Frühlingsfest

ps_125 Die Zylinderwagen und die Fahrstühle sausen bergauf und bergab, durch die Tunnel und über die Kettenbrücken flitzen die langen Packetwagen, und dazwischen drehen sich die langen Züge der Spiralbahnen hinunter und in die Höhe – ganz Ulaleipu ist in Bewegung – und Alles glitzert dabei – und die glitzernde Bewegung kann der Kaiser vom großen Fenster aus sehen und sich darüber freuen; seine Residenz feiert heute das große Frühlingsfest – der Tag ist so lang wie die Nacht – in frühster Morgenstunde beginnt es – und am nächsten Tage in den späteren Morgenstunden hört es erst auf.
In den Fremdenpalästen geht es am lebhaftesten zu – nur für geladene Gäste aus den Provinzen hat heute die Residenz ein offenes Tor – die andern Fremden müssen hinter den Bergen bleiben, denn die Stadt Ulaleipu kann sich nicht so leicht nach oben und unten hin ausdehnen – die Bautätigkeit ist beinahe zu Ende.
Auf den Terrassen und in den Gärten gibts jetzt das berühmte Frühlingsfrühstück und dazu ein Frühkonzert von fünfzig Kapellen, die an fünfzig verschiedenen Stellen mit Benutzung der Echos teils zusammen teils vereinzelt – aber immer einander ergänzend – das Meisterwerk eines utopianischen Komponisten vortragen.
Aus allen Fenstern sind jetzt bunte Stickereien herausgehängt, und aus den Türmen ragen unzählige lange Stangen heraus, die sich immerzu um sich selber drehen, was einen Glanzeffekt erster Güte erzeugt, da die Stangen sämtlich von oben bis unten mit bunten, zum Teil prismatisch geschliffenen Gläsern verziert sind.
Die Frühlingsmusik rauscht über den schwarzen See hinweg in das große Fenster des Kaisers hinein – und dann klingt es bald da – und bald dort – bald oben in den Bergen – und bald unten im See.
Und Ulaleipu frühstückt dabei – aber ganz vorsichtig ißt man – klappert nicht mit Messer und Gabel – kein Kind darf ein lautes Wort sagen. Und auch die kleinen Jungen mit den Festschriften auf den Bahnstationen reichen vorsichtig das Papier hin, daß es nicht knistert. Wer noch gehen muß, geht auf den Zehen und langsam.
Der Kaiser sieht seine Stadt an – sieht, wie die Stangen auf den Türmen unaufhörlich glitzern und farbig funkeln – und wie die bunten Stickereien die ganze Stadt ganz bunt machen. Und das Frühkonzert der fünfzig Kapellen tönt harmonisch in das Frühlingsfest hinein, sodaß der Kaiser doch lächeln muß.
Unten auf dem schwarzen See stehen auch die Ruderboote und die Motorboote ganz still, damit kein Mißton hineinklinge in das Frühkonzert der fünfzig Kapellen.

 

 


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