Der Kaiser von Utopia

28. Der Bierkeller

ps_scheerbart-grosserevolution Der Herr Citronenthal führte nun den Herrn Bartmann in das beste Restaurant der Stadt und stellte seinen Gast dort mehreren alten Herren vor, mit denen sich die Beiden in das prächtige Eichenzimmer zurückzogen. In dem Eichenzimmer war alles voll üppigster phantastischer Holzschnitzerei – selbst die Tischplatten zeigten Holzskulpturen in Flachrelief.
Herr Bartmann trank die ersten drei Glas Schwantubräu, ohne etwas zu sagen. Und der Antiquar kam auf die Familie zu sprechen, in der die Beiden Abendbrot gegessen hatten, und er sprach so von der Familie, daß der Herr Bartmann nicht umhin konnte, sein Schweigen aufzugeben.
»Halten Sie ein«, rief er plötzlich, »heute ist mir das Unglück des Kaiserreichs Utopia klar geworden; dieses ruhige prächtige Leben ist eben ganz dazu angetan, die Utopianer von oben bis unten zu verweichlichen; die Utopianer sind schlaff wie alte Waschlappen – und das ist ihr Unglück. Stellen Sie sich, meine Herren, das ungeheuerliche allmächtige Leben in der Natur vor! Da glüht und sprüht Alles durch einander, daß die Funken nur so prasseln. Die Welt da draußen ist voll Leben. Und das Leben, das wir in der Natur sehen, reißt uns in andre Sphären – wir müssen empfinden, daß hinter allen Bäumen und hinter allen Felsen noch mehr lebt – als das, war wir sehen. Und der große Volksgeist, den wir alle anbeten und der unser Dasein durchströmt – dieser große Volksgeist lebt eben so heftig wie die große Welt da draußen. Aber die Utopianer, die von diesem großen Geiste geführt werden, zeigen nicht, daß sie so leben wie der Geist, der sie führt; die Utopianer sind schlaff und faul, und all ihr Luxus und all ihre Kunst und all ihre Bequemlichkeit und all ihre prächtige Gerechtigkeitsliebe fördern den Utopianer nicht mehr – nein, all diese schönen Dinge machen den Utopianer schlaff, daß er nicht mehr ordentlich und rasch zu denken vermag und nicht mehr im Stande ist, das große Leben, das da draußen in der großen Welt lebt, mitzumachen. Der Utopianer kann heute nicht mehr das große fieberhaft mächtige Weltleben verstehen und mitempfinden und infolgedessen auch nicht mehr große Werke schaffen – nicht mehr Werke schaffen, die es wert sind, als Spiegelbild der Unendlichkeit, der Unermüdlichkeit und Unerschöpflichkeit zu gelten. Wann denken denn die Utopianer an das, was hinter allen Erscheinungen lebt? Wann denken denn die Utopianer in ihrem Leben – das große Leben sich zu gestalten – das große Leben, das der Geist, der uns führt und den wir Volksgeist zu nennen wagen, nachzuleben? Und ist diese Schlaffheit nicht empörend? Dieses faule Utopia ist es nicht wert, zu leben – wenn es nicht so leben will – wie der Große, der hinter uns steht, uns zu leben gebietet. Temperamentlos sind die Utopianer geworden. Ich wünsche Ihnen einen guten Abend, meine Herren.«
Sagt es und geht hinaus.
Und zwei und zwanzig Minuten später fährt der Kaiser von Utopia in seinem Sebastianischen Luftschiff hoch über seinem Kaiserreich durch die Nachtluft zu den funkelnden Sternen empor.

 


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