Der Kaiser von Utopia

12. Der Entschluss

ps_312 Als nun die hundert Mitglieder wieder unter sich waren und kein Lauscher ihren Ausführungen folgen konnte, da saßen sie alle mit geradezu verzweifelten Mienen zusammen, und alle stöhnten laut, nur der Herr Malke, der Historiker, lächelte und sprach:
»Das kommt davon! Als vor vielen Jahrhunderten die Tageszeitungen sich zu den vortrefflichsten Dienern der Volksmeinung ausbildeten – da wurde die Volksmacht geboren – und sie ist heute wahrlich noch nicht tot.«
»Willst Du«, fragte Kawatko, »uns jetzt einen historischen Vortrag halten? Der Zeitpunkt ist außerordentlich günstig.«
»Laß ihn doch reden!« sagten ein paar andre Mitglieder, und Malke, der Historiker, fuhr unbeirrt fort:
»Die Volksmacht hat sich im Laufe der Zeit an allen Ecken und Kanten hübsch abgeschliffen – vornehmlich durch die großen Streiks. Als die Handarbeiter sich für unentbehrlich hielten, streikten sie und kamen ans Ruder – aber nicht für lange. Es folgte der große Streik der Ärzte – und dann streikten die Ingenieure – und dann streikten nach und nach Alle Alle – selbst die Dichter haben mal gestreikt. Und itzo streikt sogar ein Kaiser – jetzt fehlt blos noch, daß der Staatsrat des Kaisers streikt.«
»Dabei kommt aber«, bemerkte Kawatko, »nicht viel raus – da ja die Ersatzleute hinter uns stehen. Nein – mit dem Streiken geht es nicht – es ist auch nicht richtig, wenn wir sagen, der Kaiser streike. Das würden wir ihm schon hingehen lassen – er könnte ja hingehen, wohin er will – wir würden schon einen andern Kaiser bekommen – Malke würde sicherlich . . .«
Malke erhob sich ärgerlich und sagte ernst:
»Willst Du jetzt Witze machen? Der Zeitpunkt ist außerordentlich günstig.«
»Nicht zanken!« tönte es da von allen Seiten.
Und zehn Minuten später war man übereingekommen, dem Kaiser ein Jahr Urlaub zu geben – zwecks Wiederherstellung eines guten Verhältnisses zwischen Ulaleipu und Schilda.
Als dem Kaiser der Entschluß mitgeteilt wurde, tat er sehr ernst und sprach seinen Dank in den höflichsten Worten aus, sodaß Kawatko nicht wußte, was er davon zu halten hätte.

 


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