Der Kaiser von Utopia

Der Kaiser von Utopia

Ein Volksroman


1. Schilda

ps_076 Die Sonne war untergegangen.
Und es regnete.
Und Herr Moritz Wiedewitt, der Oberbürgermeister von Schilda, saß vor seinem Schreibtisch und grübelte; die Lampe brannte trübe.
Frau Lotte Wiedewitt, die Gemahlin des Oberbürgermeisters von Schilda, saß auf dem Diwan – und ihre Augen funkelten.
Moritz hüstelte und sagte beklommen:
»Es ging heute mal wieder Alles schief.«
Da rief die Lotte gellend:
»Das halte der Deiwel aus. Mein Wirtschaftsgeld langt nicht. Ein solches Hundeleben ertrage ich nicht länger. Das muß jetzt anders werden.«
»Schrei blos nicht so!« sagte der Oberbürgermeister sanft.
Aber da schrie die Frau Lotte erst recht, daß die Wände dröhnten.
Und ihr Gemahl ward ebenfalls wütend.
Und da schrieen sie alle Beide.
Die Schildbürger, die auf der Straße vorübergingen, krauten sich hinter den Ohren und kamen auch in schlechte Stimmung.
»Wer weiß, wie das noch enden wird!« sagten sie mit Mienen voll echter Verzweiflung.
»Das haben wir nun davon«, rief die Lotte, »von der großen Emanzipation! Dazu haben wir uns also vom Volksgeiste emanzipiert! Hunger und Elend haben wir davon – und weiter garnichts. Ein neues Inlett für die Betten muß auch angeschafft werden. Ich ertrags so nicht länger. Ich schweige jetzt nicht mehr.«
»Du hast nie geschwiegen!« rief der Oberbürgermeister, und ein Lächeln erhellte sein Angesicht.
»Warte nur, es wird sich schon machen lassen!«
Also fuhr er fort.
Aber die Lotte rannte zum Zimmer hinaus und schmiß die Türe hinter sich zu, daß Alles krachte.
Die Lampe brannte wieder ganz trübe.
Und es regnete in Schilda.

 


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