Das Perpetuum Mobile

Der barbarische General

ps_283 Im Jahre 2050 p. Chr. n. lebte im Lande Germania ein General, der bösartiger war als alle anderen Generale seiner Zeit zu­sammen.

Damals führten grade die Europäer mit den Amerikanern einen großen Bomben­krieg. Es gab da viele Bombenerfolge für die allermodernste Kriegswissenschaft. Und trotzdem lebten die Amerikaner ruhig weiter.

Dieses ärgerte natürlich den bösartig­sten General seiner Zeit, der in Germania den Oberbefehl inne hatte.

Was tat nun dieser Grausame, der den Namen Kuhlmann führte?

Kuhlmann arbeitete einen Plan aus, der ganz Amerika überschwemmen sollte.

Er wollte ganz Europa mit riesigen Wäl­len umziehen und dann das mittelländi­sche Meer und die Ostsee in den atlanti­schen Ozean hineinspritzen mit Hilfe von 2 Billionen Perpehs.

Ein einziger Aufschrei des Entsetzens war die Antwort auf diesen barbarischen Plan; man schloß sofort mit Amerika Frieden.

Kuhlmann saß da und war sehr erstaunt.

Da trat ein junger unternehmungslusti­ger Impresario in sein Zimmer und sagte:

»Exzellenz! Wir machen jetzt Tournee durch Amerika, und Sie führen überall Ihren Plan mit Karten und Vollmodellen vor. Bombenerfolg sicher. Kommen Sie gleich mit.«

Der General tat, wie der Impresario sagte, und die Amerikaner haben sich köstlich an den Kuhlmann-Abenden amü­siert.

Wäre der Impresario nicht gleich nach dem letzten Vortragsabend mit der ganzen Kasse spurlos verschwunden, so wäre der General Kuhlmann als steinreicher Mann nach Europa zurückgekehrt.

Doch das nur nebenbei.

Da mir die Vaterländer nicht mehr lebensfähig vorkamen – des perpetuierlichen Perpehfahrens wegen, so kam mir auch der Militarismus nicht mehr lebensfähig vor – er hatte für mich nur noch eine
Witzblattbedeutung

Bedenklicher deuchte mir, daß man grö­ßere Erdbohrungen vornehmen und dadurch eine innere Verletzung des Ster­nes Erde hervorrufen könnte.

Wenn ich aber bedachte, wie vorzüglich die Erde ihre beiden Polarländer bislang zu schützen wußte, so dachte ich:

»Sie wird schon wissen, wie sie es macht, daß ihr das irdische Oberflächengewürm nicht gefährlich wird.«

Allerdings: es wollte mir plötzlich nicht einleuchten, daß man dem groben Unfug, der auch durch die Perpetua möglich gemacht wurde, so leicht Einhalt tun könnte. Daß der Militarismus zunächst alle seine Kanonen auf Perpetua stellen würde – das war ja klar. Schließlich würden die Räder abgerichtet werden, ganz allein ohne Mannschaften die Kriege zu führen. Und dieser grobe Unfug ließe sich ja wohl mit lachender Miene ertragen.

Aber: was man alles umwerfen konnte mit diesen perpetuierlichen Maschinen! Alle Wetter! Mir wurde, als ich daran dachte, doch etwas plümerant zu Mute.

»Und,« sagte ich zu mir, »wird man des­wegen mit dem Erfinder nicht auch sehr summarisch abrechnen? Die Wut der Vaterländer zu ertragen, wird keine Klei­nigkeit sein. Am besten ist: ich ziehe mich

beizeiten zurück und lebe bis an mein Lebensende ganz inkognito.«

Am harmlosesten erschien mir noch die Revolution in der Uhrenindustrie.

Und doch – selbst da –

Über alle diese bevorstehenden Revolu­tionen ließen sich zehntausend utopische Romane schreiben; der Stoff läßt sich in emtausend Romanen nicht überwältigen.

Wenn ich an die armen Physiker dachte, packte mich beinahe das Mitleid; sie hat­ten so lange den Mund so voll genommen und sich immer so ungeniert als Erklärer des Weltganzen aufgespielt – und ein Per­petuum mobile so energisch für »gegen die Naturgesetze verstoßend« erklärt…

Und nun komponierte ich lange Reden, in denen ich’s den verhaßten Herren end­lich so hübsch milde sagen wollte, daß ihr Gebahren sehr komisch sei, da ja der Materialismus längst als »philosophisch unmöglich« abgetan wurde – und damit die »kosmische Bedeutung« des Physikers auch abgetan wurde.

»Alle uns bekannten physikalischen Dinge,« sagte ich, »sind >psychische< Eigen­schaften« des Sterns Erde – auch die Anzie­hungskraft – und diese ganz besonders. Es

ist durchaus unwahrscheinlich, daß diese psychischen Eigenschaften des Sterns Erde in unserm ganzen Planetensystem zu finden sind.«

Der Physiker wird eben von Psychiker angegriffen – und totgemacht.

Halten wir uns nicht weiter darüber auf.

Alle Physiker erklären immer, daß man nicht wisse, was die Elektrizität eigentlich sei – sie sollten aber auch sagen, daß uns die Anziehungskraft ebenfalls vollkommen unverständlich ist.

Das phänomenalste Wunder aller Zeiten ist, daß wir auf der Erde ruhig gehen, sit­zen und liegen können, ohne ins Weltall hinauszufliegen. Es ist gar nichtnatürlich, daß sich zwei Körper gegenseitig anzie­hen; ob sie das in dem Räume, der jenseits von unsrer Erdatmosphäre da ist, auch tun, wissen wir noch gar nicht. Von kosmi­scher Anziehungskraft darf man gar nicht reden. Kurzum: dem Physiker ist das Wort »Kraft« gewissermaßen zu entziehen – er hat mit dem Wort »Kraft« viel Unheil ange­stiftet.

Doch – jetzt will ich vorläufig nur von dem sprechen, was zur weiteren Entwicklung der sogenannten »Erfindung« gehört – die natürlich wie alle Erfindungen besser mit dem Namen »Entdeckung« belegt wer­den müßte; das Finden und Erfinden hängt von uns Menschen ganz bestimmt nicht in erster Linie ab.

Ich ging leider allmählich von der ersten Idee ab, ohne deren Wert oder Unwert genügend durchschaut zu haben. Und da ging denn bald sehr viel durcheinander, und ich ließ das speichenlose Rad fallen und dachte an eine Romposition, die unge­fähr der Figur 4 entspricht. Daß es so nicht gehen konnte, war mir bald sehr klar, und ich wurde es müde, mich weiter mit der Geschichte zu beschäftigen.

Den ganzen März 1908 hindurch schrieb ich astrale Novelletten, die auf den Asteroi­den spielten, auf denen ja die »Schwer­kraft« nicht so schwer ist wie auf der Erde.

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Daß auf den anderen Sternen anstelle der Schwerkraft eine ganz andre Kraft oder Sterneigenschaft tätig sein könnte -daran dachte ich damals allerdings noch nicht; man löst sich sehr langsam von ein­gewurzelten »Vorurteilen« los.

Diese rein künstlerische Tätigkeit er­stickte aber die Ideengänge vom Januar und Februar nicht so ganz, und Ende März schwamm ich wieder im alten Fahrwasser – aber nun kam ich endlich darauf, die Rutsche (R) außerhalb des speichenlosen Rades anzubringen (Fig. 5). Das störende Rad c war damit fortgebracht.

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Daß die Sache immer noch ein Balan­cierscherz blieb, da R und L ein solches Gewicht haben mußten, daß das Runterfal­len auf einer der beiden Seiten unmöglich wurde – das störte mich nicht viel.

So kam ich im April 1908 zu Figur 6 -und die reichte ich am 15. Mai 1908 dem

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Patentamt ein – nicht, weil ich glaubte, so die Geschichte gelöst zu haben – ich hoffte nur, daß so eine weitere Entwicklung kom­men würde.

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Und ich täuschte mich darin nicht; ich wurde von andrer Seite auf den großen Reibungswiderstand aufmerksam gemacht und fügte daher dem System ein einfach aufliegendes Schwergewichtsrad s hinzu (Fig. 7). Leider fügte ich auch noch Rad dthinzu, das nicht nur überflüssig ist – es ist auch sehr störend, wie sich später erge­ben sollte.

Nun war das ganze zwar eine sehr wack­lige Geschichte – aber ich ging doch schon damit zu einem Mechaniker. Der erklärte nun das System für nicht stabil, und ich machte es dann sofort (Figur 8) auch sta­bil, indem ich g an einen Extrawagen M knüpfte und für Fabrikbetrieb an einen festen Balken (Fig. 9).

Das gab ich auch dem Patentamt und -atmete auf. Es war am 2. Juni 1908.

»Entweder geht es,« dachte ich, »oder es geht nicht – eine dritte Möglichkeit gibt es wahrscheinlich nicht.«

Und ich war sehr froh, daß ich jetzt »vor­läufig« mit dem ganzen Räderkram nichts weiter zu tun hatte.

Es gelang mir auch, für den Juni und Juli die Sache beinah zu vergessen; ich schrieb sehr viele astrale Geschichten, die sich alle auf andren Sternen und in ganz unirdi­schen Verhältnissen entwickelten.

Das war zweifellos eine der schönsten Zeiten meines Lebens; die Erde hatte ich fast total vergessen. Pekuniär ging es mir sehr schlecht; das fühlte ich aber nicht. Ich setzte nur immerzu meiner Frau auseinander, daß grade dieses schlechte Leben ein Zeichen für das Herannahen des besseren sei. Immer allerdings konnte ich sie nicht so recht überzeugen. Ich aber war so glücklich – wie man’s nur sein kann, wenn man sich neue Welten konstruiert und ausmalt

Fast den ganzen August schrieb ich immer noch meine Astralika, da Patentamt und Mechaniker nichts von sich hören ließen.

Doch nun begannen die Räder wieder wirksamer zu werden. Und ich holte das alte Modell hervor und begann, von neuem damit zu arbeiten. Wohl hatte ich gesagt, daß die Geschichte nur mit Zahnrädern gemacht werden könnte. Indessen – ich dachte, es könnte auch ohne Zähne gehen, und ich versuchte es mit vier sehr schwe­ren Rädern die ich als b und d (Figur 10) in das Doppelblechrad a hineinsetzte.

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Und nun hielt ich g in den Händen – und merkte, daß sich die Geschichte wirklich bewegte – und nach meiner Meinung per-petuierlich bewegte. Das geschah am 14. August 1908. Ich glaubte, nun gewonnen zu haben.

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Ich wollte natürlich gleich Figur 11 prak­tisch ausführen. Und viele Eierkisten wur­den zersägt.

Ich legte mir schon sehr vergnügt den Titel »Oberschlosser« bei – doch das half mir nichts – Figur 11 wollte nicht gehen -und ich wußte nicht, wie ich’s anfangen sollte. Größere Gewichte brachen alles entzwei, und wenn ich nur drückte, so war immer die Frage da:

»Schiebst duch auch nicht?«

Und war ich ehrlich gegen mich, so mußte ich mir sagen, daß es das Drücken allein nicht machte – man schob doch unwillkürlich wie beim Tischrücken.

Unglückseligerweise sagte man mir, daß ich Rad a doch auch weglassen könnte – b auf d gesetzt müßte doch auch so funktio­nieren wie ich’s haben wollte.

So entstand schließlich Figur 13.

Doch hielt ich immer noch prinzipiell an dem speichenlosen Rade fest und zeich­nete noch Figur 12 für See- und Luft­schiffe.

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Das reichte ich auch dem Patentamt ein, und ich freute mich mächtig, daß mit der Schwerkraft eventuell auch der Motor eines »Luftschiffes ohne Ballon« getrieben werden könnte.

Ich dachte an eine neue Art von Hinrich­tung: man bindet den Verbrecher auf solch einen Drachenflieger mit Schwergewichts­motor – und der Verbrecher steigt in die Wolken empor und kommt nie wieder -niemals mehr – fährt dahin, so lange die Anziehungskraft der Erde wirksam bleibt. Auch Leichen ließen sich so wohl sehr praktisch beseitigen.

Jetzt bezweifelte ich aber die Wirksam­keit der Anziehungskraft in der höheren Erdatmosphäre – und es wurde mir plötz­lich ganz sonnenklar, daß man von der Anziehungskraft im kosmischen Sinne nie­mals sprechen dürfte. Eine Hypothese ist es, daß die Planeten und Sonnen einander anziehen – wir wissen jedenfalls nicht, wie sich die Sterne zu einander verhalten. Wir wissen nur, daß der Apfel zur Erde fällt, wenn er vom Zweige abbricht. Das Geheimnisvolle der Anziehungskraft wurde mir »klar.«

Ja – klar! Klar war mir nur nicht, wie die Physiker dazu kamen, Jahrhunderte hin­durch von einer physischen Anziehungs­kraft im Kosmos zu sprechen.

Es begann, eine Art religiöser Begeiste­rung für die perpetuierliche Anziehungs­arbeit der Erde in mir zu reifen.

Figur 13 wurde dann mit schweren Eisen­rädern (b und d einfach, das Rad unter g doppelt) vom Mechaniker ausgeführt -und es ging nicht.

Ich war anfänglich sehr erstaunt und glaubte, daß nur Kleinigkeiten hinderlich seien. Es war am 26. Oktober 1908.

Dann aber packte mich eine wilde Rase­rei, und ich glaube, meine Erregung artete in veritable Tobsucht aus – ich verfluchte alles Mögliche und benahm mich durch­aus nicht vernünftig.

Nach 24 Stunden legte sich natürlich der Aufruhr.

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Und da begann ich erst recht, die ganze Radgeschichte von allen Seiten zu besehen – Tag und Nacht waren nur Räder vor mei­nen Augen – gar nichts Anderes.

Schon den ganzen September und Okto­ber hatte ich die Geschichte in mir herum­gewälzt. Jetzt aber erst nach dem totalen Mißerfolg begann die eigentliche Arbeit. Ich stellte jetzt auch korrektere Modelle mit kleineren Rädern, Latten und Schrau­ben her – und arbeitete wie ein Handwer­ker – immerzu.

Figur 14 wurde im Anfange des Novem­ber ganz korrekt von mir ausgeführt – und dieses Modell ging auch nicht.

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Aber ich verzweifelte immer nur für ein paar Stunden, ließ mir dann Blechführung nach Figur 15 machen und sah abermals, daß ich mich in meinen Hoffnungen getäuscht hatte.

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Ende November 1908 hatte ich mich schon volle drei Monate ausschließlich mit die­sen Rädern beschäftigt, und ich begriff, daß man dabei sehr wohl verrückt werden könnte; die Gedanken an irgendeine andre Sache zu binden, gelang mir nicht mehr.

Meine Frau litt darunter in einer Weise, daß es zuweilen nicht mehr schön war. Immer wenn ein Modell nicht ging, kamen die Wutanfälle, und schließlich mußte ich heimlich meine ewigen Räder zeichnen.

»Du, ich kann das Wort Rad nicht mehr hören,« sagte meine Frau öfters, »mir wird schlimm, wenn Du das Wort aussprichst«.

Die Geschichte war wirklich etwas schlimm, und ich konnte ihr alles nachfüh­len, aber ich kam doch nicht los von diesen »Rädern.«

Und sehr merkwürdig wars, daß ich gar nicht dahinter kam, warum die Modelle nicht funktionierten. Auf die Reden der Physiker und Techniker legte ich kein Gewicht, da sie mir nichts Greifbares boten; das Reden von Kräften war für mich einfach unverständlich. Dieses Herumtap­pen in einer mir gänzlich fremden Atmo­sphäre war mir herzlich unerquicklich. Von den Physikern aber erwartete ich keine Hilfe.

Ich bildete mir ein, daß ich trotz allem doch noch den Knoten auflösen würde -ich glaubte allmählich an das Gelingen mit blindem Fanatismus.

Und so sprang ich immer wieder über alle Hindernisse hinweg und schwelgte in lustigen Zukunftsphantasien, die mir all­mählich sehr lustig vorkamen.

Ich füge hier ein paar Aufzeichnungen ein, von denen die ersteren wohl im Sep­tember entstanden:

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