Das Perpetuum Mobile

Das Lebenselixier

ps_045 Daß wir »sterben« müssen, schien mir auch niemals sehr »göttlich« zu sein.
Indessen – wissen wir denn eigentlich so genau, daß wir »leben«?

Nicht einmal den Moment, in dem wir einschlafen, können wir beobachten.

»Zur Erde sollst Du wieder werden!«

Dieser Satz könnte doch folgenden Sinn haben: es wird uns vergönnt, eine Zeit hin­durch zu glauben, daß wir ein selbständi­ges Leben führen – in Wahrheit führen wir das gar nicht. Wir führen nur das Leben, das der Stern Erde uns zu führen erlaubt. Je mehr wir mit ihm eins sind – um so glücklicher sind wir. Und wenn wir ster­ben, so werden wir wieder ganz eins mit ihm. Dann führen wir ein Sternleben wei­ter. Unser Menschenleben ist nicht so wichtig – wie unser Sternleben – das ist nach meiner Meinung die Weisheit, die uns durch das ewige Sterben auf der Stern­haut immerzu in eindringlichster Sprache gepredigt wird.

Und deshalb hätten wir wohl keinen Grund, menschliches Sterben als kläglich zu bezeichnen.

Jeder, der mit seinem Stern Erde in Har­monie lebt, wird den Tod ganz bestimmt nicht mehr fürchten.

Ob das Rad nun ging oder nicht ging – das mußte nach dem Gesagten für mich von untergeordneter Bedeutung sein: Es kam wirklich gar nicht darauf an.

Das hinderte mich aber nicht, weiter mit den Modellen zu arbeiten.

Den ganzen November hindurch arbei­tete ich perpetuierlich mit Schrauben und Sägen, daß mir die Finger oftmals sehr weh taten, da sie an so was nicht gewöhnt waren.

Das Inhaltliche der letzten kleinen Arti­kel auf den vorangegangenen Seiten ent­stand wohl erst im November, ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls wurde ich allmählich ruhiger und nahm dann das Nichtfunktionieren eines Modells mit phi­losophischer Gelassenheit hin.

Das Wichtigste stand ja für mich fest; die perpetuierliche Arbeitstätigkeit der Erde konnte nicht mehr bestritten werden.

Und diese Erkenntnis war’s wohl wert, daß ich mehr als ein Jahr meines Lebens mit »Rädern« meine Phantasie erfüllte.

Ob es nun den Menschen oder mir gelingt, die perpetuierlichen Arbeitslei­stungen unsres Sterns auch in perpetu­ierliche Bewegungen umzusetzen, kann ja

nicht sehr wichtig sein; teilweise z. B. in der Dampfverwertung sind wir ja schon in der Lage, die Tätigkeit der Erde für unsre Zwecke zu verwenden.

Das »Prinzip von der Erhaltung der Energie« werde ich vorläufig nicht weiter beachten, da ich ja die Grundlagen der Physik angreife; wir wissen nicht, ob sich die Atome im freien Welträume gegensei­tig anziehen – wir wissen nicht, ob die Sterne dieses tun – Weltgesetze zu erken­nen, sind wir nicht in der Lage. Und es muß mit Energie zurückgewiesen werden, wenn Physiker die kolossale Dreistigkeit besitzen, von »Weltgesetzen« zu reden.

Ich habe nur einige von den Modellen, die im November und in der ersten Hälfte des Dezember 1908 entstanden, in der Bil­dertafel aufgeführt. In Figur 16 setzte ich das System auf frei schwebende Schienen und brachte g f so an, daß diese Stange rechtwinklig zur Verbindungslinie der bei­den Mittelpunkte von b und d zu liegen kam.

Dann versuchte ich die Räder b und d so aufeinander zu legen, daß ihre Mittel­punkte gleich weit von g entfernt waren (Figur 17).

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In Figur 18 gebrauchte ich abermals die Blechführungen (das Schraffierte) und bemerkte plötzlich – es war am 17. Dezem­ber 1908 – daß ja wohl durch KL das kleine

Rad b auf d mit aller Kraft aufdrückte – daß aber gleichzeitig alle am Boden liegenden Räder (also auch d) nach rechts geschoben wurden, und zwar wurden sie in eben dem Maße nach rechts geschoben, in dem b nach links schob, so daß sich also d nicht in der Pfeilrichtung bewegte, sondern umge­kehrt.

Da sah ich plötzlich ein, warum die Modelle alle nicht gehen wollten: immer drehte sich d nicht in der Pfeilrichtung, wie ich auch die Befestigung anbringen mochte; Rad auf Rad ging also nicht.

Da hab ich herzlich lachen müssen, daß ich diese simple Sache nicht früher einge­sehen hatte.

Und ich gab das ganze Perpetuum mobile auf. Und ich war gar nicht traurig darüber.

Das hielt aber nur ein paar Tage an. Wenn ich auch die Räder verlassen wollte, sie verließen mich nicht mehr. Und schon am 20. Dezember holte ich das alte »speichen­lose« Rad wieder hervor.

Und da sah ich denn bald, daß (Figur 19) d in a durchaus in der Pfeilrichtung sich bewegen mußte – grade weil die unteren

Stangen auch in der Pfeilrichtung nach links bewegt wurden. Das ganze System mußte demnach nach rechts gehen -gezwungen durch die Weiterbewegung von a nach rechts.

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Das Modell nach Figur 19 hatte nur den Fehler, daß a aufgehoben wurde, wenn es nicht schwerer als KL war.

Im Januar 1909 wurde dann ein Modell nach Figur 20 fertig, in dem die Mittel­punkte von a b und d in einer Linie lagen; d kann natürlich auch an der »punktierten« Schiene angebracht werden.

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Leider gelang es mir nicht, das Modell akkurat zu bauen, daß Gewichtsauflage möglich wurde. Aber ich sah doch, daß ich mich nicht getäuscht hatte.

Am 8. Januar 1909 wurde dieses Letzte auch dem Kaiserlichen Patent-Amt in Ber­lin eingereicht.

Es kann nun nicht meine Aufgabe sein, denjenigen, die nicht an die Geschichte glauben, meinen Glauben aufzusuggieren; durch den Glauben allein wird ja noch nichts in perpetuierliche Bewegung ge­setzt.

Jedenfalls muß das Rad d so in a ange­bracht werden, daß es in a auf schiefer Ebene runterrollt.

Natürlich – d kann gar nicht runterrol­len, da sich die Drehung von d gleich in die Drehung von a umsetzt, a wird von b und d auf beiden Seiten angepackt und zur Dre­hung durch die notgedrungene Drehung von b und d gezwungen.

Ob das schließlich nur in Zahnrädern ausgeführt funktioniert, weiß ich nicht. Aber klar ist ja wohl das Ganze. KL – dieser Kladderadatsch – drückt perpetuierlich -und b und d können sich, obschon sie sich immerzu drehen, dem Mittelpunkt der

Erde nicht um den kleinsten Bruchteil eines Millimeters nähern und somit läuft das System ohne unser weiteres Zutun dahin, so lange die Räder nicht kaputt gemacht sind.

Es ist zweifellos, daß diese Radge­schichte recht viel Staub aufwirbeln wird.

Jedenfalls wissen wir jetzt, daß Alles vom Willen des Sterns Erde abhängt.

»Verdient« haben wir alle zusammen das Perpetuum mobile nicht.

Aber wir müssen auch einsehen, daß unsre Arbeit nicht für wichtig gehalten werden darf, da unser Stern so unsäglich viel mehr ist und arbeitet – als wir

Wenn wir das eingesehen haben, so haben wir eigentlich genug eingesehen; wir sollten nur nicht wieder darauf verfal­len, gleich an den unendlichen Raum zu denken. Von »Weltgesetzen« zu reden, soll­ten wir uns gänzlich abgewöhnen; Theo­rien, die darauf hinzielen (wie der soge­nannte Monismus), sollten wir nicht mehr ernst nehmen.

Zehlendorf bei Berlin den 4. März 1909

 

Von einem Klempner wurde ein Modell hergestellt, in dem die Räder so angesetzt waren wie auf Zeichnung 21.

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Die Räder drehten sich so schwerfällig, daß ich nicht sehen konnte, ob die Geschichte ging oder nicht ging. Auf dem Boden waren zweifellos drei Reibungswi­derstände zu überwinden. Und das Andrücken von b und d an das speichen­lose Rad a erzeugte natürlich eine Klem­mung.

Ich aber glaubte, daß das Problem trotz­dem gelöst sei.

Ich tat aber nichts weiter in der ganzen Angelegenheit. Die Zeichnung des Modells stand ein ganzes Jahr hindurch auf mei­nem Schreibtisch – und ich beschäftigte mich mit andern Dingen – besonders mit Luftgeschichten und mit dem grandiosen

Luftmilitarismus, der nach meiner Über­zeugung dem Land- und Seemilitarismus den Garaus machen mußte.

Das begriffen die guten Menschen nicht so schnell – und ich schrieb öfters dasselbe mit andern Worten. Und ich erkannte dabei die ganze lächerliche Schwerfälligkeit des menschlichen Denkens – und die fing an, mich anzuekeln. Und ich wunderte mich schließlich nicht, daß die Gelehrten auf Stern Erde auch mit der Schwerkraft nichts anzufangen wußten; immer betonten sie, daß eine Last, wenn sie mal sich dem Mittelpunkt der Erde nähert, wieder hinaufgehoben werden muß. Und daß deshalb ein Perpetuum mobile unmöglich wurde, erschien Allen als Axiom. Sobald aber wie in Zeichnung 21 die Last nicht dem Mittelpunkte der Erde sich näherte – mußte man die schönen, »wissenschaftlichen« Reden wie altes Eisen behandeln

Kurzum: ein ganzes Jahr stand die Zeichnung wie gesagt auf meinem Schreibtisch, und ich kam auf keinen neuen Einfall. Da sah ich mir plötzlich am 30. Januar 1910 Zeichnung 13 noch mal genauer an. Und ich dachte: d dürfte nicht auf den Erdboden gestellt werden. Dem­nach setze d auf das freirollende Zahnrad z – und die Sache läuft perpetuierlich, da d mit seiner ganzen Last auf z drücken kann. Das gibt dann einen Drucklastmotor, der auch Wagen zu führen vermag, die Axe von z kann alles in Bewegung setzen siehe Zeichnung 22).

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Konträre Drehung des unteren Rades, Reibungswiderstand und Klemmung -diese drei Hindernisse waren dadurch überwunden.

Ich hatte urplötzlich einen stehenden Drucklastmotor gefunden, der auch hän­gend und auch im Wagen wirksam sein konnte. Drei Rädchen hatten das ganze Problem gelöst.

Nun sah das Ganze wie ein Spielzeug aus.

Und ein ganzes Jahr hindurch war ich nicht auf die höchst simple Idee verfallen, aus Zeichnung 13 ein »stehendes« System zu machen! Das war doch so einfach!

Ich kann wohl sagen, daß mir meine menschliche Intelligenz herzlich unbedeu­tend vorkam. Also: ein ganzes Jahr hin­durch kam ich nicht so weit, daran zu den­ken, daß man das, was als Wagen nicht geht, doch als stehendes System mal durchdenken könnte. Ich hatte daran nie gedacht.

z ist auf Zeichnung 22 die Hauptsache. Wenn die Axe von d fest ist und unter der Axe unbehindert ist wie auf der Zeich­nung, so drückt d einfach gegen b, und es dreht sich gar nichts – beide Räder haben keine Veranlassung, sich zu drehen -weder nach rechts, noch nach links. Erst z bringt das Ganze, wenn die Axse von d unten unbehindert ist, in perpetuierliche Bewegung und bildet so den Schlußstein der ganzen »für die Menschheit« so außer­ordentlich wichtigen Geschichte.

Friedenau bei Berlin, den 24. Februar 1910

 

Zweifellos war mir nun: wenn z mal anfing, sich zu drehen, so konnte die Dre­hung von b d und z naturgemäß nicht mehr aufhören.

Aber nun fragte es sich, ob z jemals anfangen würde, sich zu drehen. Und das kam mir schließlich immer unwahrschein­licher vor. Schließlich hielt ich die Dre­hung von z für ausgeschlossen. Da mußte ich natürlich wieder über meine Leicht­gläubigkeit lachen.

Trotzdem ließ mich die Geschichte immer noch nicht los. Und ich sagte mir sehr bald: was die Drucklast nicht hervor­bringt, kann doch vielleicht die Zuglast hervorbringen.

Und nach einigen Umwegen kam ich am 11. März 1910 zu den Zeichnungen 23 und 24. Durch d in Zeichnung 22 war ich auf die Schienen-Idee gekommen. Ich steckte die Axen von e und d c in Schienen. Zog ich die Stütze St unter ZL fort, so mußten sich die Räder e d c in der angegebenen Pfeil­richtung nach oben drehen. Das ließ sich leicht durch ein einfaches Experiment nachweisen.

Der Anfang der Drehung war also da.
Ich triumphierte natürlich und dachte,

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daß ich’s jetzt endlich erreicht hätte. So ganz glaubte ich nach all den bösen Erfah­rungen noch nicht an die Richtigkeit mei­ner Kalkulationen – aber ich glaubte doch, daß ich jetzt endlich auf dem richtigen Weg wäre.

Traf c oben (Zeichnung 24) die um a b geschlungene Zahnkette, so mußte sich die Drehung von c auf a b in der angegebe­nen Pfeilrichtung übertragen.

Natürlich – die Axe von e mußte weiter nach rechts liegen, durfte die senkrechte Schiene nicht berühren. Das ließ sich leicht machen, wenn e größer als die ande­ren Räder gemacht wurde, e war somit das Hauptrad – und ich nannte es von jetzt ab a.

Und da fing die interessanteste Periode an: ich kombinierte die Schienen, Axen und Zahnketten immer wieder anders.
Und ich bemerkte plötzlich, daß sich auch hier unendlich viele Kombinationen ergaben. Wo ich so lange kahle Wände gesehen hatte, sah ich plötzlich viele offene Türen und Fenster und überall neue Perspektiven – in die prächtigste Parklandschaft hinein.

Wohl ein paar hundert Kombinationen zeichnete ich – jede immer wieder etwas anders.

Und am 1. April 1910 kam ich zu Zeichnung 25.

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