Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

III

ps_062 Mr. Krug hatte in den nächsten Tagen mit dem Direktorium des Tierparks einen großen Kampf zu bestehen; die Herren waren der Meinung, daß die ganze Anlage schon genug koste, und Mr. Krug bemerkte dazu: »Freilich kostet die Anlage recht viel. Es sind ja fast vierzig Quadratmeilen Terrain da. Indessen – grade weil sie so viel kostet, müssen Sie noch besondere Anziehungsbauten haben. Die Fremden kommen doch nur der neuen Architektur wegen her. Glauben Sie, daß die Büffelherden und die Löwengrube zehn Leute anziehen? Nein! Da haben Sie die Rechnung ohne meine Glasarchitektur gemacht. Ohne die kommen Sie eben nicht aus. Die Badegäste vom Kinibalo auf Borneo kommen nur her, wenn sie hier große Glasarchitektur zu sehen bekommen. Darum – ich bin ganz bescheiden – schlage ich vor, sämtliche Begrenzungsmauern, auf denen schon Automobile und Bahnwagen auf Schienen fahren – zu überdachen. Die Überdachung denke ich mir in allen möglichen Formen – ganz spitze Dächer, runde, flache, kantige und spitzige. Natürlich alles in buntem Glase. Und unten alles offen. Das geht rasch herzustellen und wird nachts vom Luftschiff aus entzückend wirken – wie bunte Lichtstraßen.«
Da gab’s nun einen tagelangen Kampf.
Mr. Krug mußte den Herren des Direktoriums immer wieder das Veritable des Reklamewertes klar machen; Mr. Webster unterstützte ihn dabei.
Und schließlich wurde beschlossen, den vierten Teil der Begrenzungsmauern zu überdachen.
»Etwas jedenfalls!« sagte Mr. Krug, »aber wenig bleibt’s doch. Das sieht beinahe wie eine Niederlage aus.«
Doch – jetzt wurden die zu bedachenden Stellen ausgesucht. Und man nahm dabei die Vogelperspektive als maßgebend an.
Als man einig geworden war, gab Mr. Krug seinen Architekten die nötigen Aufträge – und alles war bei guter Laune. Man wollte noch ein großes Fest arrangieren.
Mr. Krug jedoch meinte:
»Ein Licht- und Luftfest wäre ja nicht übel. Aber – das wollen wir doch erst arrangieren, wenn die Badesaison auf Borneo zu Ende geht und alles fertig ist.«
Dem stimmten die Architekten bei, und ein paar Mitglieder des Direktoriums versandten Einladungskarten zum Licht- und Luftfeste nach Borneo und nach Japan.
Danach waren Krugs wieder mit Mr. Webster und dem Ehepaar Burns zusammen.
Es waren die Fünf, die zum Gaurisankar emporfuhren, allmählich intimer geworden; man dinierte in einem Grenzmauerlokal, von dessen Loggien aus man riesige Büffelherden sah, die friedlich in der Tiefe grasten.
Die Damen begeisterten sich sehr lebhaft für das Lichtfest; Mr. Burns schimpfte auf die Löwengrube.

Von Mr. Löwe und Miß Amanda lag noch keine Nachricht vor. Wohl aber wurde Mr. Krug telegraphisch nach Ceylon gerufen, wo die internationale Gesellschaft für Atmosphärenforschung großartige Bauten plante.
Mr. Krug fuhr mit Mr. Webster hin, Miß Clara blieb bei dem Ehepaar Burns – in der Nähe der großen Büffelherden.
Und da wurde es Miß Clara Krug etwas langweilig in dem großen Tierpark.
Sie telegraphierte deswegen an die Marquise Fi-Boh in Japan aus Langerweile Folgendes:
»Verehrte Frau Marquise! Mit Vergnügen erinnere ich mich noch Ihrer famosen Rede im erleuchteten bunten Bergwerk aus Glas. Leider mußten wir gleich danach weiterfahren. Und jetzt sitze ich hier im Tierpark Nordindien – ganz allein. Demnächst kommt Miß Amanda Schmidt und der Rechtsanwalt Löwe hierher. In einigen Wochen wird hier ein großes Lichtfest hoch oben in den Wolken gefeiert. Der ganze Tierpark soll erleuchtet werden. Die bengalisch beleuchteten Tiger aus Bengalien werden sich dabei wundervoll ausnehmen. Ich freue mich besonders auf die farbig beleuchteten Löwen in der Löwengrube. Was werden die Tiere zu den Farben- und Lichteffekten sagen? Werden sie noch heftiger brüllen als bisher? Verzeihen Sie mir, daß ich so Unsinniges frage, aber ich langweile mich und wünschte, Sie wären hier. Dann wäre alles famos. Schade, daß die Strecke so weit ist. Denken Sie sich nur dieses: meine Hochzeit mit Edgar ist in einem Kino-Theater hier zu sehen. Ist das nicht skandalös? Oh, ich möchte mich bald mal aussprechen. Vielleicht telegraphieren Sie mir, ob dieser infame Film auch in Japan zu sehen ist. Edgar will klagen. Und ich bin Ihre arme Frau Clara Krug.«

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Mr. Krug fuhr mit Mr. Webster bei vorzüglichen Windverhältnissen sehr rasch nach Ceylon. Und dort überblickte man gleich vom Luftschiff aus in der Morgensonne die ganze Anlage.
Diese Anlage sollte hauptsächlich in ein paar Schock Ballonhallen bestehen – nördlich von Colombo – im Gebirge. Dort ragten auch mehrere Teleskope zum Himmel empor – ganz große Teleskope.
Das Ganze hieß jetzt »Zentrale der Luftforscher«.
Man wollte von Ceylon aus in die höheren Luftregionen vordringen; alle möglichen Luftschiffsysteme sollten hierbei verwertet werden. Und so kam es, daß für sehr viele Systeme ganz besondere Lufthäfen gebaut werden mußten. Schließlich wurden weit über hundert Häfen notwendig, da die Aeroplansysteme damals immer komplizierter wurden und sehr viel Raum beanspruchten. Viele der Hallen wirkten wie riesige Berghöhlen, die so aussahen, als ginge es in die Tiefe des Berges hinein. Mithin herrschte in den Bauten auf Ceylon die Kuppelform vor – und auch die offene Kuppelhalle.
Die Zentrale der Luftforscher verfügte über außerordentliche Mittel. Und da hatte denn Mr. Krug leichtes Spiel – und setzte alles durch.
Einzelne Hallen wirkten schon jetzt in der Morgensonne wie riesige Opale – wie Scharen von Paradiesvögeln, Schmetterlingen und Libellen – wie Scharen von Glühwürmern und funkelnden Käfern und zitternden bunten Schlangen.

Die Architekten im Tierpark Nordindien wollten der Gattin ihres sehr verehrten Mr. Krug eine Ovation bringen. Man wußte, daß Miß Clara Orgelspielerin war. Und so kam ein junger Ingenieur auf die Idee, Glocken-, Pauken- und Posauneninstrumente, die in zehn Türmen versuchsweise untergebracht waren, von einem Punkte aus in Bewegung zu setzen und orgelartig zu spielen.
Die ersten Versuche gelangen – natürlich mit elektrischen Wellen, und Miß Clara wurde gebeten, auf dieser seltsamen Zehnturmorgel zu spielen.
Und sie spielte, daß die wilden Tiere mit Gebrülle aufhörten und staunend zum Himmel emporblickten.
Die ganze Kolonie geriet in Aufruhr. Frau Clara spielte auf dem Rieseninstrument mit so großem Vergnügen, daß sie ihre Langeweile total vergaß.
Des Abends erhielt Frau Clara ein Telegramm von der Marquise Fi-Boh:
»Wir sind«, sagte diese, »schon in Schanghai und kommen mit den prächtigsten seidenen Stoffen. Sie werden staunen. Fünfundachtzig Damen begleiten mich. Die Herren kommen später. Mit ehrfurchtsvoller Begrüßung Ihre ergebenste Marquise Fi-Boh.«
»Die sind resolut!« sagte Frau Clara zu Miß Burns.
Und zwei Tage später waren die Japanerinnen im Luftschiff über dem Tierpark. Der Vollmond schien prächtig, und Miß Clara spielte auf der Zehnturmorgel, daß die ganze Luft zitterte. Die Japanerinnen blickten ganz erstaunt mit hochgezogenen Augenbrauen hinab.
»Gilt das uns?« fragte die Marquise telegraphisch.
»Miß Clara Krug spielt!« lautete die Antwort.
Da klatschten die bunten Japanerinnen in die Hände, daß es laut durch den Mondschein schallte.
Und das Wiedersehen ward auch zu einer großen Ovation für Frau Clara.
Und Frau Clara sah sich plötzlich zwischen unzähligen bunten seidenen Gewändern.
Und die prächtigsten Seidenstücke wurden der Orgelspielerin zu Füßen gelegt.
Da ließ sie sich auch bunt kleiden.
Und man soupierte bei den Büffelherden.
Schließlich spielte Frau Clara fast die ganze Nacht durch – oft klang’s wie wilde Walzermusik. Und dann kam der dumpfe Ernst der Pauken wie eine Burleske hintennach.

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