Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

ps_063 Der Architekt erledigte nun alles, was er hier noch anzuordnen hatte, in großer Hast, sandte dann Abschiedskarten an die Damen und Herren der Gesellschaft und fuhr im Luftschiff rasch bei Nacht und Nebel davon, so daß man Frau Clara Krug in Japan nicht zum zweiten Male im grauen Tuch mit zehn Prozent Weiß erblicken konnte.
Das Luftschiff fuhr nach Nordindien, wo Mr. Krug die architektonischen Anlagen in einem großen Tierpark zur Ausführung brachte.

Frau Clara telegraphierte an Miß Amanda von Schanghai aus:
»Amanda! Jetzt wird die Sache amüsant. In Japan hat man mich einfach ausgelacht. Mein Gatte ist mit mir bei Nacht und Nebel davongefahren. Was man alles erlebt, wenn man graues Tuch mit zehn Prozent Weiß trägt! Es ist kaum zu glauben! Ich bin jetzt sehr gespannt, wie’s weitergeht. Telegraphiere nicht! Warte, bis ich Dir Weiteres mitgeteilt habe. Die japanische Marquise Fi-Boh hielt eine Rede an Edgar. Einfach himmlisch! Das Nähere später! Jetzt geht’s nach Indien. Ich bin ganz vergnügt und wie stets Deine alte Clara.«
Dieses Telegramm erregte natürlich in Chikago bei Miß Amanda große Neugierde, sie teilte den Inhalt des Telegramms sofort dem Rechtsanwalt Walter Löwe mit, der noch immer in Geschäftsangelegenheiten in New-York weilte und die ganze Tuchgeschichte beinahe vergessen hatte.

Zwanzig Meilen südwestlich von Schanghai bemerkte Frau Clara auf ihrem Gondelbalkon, daß in nicht allzu großer Entfernung ein Aeroplan fast senkrecht vom Himmel herunterfiel, sie rief:
»Edgar! Edgar!«
Dieser kam, sah das Luftvehikel, stürmte nach hinten zum Steuermann und setzte dort eine Maschine in Bewegung; er wirkte durch drahtlos dirigierte Wellen auf die Steuervorrichtung des Aeroplans, und es gelang, das Fahrzeug kurz vor der Berührung mit dem Erdboden seitwärts abzulenken und ganz korrekt landen zu lassen.
Frau Clara war durch dieses Manöver so aufgeregt worden, daß sie einen kleinen Weinkrampf bekam.
Mit Farbensignalen sprach man nun vom Luftschiff zu dem geretteten Aeroplan.
Und von hier kam – auch durch Farbensignale – folgende Antwort:
»Hier Mr. Burns vom Tierpark in Nordindien. Besten Dank für die Lebensrettung. Ich muß einen kleinen Ohnmachtsanfall gehabt haben.«
Mr. Burns wurde mit seinem Apparat zum Luftschiff emporgezogen.

Im Tierpark, der am Fuße des Himalayagebirges lag, stellte Mr. Burns dem Architekten und seiner Gattin gleich seine ganzen Wohnräumlichkeiten zur Verfügung.
Mr. Burns hatte die zahmen Tiere unter sich – besonders die Ziegen und die Büffelherden – er war ein Feind aller wilden Tiere und wollte Mr. Krug überreden, doch ein paar kräftige Worte gegen das Auffüttern der Tiger, Löwen und Leoparden zu sagen.
Auch Miß Clara Krug sollte nach dieser Richtung hin tätig sein.
Mr. Krug versprach, alles Mögliche zu tun, bemerkte aber gleichzeitig, daß die Tierparkgesellschaft nicht veranlaßt werden könnte, den ganzen Plan der großen Anlagen so rasch zu verändern; nur allmählich wäre hier, meinte er, etwas zu erzielen.
Und Miß Clara sagte, daß sie überhaupt nichts zu sagen habe – und in allen Dingen ganz von ihrem Ehemann abhängig sei. Dieses aber kam mit einem merkwürdigen Zucken der Mundwinkel heraus. Und der Architekt sah seine Frau mit hochgezogenen Augenbrauen an und wußte nicht, ob diese Unterwürfigkeitserklärung nur ein großer Hohn oder ein Phrasengewäsch sei.
Edgar sagte nur leise:
»Zehn Prozent Schottisch!«
Mr. Burns verstand das natürlich nicht, doch glaubte er, daß sein Lebensretter auch ein Feind der wilden Tiere sei – und das genügte dem Ziegen- und Rinderfreund.
Die Anlagen des Tierparks waren aber so umfangreich, daß sie sich nicht einmal von der Gondel des Luftschiffes aus ganz und gar überblicken ließen; man hatte viele Gebirgsschluchten für die Tiere hergerichtet.
Dieses Schluchtenterrain wirkte an vielen Punkten nicht sehr übersichtlich. Der Architekt hatte zunächst nur die Terrains für bestimmte Tiersorten durch hohe Mauern abzugrenzen. Die standen nun sämtlich da – und kamen dem Mr. Krug alle zusammen herzlich primitiv vor, da sie zumeist Backsteinbauten waren, die dem Glasarchitekten natürlich widerstrebten.
Aber – auf allen Mauern fuhren elektrische Wagen. Und die Fahrstühle führten auch die Bahnwagen hinauf und hinab. Und die Mauern zeigten viele Loggien, von denen aus die Tiere sehr bequem beobachtet werden konnten. Die sogenannte Löwengrube wurde von den Besuchern des Tierparks ganz besonders bevorzugt; auf einem sehr großen Terrain brüllten da über hundert Löwen herum. Das war ein sehr großes Gebrülle.
An Lichttürmen und großen Laternen war kein Mangel, Herrn Krug imponierte die ganze Geschichte sehr wenig.
»Mehr Glas!« sagte er öfters.
Und dann pries er den Blick zu den schneebedeckten Bergriesen empor.
»Das ganze Gebirge«, meinte er zu Mr. Burns, »möchte ich bebauen. Das wäre noch eine Aufgabe. Leider ist unsre Zeit für eine wahrhaft kühne Architektur noch immer nicht reif.«
Mr. Burns sah den Architekten ganz scheu von der Seite an. Und er mied darauf seinen Lebensretter, den er einfach für verrückt hielt. Miß Clara bemerkte das und lächelte.
Nun gab es aber einen großen Platz in dem Terrain, den man wohl einen Vergnügungsplatz nennen konnte – denn da gab es Wettrennen von Pferden und Giraffen, Elefanten und Maultieren usw. Auch kinematographische Theater gab’s da.
Und ein Mr. Stephan aus Chikago stellte sich dem Mr. Krug vor und bat ihn, doch mit seiner Gattin in sein Kino zu kommen.
Und da gab’s zu sehen:
»Die Hochzeit des berühmten Architekten.«
Mr. Edgar und Miß Clara sahen mit immer größeren Augen, wie sie dort auf dem Turm zu Babel den Ehekontrakt unterzeichneten. Die Stimme des Grammophons tönte sehr energisch, als die Theater-Clara sagte:
»Ich bin bereit, mein ganzes Leben hindurch graues Tuch zu tragen. Ich geh‘ auf alles ein, denn ich liebe die Glasarchitektur so sehr, daß ich ihr mit buntem Kostüm niemals Konkurrenz machen möchte.«
So ging’s weiter auf der kleinen Bühne. Miß Amanda Schmidt und Mr. Walter Löwe sprachen auch. Und die ganze Vorstellung dauerte eine kleine halbe Stunde. Man hörte das Knallen der Champagnerpfropfen, sah den Ampeltanz und die prächtigen bunten Glaswände, die den Turm zu Babel herrlich umrahmten. Mr. Stephan rieb sich vergnügt die Hände. Das Ehepaar rückte mit den Stühlen hin und her.
Herr Edgar stand schließlich auf und wollte mit kurzer Verbeugung Mr. Stephan verabschieden. Das gelang ihm aber nicht, denn Miß Clara rief nach Schluß der Vorstellung:
»Herr Stephan, Sie haben ja zehn Prozent Weiß vergessen. Ist denn Miß Amanda auch durch eine Schauspielerin dargestellt worden? Das muß eine ganz vortreffliche Schauspielerin gewesen sein.«
Mr. Stephan sagte, etwas blöde dreinblickend:
»Ja! Ja! Vortreffliche Schauspielerin! Hat eklig viel Honorar gekostet. Die Geschichte ist ja besonders für die Europäer gefilmt. Die sind ja so für die Sensationsehen – und besonders für die Sensationshochzeiten. Von den zehn Prozent Weiß habe ich niemals etwas gehört. Schade! Schade! Bitte Sie sehr, nichts davon verlauten zu lassen.«
»Und«, bemerkte nun finster der Edgar, »Mr. Löwe haben Sie auch durch einen Schauspieler darstellen lassen?«
»Ja! Ja!« rief wieder der Mr. Stephan.
»Dann muß ich Sie«, fuhr Mr. Krug fort, »nur darauf aufmerksam machen, daß ich Mr. Löwe sofort telegraphieren werde. Es ist doch merkwürdig, daß die Geschichte ohne mein Vorwissen in die Öffentlichkeit gezerrt worden ist. Sie sprechen von den Europäern. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich auch ein Europäer bin; ich bin in Europa geboren und wohne dort.«
»Du wohnst«, rief nun Frau Clara, »in Europa? Das ist mir ja ganz was Neues! Wo denn da? Bei unsrer Hochzeit ging, Mr. Stephan, tatsächlich alles so eilig, daß ich mich noch gar nicht danach erkundigt habe, wo mein Gatte eigentlich wohnt. Und wir sind bald ein Jahr verheiratet.«
»Liebe Clara«, versetzte Mr. Edgar sehr förmlich, »ich wohne auf der Isola Grande im Lago Maggiore – vis à vis Brissago. In dem alten langen See, den die alten Römer den Verbano nannten. Das hättest Du längst von mir erfahren können. Jetzt müssen wir aber zu Mr. Burns. Wir haben ihm versprochen, unser Frühstück mit ihm zusammen einzunehmen. Leider ist er ein sehr wunderlicher Herr, so daß ich mir nicht erlauben darf, Sie, Mr. Stephan, mitzubringen. Sie entschuldigen uns wohl. Besten Dank für das theatralische Schauspiel.«
Mr. Stephan dienerte noch viel und sagte zerstreut zehn bis zwanzig Mal:
»Hat mich sehr gefreut! Hat mich sehr gefreut.«
Und dann fuhren Krugs davon.

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Auf der Mauerbahn, die neben der Löwengrube dahinsauste, brüllte Mr. Edgar plötzlich viel lauter als alle Löwen und schrie:
»Donnerwetter! Der Teufel schlag rein.«
Miß Clara schrak zusammen.
Sie frühstückten dann schweigend allein. Von Mr. Burns sprachen sie nicht mehr.

Aber jetzt wurde das Telegraphenamt in Bewegung gesetzt.
Mr. Edgar Krug telegraphierte an Mr. Löwe, New-York:
»Soeben die Filmgeschichte gesehen. Das ist ja haarsträubend. Ich bitte Dich als Rechtsanwalt, mir zu sagen, was ich dagegen machen kann. Hole der Kuckuck den infamen Ruhm. Muß man sich Derartiges gefallen lassen? Oder – kann man nach unsern heutigen Gesetzen etwas dagegen machen? Du bist ja durch einen Schauspieler brillant wiedergegeben. Bist Du heute auch schon so berühmt, daß Dich Schauspieler genau imitieren können? Dann muß ich Dich lebhaft bedauern. Hier im Tierpark Nordindien. Sehr viele wilde Tiere hier. Ich bin bald auch ein wildes Tier. Dein alter Freund Edgar.«
Dieses Telegramm wirkte auf Mr. Löwe sehr lustig, er sprach gleich telephonisch mit Miß Amanda Schmidt in Chikago und sagte ihr unter Anderem:
»Wenn Edgar tatsächlich nicht bemerkt, daß wir selber bei der Filmgeschichte mittätig waren, so wollen wir die Sache verschweigen.«
Damit erklärte sich Miß Amanda vollkommen einverstanden; sie erhielt gleich von Miß Clara auch ein Telegramm – das lautete so: »Amanda! Welch ein Skandal! Nie heirate ich wieder einen berühmten Mann. Ich danke bestens für alle berühmten Männer. Sie können mir gestohlen bleiben. Man wird ja in frechster Weise kompromittiert. Und die zehn Prozent Weiß hat der Mr. Stephan einfach weggelassen. Ich sehe wie eine Nachteule aus. Kennst Du die Schauspielerin, die Dich dargestellt hat, näher? Mit solchen Personen, die andre nur kompromittieren, geht man doch nicht um. Das Beste wäre: Du kämst hierher in den Tierpark. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Am liebsten möchte ich die Scheidung einleiten. Durch Berühmtheiten wird man ja blamiert – in infamster Weise. Ich bin es müde, mich dem Gelächter der ganzen Welt auszusetzen. Jetzt habe ich genug von dem grauen Tuch. Komm, so rasch du kannst. Deine arme Clara.«
Kurzum: Diese beiden Telegramme bewirkten, daß Miß Amanda und Mr. Löwe sofort die Reise nach Indien antraten – auch in einem Luftschiff.

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Kaum waren Krugs aus dem Telegraphenamt herausgekommen, so trafen sie Mr. Burns, der sie schmerzlich beim Frühstück vermißt hatte. Und neben Mr. Burns stand Mr. Webster vom Erholungsheim auf den Fidschiinseln.
Mr. Webster wollte wieder nach London zurück. Und er hatte sich schon alle Sehenswürdigkeiten angesehen – auch die »Hochzeitsgeschichte eines berühmten Architekten«. Und er gratulierte dem Ehepaar zu dem kleinen Scherz.
»Was ist denn da«, sagte Mr. Krug, »zu gratulieren? Ich habe meinen Rechtsanwalt mit der Angelegenheit bekannt gemacht. Er kommt her.«
»Ja«, versetzte Mr. Webster, »von juristischen Dingen verstehe ich nichts. Ich gehe grundsätzlich allen Rechtsanwälten einfach aus dem Wege. Na – so schnell kann er ja noch nicht hier sein. Ich schlage jedenfalls eine kleine Ballonfahrt zu den Bergen empor vor. Miß Burns will uns begleiten. Dann sind wir fünf. Einverstanden?«
Man war’s, und bald schwebten die Fünf in einem besonderen lenkbaren Luftschiff zu den Bergen empor – sie schwebten über grausigen Tälern und über Bergen mit ewigem Schnee. Und sie umkreisten den großen Gaurisankar, den höchsten Berg der Erde. Und Mr. Krug wurde sehr gesprächig dabei.
Er sagte mit Heftigkeit:
»Es ist doch empörend, daß man diese einsame grandiose Gebirgswelt noch immer nicht bewohnbar gemacht hat. Bei dem heutigen Stande der Luftschiffahrt kann man das Baumaterial sehr leicht mit Luftschiffen heraufbringen. Auch die Hebelbahnen auf Borneo können hier als Transporteure benutzt werden. Es ist doch zu traurig, daß die Menschen immer noch nicht von der höheren Baulust gepackt worden sind. Es gibt auf der Erde noch soviel unbenutztes Bauterrain.«
Mr. Burns kraute sich wieder hinter den Ohren und sah seine Frau bedeutungsvoll an.
Und dann bewunderten alle Fünf mit Opernguckern die gewaltige Gletscherherrlichkeit. Und sie waren noch oben, als die Sonne unterging. Um Mitternacht landeten sie wieder unten im Tierpark Nordindien.

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