Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

II

ps_065 Herr Krug hatte drei von den zwölf Transportdampfern, die vor den Fidschiinseln lagen, mit Glasmaterial, Eisen und Eisenbetonplatten nach dem Süden zum Makartlande gesandt.
Nun kam von dem einen dieser Transportdampfer folgendes Telegramm an Herrn Krug:
»Hier war kolossaler Schneesturm. Mit großer Mühe hier im Hafen angelangt. Das Eis in Bewegung. Sehr viele Seehunde und Seelöwen hier. Der zweite Dampfer ist soeben am Horizont gesichtet. Vom dritten fehlt leider jede Nachricht. Der Schneesturm setzt von neuem ein. Wir raten zur Umkehr. Kolonie nicht zu sehen.«
Zwei Stunden nach Empfang dieses Telegramms befand sich Herr Krug mit seinem Ballon ebenfalls mitten im Schneesturm.
Das war nun für Frau Clara ein großes Erlebnis; der Herr Edgar hatte Ähnliches schon öfters erlebt, erklärte aber, daß dieser Schneesturm gradezu fürchterlich sei, er zeigte seiner Frau die Schneekratzer in heftigster Tätigkeit; immer wieder fuhren die Kratzer über die Ballonhülle und lösten den Schnee los.
Alle Kajüten wurden geheizt.
Herr Krug wollte umkehren.
Doch daran durfte man gar nicht denken; der Sturm trieb den Ballon direkt dem Makartlande zu.
Und in zehn Stunden kamen sie ans Ziel ihrer Reise; so schnell waren sie nicht einmal in dem Orkan, von dem sie über den Samoainseln gepackt wurden, dahingerast.
Überm Makartlande jedoch galt es, den Lufthafen zu entdecken, Herr Krug telegraphierte also an den Transportdampfer – er sollte sich »hörbar« machen – oben sei momentan nichts zu sehen.
Und da hörten die Leute im Luftschiffe plötzlich ein paar Schüsse durch die Polarnacht dröhnen. Und danach sah man Feuersignale und Scheinwerfer. Und der Dampfer wurde entdeckt.
Der Steuermann des Herrn Krug meinte, daß sie sehr leicht zum Südpol gekommen wären, wenn der Dampfer nicht signalisiert hätte.
Die Landungsmanöver gestalteten sich aber außerordentlich schwierig. Vom Dampfer ließen sich die Luftleute mit vielen Umständen herunterziehen. Doch die Kolonie blieb bei dem anhaltenden Sturm immer noch unsichtbar.
Frau Clara kam zitternd vor Kälte aus dem Korbe des Luftschiffes in die Kajüte des Transportdampfers, allwo sie gleich mit heißem Grog empfangen wurde. Da die Seeleute stark rauchten, steckte sich Frau Clara auch eine leichte Zigarre an – und trank Grog – drei Glas – wie ein alter Seebär.
Herr Edgar wunderte sich nicht wenig, als er auch in die Kajüte kam, daß sich seine Frau so gut in jede Situation zu schicken wußte. Die Verankerung des Luftschiffes erwies sich leider bald als total unmöglich. Man mußte das Gas ausströmen lassen. Dabei kam die Gondelkajüte so tief in den Schnee, daß das ganze Luftschiff ebenso unsichtbar wurde – wie die Kolonie.

Die Seeleute wunderten sich, daß bei dem Knallen des Orkans noch die Kanonenschüsse zu hören gewesen waren. Das wurde jedoch verständlich durch die Windrichtung und durch die Nähe des Ballons.
Frau Clara hielt sich fortwährend die Ohren zu; die Sturmtöne waren in der Dampferkajüte immer noch zu hören.
Und dann brach die Sturmmusik mit einem Ruck ab.
Und man hörte nur noch das Meer rauschen. Das Rauschen dröhnte sehr heftig. Es wurde aber doch als Erlösung empfunden; die Orkanlaute oben in der Luft sind viel stärker.

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Danach ward es Morgen.
Die Sonne stand ganz dunkelrot über dem Horizont, Und im Meere tummelten sich unzählige Seehunde und Seelöwen.
Frau Clara sah davon nichts, denn sie schlief. Und Herr Edgar war sehr froh, daß sie schlief. Nun galt es, den Ballon wieder vom Schnee zu erlösen und die Kolonie aufzufinden. Das Erstere nahm einen vollen Monat in Anspruch, das Letztere gelang nach vierundzwanzig Stunden.
Die Sonne stand noch am Horizont, während Herr Krug mit seiner Frau in einem Automobilschlitten zur Kolonie fuhr. Viele Sterne leuchteten am dunkelblauen Himmel. Die Luft war ganz ruhig.
Leute von der Kolonie führten das Automobil – auf einer sehr gefährlichen Straße.
Doch kam man nach verschiedenen kleinen Unfällen schließlich in der Kolonie an, wo alle Bequemlichkeiten zur Verfügung standen, um das junge Ehepaar wieder lebensfähig zu machen.
»Es war eine kleine Südpolarexpedition, obgleich wir noch vom Südpol ein paar hundert Kilometer entfernt sind!«
Also sprach der Herr Edgar.
Frau Clara sagte lachend:
»Na – wenn das blos eine kleine Expedition gewesen ist, so muß ich für die Weiterfahrt danken. Ich werde froh sein, wenn ich wieder in den Tropen bin.«
»Halt!« rief da ihr Gatte, »da kennst Du die Malerkolonie im Makartlande noch nicht. Vielleicht gefällt es Dir hier besser, als Du denkst. Außerdem wird die Reparatur unseres Luftschiffes noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Der Frau Clara gefiel’s in dieser Malerkolonie. Ihr Gatte war in den ersten Wochen immer draußen, um das Luftschiff in die Ballonhalle zu bringen.
So blieb Frau Clara nach langer Zeit mal wieder nur unter Damen. Diese gaben sich die größte Mühe, der Frau des berühmten Architekten gefällig zu sein.
Herr Krug zeigte sich zumeist schlechter Laune; das Luftschiff hatte ganz erhebliche Schäden davongetragen – und das dritte Transportschiff war verschollen und blieb verschollen. Zehn Familien wohnten in der Kolonie.
Zwanzig malende Damen waren da und zehn malende Familienväter. Zehn der Damen waren unverheiratete Töchter.
Nun wollte man für den Herrn Krug nebst Gattin ein großes Fest arrangieren – im gut geheizten Kajütensalon, in dem die Wände aus schwarzem Holz bestanden. Die Damen erschienen in den farbenprächtigsten Toiletten. Nur Frau Krug kam im grauen Kleide mit zehn Prozent Weiß.
Herr Krug lächelte und sagte:
»Die Damen sehen, daß meine Frau graues Tuch trägt mit zehn Prozent Weiß. Sie repräsentiert das Einfache und will der Glasarchitektur gegenüber zurücktreten. Wohl eine Überraschung für die Damen.«
Es war tatsächlich eine sehr große Überraschung für die ganze Kolonie.
Man behauptete, daß der Kajütensalon ja keine Glasarchitektur zeige – und daß Herr Krug die Farben doch so liebe.
Herr Krug sah seine roten, stellenweise überpflasterten Hände an, dachte an sein Luftschiff und sagte:
»Daß Sie sich hier ohne Glasarchitektur behelfen – das ist ja grade mein größter Schmerz.«
Nun erklärte man, daß die Heizungsanlagen nicht gut funktionierten. Und da ging die ganze Festesfreude zu Grunde, denn Herr Krug begab sich gleich mit den Malern hinaus und ließ sich alles erklären und ordnete große Reparaturen an und wollte dann den später eingebauten Kajütensalon mit seinen Holzwänden wieder forthaben.
Und man kam ihm auch in dieser Hinsicht durchaus entgegen, als es sich herausstellte, daß die Heizvorrichtungen nach Erledigung der Reparaturen sehr gut funktionierten.
Hiernach kam das graue Kleid der Frau Clara wieder zur Wirkung, denn der große Klubsaal der Kolonie, in dem eben der Kajütensalon hineingebaut war, ließ seine prächtigen Wandglasfarben so hell leuchten, wie’s der Architekt gewünscht hatte.
Die Damen der Kolonie erschienen alle in anspruchslosen Kleidern, und jetzt verlief das Fest in größter Behaglichkeit. Frau Krug spielte auf einem Harmonium, und vier Damen gaben ein großes Streichkonzert zum Besten. Man trank den heißen Grog und Chartreuse, Benediktiner und Champagner. Auch Bier war da – aus Melbourne.

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An Miß Amanda telegraphierte Frau Clara nach einigen Wochen Folgendes:
»Liebe Amanda! Die Katastrophe ist glücklicherweise noch nicht da. Doch eins muß ich sagen: mir tut der Kontrakt weh. Die Damen hier fragen mich natürlich nicht, warum ich immer Grau mit zehn Prozent Weiß trage. Die eine der älteren Frauen, die mich bedienen, ist eine sehr geschickte Schneiderin und macht mein Kostüm trotz des Paragraphen immer wieder anders. Entzückend ist es, wie die Frau die zehn Prozent Weiß immer wieder in andrer Form bringt. Ich trage jetzt sehr viel Pelz. Eine der Malerinnen fragte aber nach dem Emailkleide. Ja – ich verstehe nicht: in den amerikanischen Zeitungen muß ja ein haarsträubender Unsinn gedruckt worden sein. Telegraphiere mir doch mal darüber. Ich sage natürlich vom Ehekontrakt kein Wort. Ich schäme mich eigentlich, daß mein Leben an solchen Kontrakt gebunden ist. Doch die Polarnächte sind wundervoll. Und der Schnee ist blendend schön; wir müssen immer Holzstäbchen vor den Augen haben, wenn wir hinausgehen. Wozu hier der Edgar noch die Glasarchitektur haben will, mögen die Götter wissen; ich weiß es nicht. Indessen – richtig! – er sagte neulich, daß er durchsichtiges Glas verbauen möchte, um eigentümliche Wirkungen mit beleuchteten Eisblumen herzustellen. Die Blumen vermißt man hier sehr. Es gibt nur ein paar Tulpen und ein paar Töpfe mit Schneeglöckchen. Diese sind Edgars Lieblingsblumen. Nun telegraphiere bald. Es wird zum Abendtee geläutet. Ich bin Deine alte Clara.«
Beim Abendtee setzte Herr Edgar den Malern auseinander, daß er ihnen Veranden mit durchsichtigen Fenstern bauen wollte.
Und das geschah denn auch in den nächsten Tagen.
Auch das dritte Transportschiff kam dann an, das zweite war schon bald nach dem ersten angelangt.
Herr Krug blieb neun Monate auf dem Makartlande und interessierte sich für die Polarmalerei außerordentlich.

Herr Krug gab den Bauleuten seine Pläne für die Erweiterung der Kolonie und ließ zunächst eine Lichtturmstraße bis zur Ballonhalle und bis zum Hafen bauen. Die einzelnen Lichttürme hatten Obeliskenform und ließen sich vom Schneesturm nicht verdunkeln und verschütten. – Oben leuchteten bewegliche farbige Scheinwerfer.
Miß Amanda telegraphierte von den amerikanischen Zeitungen alles, was sie wußte.
Frau Clara fand in Käte Bändel eine Freundin, der sie alles offenbarte.
Käte Bändel war nicht verheiratet und beschloß, mit Frau Clara mitzukommen.
Diese nahm das Anerbieten mit großer Freude an.
Als nach dreiviertel Jahren Abschied gefeiert wurde, da beklagte Frau Clara sehr lebhaft, daß sie schon wieder fort müßte.
Und ihr Gatte sagte triumphierend:
»Siehst Du? das habe ich Dir ja gleich gesagt.«
Der Käte Bändel war auch ganz traurig zu Mute, sie wäre am liebsten auf dem Makartlande geblieben, wollte aber ihre neue Freundin um keinen Preis allein lassen.
Frau Clara ahnte nicht, daß Fräulein Bändel ihr ein großes Opfer brachte.
Man sah im Pelz noch die vielen Seehunde und Seelöwen. Dann fuhr man im Schlitten durch die Lichtturmstraße zur Ballonhalle, allwo alles einstieg und dreimal hoch in den Lüften das Makartland umkreiste.
Dann wurden die Kolonisten wieder ausgesetzt. Man trank noch stehend ein heißes Glas Grog – und das Luftschiff fuhr nach Norden – den Tropen zu.

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