Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

ps_067 Frau Krug blieb jetzt vierzehn Tage oben in ihrer Gondelkajüte, da unten die Schlosserarbeiten zu viel Lärm machten. Der Ballon wurde immer wieder automatisch gefüllt. Und täglich umkreiste das Luftschiff ein paar Dutzend Male das ganze Bauterrain; Mr. Krug und Mr. Webster waren sehr oft oben in den Kajüten und sahen dem Bau der Schlosser und Glaser mit Aufmerksamkeit zu. »Nun ist«, bemerkte Mr. Krug eines Morgens, »das Wichtigste in der ganzen Anlage fertig. Wie gefällt Ihnen, Mr. Webster, die ganze Anlage von der Vogelperspektive aus! Auf diese müssen wir wohl besonderen Wert legen, da ja die Luftchauffeure zumeist auf dem Luftwege dem Erholungsheim nahen dürften. Und – da muß der erste Eindruck gleich der stärkste sein. Wie gefällt Ihnen nun, Mr. Webster, das bislang Geschaffene?«
Mr. Webster schwieg eine Weile.
Dann steckte er sich eine Zigarre an und blies den blauen Rauch in die Morgenluft.
Frau Clara schlief noch, und der Herr Edgar sagte langsam und lächelnd:
»Die Windschirme wirken von der Vogelperspektive aus nicht sehr massiv.«
»Nein!« rief Mr. Webster, »das tun sie nicht.«
»Wir brauchen Dachartiges!« fuhr Herr Edgar fort, »ich werde meinen Leuten durch Farbensignale den Auftrag geben, mal zwei Dächer an einem Schirm anzubringen.«
»Das wird«, sagte Mr. Webster, »die ganze Anlage sehr verteuern; Glas ist ein sehr schweres Material.«
»Sie vergessen die Hebel«, versetzte der Herr Edgar, »mit Hebeln kann man die schwersten Gegenstände nicht nur heben – man kann sie auch leicht mit Hebeln dirigieren.«
Ein schriller Pfiff ertönte auf dem Vorderdeck, und die Farbensignale leuchteten auf und verkündeten unter den Bauleuten, was der Herr Edgar wünschte.
Danach wurde ein anderer Schirm auf den einen Windschirm hinaufgestellt, so daß er durch Hebelgewicht nach oben gerichtet, horizontal und in jedem Winkel festgestellt werden konnte – auch so, daß er mit der anderen Seite den Boden berührte.
»In dieser Stellung«, sagte Herr Krug, »ist der senkrecht stehende Schirm auch bei dem stärksten Orkan, mit dem wir schon rechnen müssen, nicht umzuwerfen; der Dachschirm steht schräg, und der Wind hat eine gut gestützte Angriffsfläche.«
»Herrlich! Herrlich!« rief Mr. Webster.
Als Frau Clara nach zwei Stunden erschien, waren schon fünf der senkrecht aufragenden Windschirme mit Dachschirmen versehen – zwei davon hatten Winkeldachschirme.
Jetzt kamen immer mehr Dachschirme hinauf.
»Ah«, rief Mr. Webster, »Sie haben schon alles vorbereitet. Na – man kann sich’s gefallen lassen. Jetzt sehen die Hügel so aus von hier oben – als wären sie mit Häusern bebaut. Die Dächer sind einfach gestreift. Aber da kommt ja auch ein kuppelartig-röhrenartiges Dach. Ja – Sie haben alles vorbereitet. Eine kleine Überraschung für mich. Was sagen Sie dazu, Frau Clara?«
»Ich bin entzückt!« rief Frau Clara.
Da schüttelten sich die Herren die Hände, und Herr Krug ließ ein schwedisches Frühstück auftragen.

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Acht Tage später war die ganze Anlage mit den Glasdächern fertig; die Dächer ließen sich durch Hebelgewicht leicht immer wieder unter anderm Winkel einstellen.
Und dadurch erhielt die Anlage für den durch die Luft Heranfahrenden immer wieder einen anderen Reiz; die anderen Winkel erzeugten immer wieder ein anderes Dächerbild.
Mr. Webster war mit Allem sehr zufrieden und gab seiner Freude in langen Telegrammen Ausdruck, die durch drahtlose Telegraphie rasch nach London befördert wurden und dort in der Gesellschaft des Erholungsheims den besten Eindruck machten.
Mr. Krug nahm danach mit seiner Gattin von Mr. Webster und seinen Bauleuten Abschied, und man feierte den Abschied bis zum Morgengrauen.
Dann fuhr das Ehepaar im Luftschiff nach Süden, während die Sonne im Osten aufging.
Herr Edgar aß beim Sonnenaufgang frische Taschenkrebse und trank Sodawater mit gutem Burgunder dazu.
Unten fuhr Mr. Webster mit dem letzten der zwölf Transportdampfer nach Borneo.
Die Bauleute gönnten sich drei Tage Ruhe.

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Herr Krug setzte seiner Gattin auf der Fahrt gen Süden, wo es immer kälter wurde, verschiedene Kleinigkeiten über die Anlage auf den Fidschiinseln auseinander.
Erst mußte er ihr den Hebel erklären.
»Denk Dir«, sagte er, »eine große Wage. Du magst auf der einen Seite so viele Zentner rauflegen, wie Du willst, immer kannst Du die vielen Zentner hochheben, wenn Du auf der anderen Seite der Wage ebensoviel Gewicht raufpackst. Dieser Hebelspaß ist die Hauptsache bei der ganzen Ingenieurkunst. Und auch der Architekt hat immer wieder damit zu rechnen. Es ist unsäglich einfach und doch so großartig. Die größten Bauten sind nur mit den Hebeln möglich. Selbstverständlich müssen die Hebelarme die richtige Stärke haben, sonst brechen sie ab.«
Herr Edgar zeichnete seiner Gattin eine Anzahl Anlagen auf, in denen der Hebel die größte Rolle gespielt hat.
»Hätten die alten Ägypter«, sagte er dabei, »die ganze Großartigkeit des Hebels gekannt, sie hätten noch größere Bauwerke als die Pyramiden geschaffen.«
»Wie«, meinte später Frau Clara, »ist aber das Glas gegen Hagel geschützt?«
»Es ist«, versetzte Herr Edgar, »einfach Drahtglas bei den Dachschichten verwandt. Das hält jeden Hagel aus. Zwischen zwei Glasflächen ist ein dichtes Drahtnetz gelegt – und das Ganze ist dann zusammengeschmolzen. Das Netz beeinträchtigt die Farbenwirkung nicht zu stark. Ich bin sogar der Meinung, daß sehr viel mehr Drahtglas in der heutigen Glasarchitektur verwandt werden sollte. Die Anlagen auf den Fidschiinseln stellen ja eigentlich nur eine Scheinarchitektur dar. Aber bunt ist es schließlich doch. Das Prinzip ist gerettet. Und Du hast dabei geholfen. Karmin und Orange sind durch Dich hineingekommen. Ich danke Dir, Clara.« Er küßte seiner Frau höflich die Hand.
Ein Unwetter zog herauf, und sie zogen sich in die geheizte Kajüte zurück.
Das Meer rauschte gewaltig.
Herr Edgar befahl, höher hinaufzufahren.
Und in eintausendfünfhundert Metern Höhe war die Luft wieder ganz ruhig.

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Herr Löwe hörte währenddem in New-York immer wieder von Edgar Krugs Bauten.
Auch von Krugs Bauten auf den Fidschiinseln wurde sehr viel gesprochen.
Man wollte auch Näheres von Mr. Krugs Ehe hören. Aber Mr. Löwe schwieg wie ein Grab.
Auch von Miß Amanda Schmidt ließ sich nichts Näheres erfahren.
Trotzdem kamen verschiedene Andeutungen in der Presse vor, da schließlich die Standesbeamten von Chikago doch nicht so verschwiegen waren, wie sie es eigentlich hätten sein sollen.
Aber was von dem Ehekontrakt in die Öffentlichkeit gelangte, war ein Zerrbild der Wirklichkeit; man erzählte sich, daß Miß Clara Krug sich verpflichet habe, in jeder Woche einmal ein mit Email cloisonné verziertes Kleid zu tragen – und das Kleid sollte dreißig Pfund wiegen.
Mr. Löwe wurde befragt, und er blieb ganz ernst und sagte, daß darüber nicht gesprochen werden dürfte.
Danach logen die Reporter ganz unglaubliches Zeug über Mr. Krug zusammen.
Und dieser ahnte nichts davon; er war unten über dem Packeis des Makartlandes und hatte Mühe, dort die Malerkolonie zu entdecken, für die er auch Glasbauten hergestellt hatte; jetzt sollte im Südpolargebiet noch mehr gebaut werden – aber man sträubte sich gegen das Glas und wollte Holzbauten.

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