Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

ps_132 Als die Orgel wieder still war, flutete alles lachend und gestikulierend durcheinander.
Und die Drei fuhren in die unteren Etagen, wo die kleineren Silbersachen ausgestellt waren.
Hier gab’s Kabinetts, in denen man die großen Farbenfenster der Halle nicht sehen konnte – einfarbiges, sehr gedämpftes Licht leuchtete da in den Wänden und in den Säulen und in den großen Ampeln. Das Einfarbige beruhigte.
Die Silberplastik bevorzugte in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts das Flossenmotiv; die japanischen Schleierfische hatten wohl die Anregung gegeben, diesen Schleierfischen, einer Abart der bekannten Goldfische, hingen die Flossen wie wallende Gewänder vom Leibe.
Nun machte man aber den Kopf nicht fischartig – sondern man nahm andere Köpfe: Löwen-, Stier- und vor allem Menschenköpfe. Doch diese Köpfe wurden so umstilisiert, daß man die erste Anregung gar nicht mehr entdeckte. Doch wirkten diese kleinen Flossenungeheuer immer sehr graziös.
Herr Krug blieb vor einer dieser Kompositionen längere Zeit stehen und sagte schließlich:
»Hier weiß man nicht recht, ob der Kopf ein Löwenhaupt oder ein umgewandeltes Menschenhaupt sein soll. Jedenfalls sind die Bartpartien und die Augenbrauen auch wallende Flossen. Und die Seitenflossen umhüllen den ganzen Körper – mantelartig. Es sind aber viele Mäntel übereinander. Ja – das möchte ich ankaufen.«
»Sind Sie«, fragte Miß Amanda Schmidt, »so leicht zum Kaufe bereit? Da werden sich ja die Bildhauer sehr freuen. Ich dächte, Sie überlegen noch – und sehen erst mehr. Es gibt noch sehr viel bessere Kompositionen.«
Herr Krug jedoch sagte ein wenig scharf:
»Meine Gnädige, ich bin sehr selbständig. Und darum werde ich den Kauf gleich arrangieren.«
Er rief einen Diener.
Herr Walter Löwe lächelte.
Miß Amanda Schmidt sah ganz ernst aus. Fünf Minuten später prangte eine kleine Medaille mit dem Vermerk »Verkauft« an der feinen Silberarbeit.
Fünfhundert Dollars kostete die Kleinigkeit.
Das Stück mußte bis zum Ende der Ausstellung an seiner Stelle bleiben, was Herr Krug lebhaft bedauerte.
Miß Amanda reichte dem Architekten die Hand und sagte:
»Meinen besten Dank!«
»Wofür?« fragte Herr Krug.
»Ja«, versetzte die Dame, »Sie sind, da Sie heute einen so großen Erfolg gehabt haben, so zerstreut gewesen, daß sie sich noch nicht nach mir weiter erkundigten.«
Herr Walter lächelte abermals.
»Ja«, rief Herr Krug, »wie komme ich denn dazu, mich zu erkundigen? Das wäre doch verletzend.«
»Aber«, versetzte Miß Amanda, »Sie hätten jedenfalls gehört, daß ich auch ausgestellt habe; ich bin nämlich Bildhauerin – arbeite fast nur in Silberplastik.«
Herr Krug war peinlich berührt.
»Oh«, sagte er bedauernd, » da tut’s mir leid, daß ich Ihre Arbeiten nicht vorher angesehen habe.«
Der Rechtsanwalt wandte sich um und hielt das Taschentuch am Munde. Dann rief er lachend:
»Edgar, Du hast ja die schönste Arbeit von Miß Amanda bereits angekauft.«
Edgar stotterte was und begriff noch nicht. Da sagte Miß Amanda auf die gekaufte Arbeit deutend:
»Das hab‘ ich gemacht.«
Nun gab’s natürlich fünf Minuten lang ein großes Gelächter, viel Händegeschüttel, Entschuldigungen und Komplimente usw.
Aber Miß Amanda sprach schließlich ganz ernst:
»Sie waren noch nicht sehr liebenswürdig zu mir persönlich – nur zu meinem Werk. Die letztere Liebenswürdigkeit macht alles wieder gut. Aber dafür müssen Sie mir einen kleinen Gefallen tun und mit uns zusammen oben – ganz oben auf dem Turm zu Babel – Abendbrot essen. Die Gesellschaft meiner Freundin müssen Sie sich schon gefallen lassen – es ist Clara Weber, die Orgelspielerin. Hören Sie nur, sie spielt schon wieder.«
Alle Drei horchten.
Und Herr Krug war natürlich mit allem einverstanden. Man sah nach der Uhr, und Miß Amanda bemerkte, daß Fräulein Clara Weber erst in einer Stunde frei sei.
Die Herren waren etwas durstig.
Man trank in der Nähe etwas Selter mit Whiskey.
Dann jedoch schlug Herr Löwe vor, mit der Ausstellungsbahn draußen auf den Dächern des Ausstellungsgebäudes ein wenig herumzufahren.
Und man tat das.
Man benutzte ein paar Fahrstühle, fuhr erst nach unten und dann wieder nach oben. Und so kam man draußen auf ein großes Dachplateau, von dem aus kleine Wagen rund um die große Kuppel des runden Mittelpalastes herumfuhren.
Auf einem dieser Wagen fuhr auch der Architekt mit Miß Amanda und Herrn Löwe. Da überall Doppelwände waren, sah die Ausstellung von außen auch ganz bunt ornamentiert aus.
Und – von außen wirkten die Ausstellungshallen fast noch prächtiger als innen.
Man sah im Michigansee das ganz bunte Spiegelbild der Paläste; wie Kolibris, Libellen und Schmetterlinge zuckten die unzähligen Farben auf den bewegten Wellen des Sees. Dazu leuchtete der Vollmond. Und auch er spiegelte sich im Wasser.
Mehrere Aeroplane fuhren über den See – und ließen ihre bunten Scheinwerfer spielen.
»Ein sehr buntes Bild!« sagte Herr Krug. Und er zündete sich eine Zigarette an..

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Der Turm zu Babel stand in der Mitte des runden Palastes, auf dessen Dachrand die Drei soeben herumgefahren waren.
Der Turm zu Babel hatte dreißig Etagen und oben eine kreisrunde Plattform. In allen Etagen befanden sich Restaurationsräume. Oben auf der kreisrunden Plattform war’s am prächtigsten; auf allen Seiten sah man die bunten, elektrisch erleuchteten Glaswände. Und von der Decke herab hingen viele tausendfarbige Ampeln, die langsam runterkamen und dann wieder emporstiegen. Dazu verdunkelten sich stellenweise die Glaswände, und das Licht wurde immer wieder anders. Dieses Anderswerden des farbigen Lichtes ging aber so langsam und ruhig vor sich, daß es keineswegs beunruhigte.
Herr Krug wurde durch das Erscheinen von Fräulein Clara Weber heftig überrascht; die Dame trug nämlich ein einfaches graues Kleid – mit zehn Prozent weißer Spitzen dazu.
Herr Krug war gleich begeistert von diesem Kostüm und sagte das und bat wieder Miß Amanda sehr um Entschuldigung, daß er ihr buntes Kleid nicht herrlich finden könne, da es vor den Glaswänden nicht gut wirke – nach Herrn Krugs Meinung paßte zu Glaswänden nur ein graues Kostüm mit zehn Prozent Weiß.
Darüber sprach man natürlich sehr viel und die Vier wurden immer lebhafter.

Nach Schildkrötensuppe, Austern und Kaviar aßen die Vier Hecht grün mit der Grätenzange; der Fisch war vor einer halben Stunde am Michigansee gefangen worden und eine Delikatesse ersten Ranges.
Man aß bedächtig und sagte eine Weile gar nichts.
Da hob Herr Krug ein Stückchen Hechtleber hoch auf und bemerkte zu Fräulein Clara Weber:
»Meine Gnädigste, würden Sie wohl bereit sein, Ihr ganzes Leben hindurch nur graue Kostüme zu tragen – mit zehn Prozent Weiß?«
Er aß das Stückchen Hechtleber, und Miß Amanda flüsterte ganz leise:
»Das klingt ja fast wie ein Heiratsantrag.«
»Soll’s auch sein!« bemerkte der Architekt.
Fräulein Clara sagte ganz einfach:
»Ja!«
»Das finde ich«, sprach nun der Rechtsanwalt, »ein wenig kurz angebunden – und auch ein wenig leichtsinnig.«
»Warum? Warum?« riefen die Damen.
Der Rechtsanwalt räusperte sich, tat etwas wichtig und hielt dann folgende Rede:
»Meine Damen! Sie wissen offenbar noch nicht, was ein Ehekontrakt bedeutet. Ich aber weiß es, denn ich habe schon hundertfünfzig Ehescheidungsklagen geführt. Ich weiß, daß man bei der Formulierung eines Ehekontraktes nicht leichtsinnig sein darf. Mein Freund Edgar ist ein sehr reicher Mann. Er kann sich also den Luxus leisten, etwas leichtsinnig zu sein. Doch den Damen ist zu raten, nicht so einfach zu unterschreiben. Erst nachdenken! Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang.«
»Und deine Rede war auch sehr lang!« bemerkte Herr Edgar.
»Nun meinetwegen«, sprach der Rechtsanwalt, während er den Füllfederhalter und Papier hervorzog, »können wir auch sofort zur Tat schreiten. Dann gibt’s ganz bestimmt einen Prozeß, und ich erziele ein bedeutendes Honorar. Mir ist es auch ganz gleich, zu welcher Partei ich übergehe. Lieber Edgar! Du wünschest also die Kürze. Gut! Sehr gut! Graues Kostüm also! Sammet und Seide nicht ausgeschlossen?«
»Die sind«, versetzte Edgar, »in jedem Falle ausgeschlossen. Das Kostüm muß so sein, daß es eine buntfarbige Glaswand nicht übertönt. Das Kostüm muß zurücktreten vor der Architektur, darf dem Glase unter keinen Umständen Konkurrenz machen. Nur graues Tuch ist gestattet. Das hebt sich auch brillant vom Buntfarbigen ab, bildet zur bunten Glasarchitektur einen prächtigen Kontrast – und wird überall als wohltuende Zurückhaltung empfunden werden.«
»Ja«, fuhr nun der Rechtsanwalt fort, »sind nun alle Grautöne vom tiefsten Grau bis zum hellsten erlaubt?«
»Ja!« erwiderte der Architekt.
»Dann«, fuhr der Rechtsanwalt abermals fort, »wäre nur noch zehn Prozent Weiß näher zu definieren. Ist es gleich, ob das Weiß in Glacéhandschuh, Pelz, Spitze oder Leinwand besteht?«
»Ja!« erwiderte der Architekt.
»Sammet und Seide aber lehnst Du auch in Weiß ab, nicht wahr?«
»Ja!« klang’s abermals zurück.
Herr Krug arbeitete nervös mit der Grätenzange und nahm noch ein großes Stück Hecht.
»Nun«, hob Herr Walter Löwe wieder an, »ist noch Folgendes näher zu erörtern: sind die zehn Prozent en face zu nehmen oder von der Seite?«
Herr Krug zuckte nervös mit den Schultern und aß seinen Hecht.
»Du bist«, bemerkte sein Freund, »übellaunig, aber die Sache muß doch erörtert werden, es kommt auch noch die Rückseite in Betracht.«
Die Damen lächelten.
Herr Krug aber machte ein böses Gesicht und sah zornig den Herrn Löwe an und sprach: »Darauf wünschest Du doch keine Antwort, nicht wahr? Du wolltest nur Witze machen. Jedenfalls meine ich, daß sich immer zehn Prozent Weiß zeigen dürfen – die Stellung ist der Dame ganz und gar überlassen. Weitere Erörterung dieses Themas muß ich mir ganz ergebenst verbitten.«
»Entschuldige!« versetzte der Rechtsanwalt, während er eifrig schrieb, »dann kann gleich der Kontrakt fertig sein. Wenn noch etwas übersehen ist, so wäre das natürlich nur zum Vorteil Deiner Gegenpartei. Mir ist das auch recht.«
Der Turm zu Babel stieg wie ein Kegel empor, sodaß jedes höher gelegene Stockwerk immer ein wenig kleiner war als das unter ihm gelegene. Nun ertönte aus den tiefer gelegenen Stockwerken plötzlich eine zarte Geigenmusik empor – und – es war eine Walzermelodie.
Gleichzeitig erlöschte das Licht in den Glaswänden.
Und die Ampeln kamen alle von der Decke runter und bewegten sich nach dem Takte der Musik auf und ab – auf und ab.
Das sah sehr hübsch aus.
Und der ganze Turm zu Babel rief sehr vielstimmig »Bravo!«
Und man klatschte auch in die Hände.

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Nach diesem Ampeltanz verschwanden die Ampeln in der Kuppel oben und erlöschten, so daß jetzt nur noch das Tischlicht im Turm zu Babel leuchtete.
Die Vier auf der obersten Turmplatte bestellten Kapaun, Kompotts und schwedische Schüsseln.
Man trank den besten Rheinwein.
Und Miß Amanda sprach bedächtig:
»Ich dächte, jetzt könnte das Brautpaar Brüderschaft trinken.«
Es geschah!
Und danach leuchteten in den Glaswänden die großen Scheinwerfer, so daß die Wände jetzt nur noch stückweise erleuchtet wurden. Die Scheinwerfer bewegten sich ganz langsam, so daß sich das Wandbild perpetuierlich veränderte.
Miß Amanda und Mr. Walter Löwe gratulierten dem Brautpaar. Herr Löwe las den Kontrakt vor.
Und man wurde nun sehr lebhaft und sprach über alles mögliche – und man rauchte.
Bei der zweiten Zigarre erblickten die beiden Herren einen graugekleideten Diener in respektvoller Entfernung; Herr Krug winkte ihm, und er meldete:
»Das Luftschiff liegt zur Fahrt bereit im großen Lufthafen auf dem Michigansee.«
»Dann müssen wir aufbrechen«, versetzte Herr Krug, »ich werde erwartet. Das Gepäck meiner Gemahlin kann morgen nachgesandt werden.«
»Wohin denn?« fragte die Gemahlin.
»Nach den Fidschiinseln in der Südsee. Ich baue da auch. Und meine Leute sind in sehr großer Verlegenheit.«
Also die Antwort des Architekten.
»Ja«, rief nun der Rechtsanwalt, »da müssen wir aber zunächst das Standesamt aufsuchen. Es ist hier im Hause ein Standesamt. Ich werde die Beamten zusammenrufen. In einer halben Stunde kann alles erledigt sein.«
Er erhob sich und ging hinaus.
Herr Krug bestellte noch ein paar Liköre und rauchte die dritte Zigarre.
Die Damen rauchten auch und sprachen von der Ausstellung: Miß Amanda erzählte lustig lachend von dem Silberankauf des Herrn Krug und bat Frau Krug, ihr sobald wie möglich zu telegraphieren.

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