Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

ps_055 Mr. Stephan erhielt sein Honorar.
Mr. Löwe erhielt auch das Seinige.
Vom Überfall auf Malta sprach man nicht mehr, wohl aber vom Waffenmuseum bei Gibraltar – das sollte eine Konkurrenz für die Alhambra sein.
Danach fuhren Mr. Li-Tung mit seiner Gemahlin gen Westen; über Madeira, Feuerland, Makartland wollten sie nach Australien; dort wollte Miß Käte Känguruhs zeichnen.
Mr. Löwe fuhr nach Paris.
Mr. Stephan wieder nach Genf.
Miß Amanda fuhr zur Weltausstellung in der Lüneburger Heide.
Und Mr. Krug ließ die Blumen des Chinesen von seinem Schlosse rasch entfernen.
Und Miß Clara sagte:
»Ein Glück, daß sie fort sind.«

Mr. Krug zeigte seiner Gattin auch sein kleines Ornamentmuseum.
Hier standen die Stahlschränke in der Mitte. Wände und Kuppeln leuchteten in blau-rot-gelber Würfelornamentik.
»Dieses kleine Museum«, erklärte Edgar, »ist nur ein kleiner Beitrag zur Zahlenmystik. Ich deutete Dir schon auf Sardinien an, wie bedeutsam die drei, fünf, sieben ist. Alles ist auf die Sterne zurückgeführt. Die uralten Priester in Babylonien und an andern Orten blickten mehr zum Himmel als die andern Menschen.«
Er sprach noch sehr viel darüber, sagte auch, daß die sieben Regenbogenfarben eigentlich gar nicht sieben sind, die Sieben sei nur der fünf Planeten nebst Sonne und Mond wegen eingeführt, die sieben Tage der Woche hätten diesen Astralkörpern auch ihre Entstehung zu danken, auch in der Musik spiele deshalb die Fünf und Sieben eine so große Rolle usw. usw.
»Könntest Du nicht«, fragte Miß Clara, »wieder zur Archäologie zurückkehren?«
»Nein «, versetzte der Architekt, » wer einmal von der Glasarchitektur gepackt ist, der lebt in den Glasfarben. Aber in diesen ist natürlich die Ornamentik die Hauptsache. Der Zahlensymbolik wegen imponieren uns ja nur die alten Teppiche – sie kommen uns wie etwas Heiliges vor. Aber darum vergeß ich ja mein kleines Ornamentmuseum nicht.«

Auf dem Abendbrottisch lag ein Telegramm von Mr. Werner, der ganz hingerissen von der Ornamentik der alten Alhambra nur von dieser erzählte, so daß Mr. Krug sagte:
»Ich fürchte, daß dieser Enthusiast die Alhambra noch mal bauen könnte. Glücklicherweise ist er ans Glas in seinem Waffenmuseum gebunden.«

Miß Clara ging sehr oft in die kleinen Orchideensäle und pflegte dort die empfindlichen Blumen mit großem Eifer, tat allerdings nichts, was der Gärtner nicht gutgeheißen hatte.
Der Smaragdsaal, der mit Amethystornamentik leuchtete, war Miß Claras liebster Aufenthalt. Auch hier nur blühende Orchideen.
Sie vergaß über den Orchideen ganz ihr Orgelspiel.

Mr. Webster telegraphierte von den Fidschiinseln:
»Die Anlagen hier, verehrter Mr. Krug, sind jetzt so weit entwickelt, daß jetzt auch die alten Bureaubeamten Englands ein ähnliches Heim haben möchten wie die Luftchauffeure. Die Verhandlungen sind so weit gediehen, daß ich Ihnen im Laufe von zwei Monaten Bestimmtes unterbreiten kann. Teile Ihnen heute schon mit, daß Sie ganz allein als Baumeister für das Unternehmen in Betracht kommen. In vorzüglicher Hochachtung bin ich Ihr ergebenster Webster.«
Das war dem Architekten sehr angenehm, und er bat seine Gattin, mit ihm nach Venedig zu fahren – im Luftschiff.
Miß Clara willigte gerne ein; sie kannte Venedig noch nicht.
»Das Fliesenparkett auf dem Markusplatz«, sagte Edgar, »mußt Du kennen lernen. Da wirst Du bemerken, daß wir heute doch weiter sind als vor vierhundert Jahren. Vielleicht bemerkst Du das auch nicht, das wäre mir ebenfalls recht.«
Sie fuhren hin.
Und Miß Clara meinte:
»Die Ornamentik zu kritisieren – dazu bin ich noch nicht gelehrt genug. Aber für die Bureaubeamten Englands solltest Du hier in der Nähe noch ein zweites Venedig bauen.«
»Ja «, versetzte Edgar, » wir dürfen aber nicht so oft an Konkurrenz denken. Das macht zumeist unoriginal. Aber ich werd’s mir überlegen.«

Auf der Isola grande trafen Gäste ein, die Bauherren werden wollten; Krugs mußten aus Venedig zurück.
Mr. Krug führte seine Gäste gleich in die Modellsäle.
Da waren die Kuppeln und Decken und Wände ziemlich einfach gehalten – zumeist nur zwei Farben im Glase.
Und die einzelnen Modelle standen zwischen Wandschirmen aus grauem Tuch. Die Wandschirme – zwei bis drei Meter hoch – ließen sich stellen, wie man wollte.
Da gab es Schloßmodelle, die auf den ersten Blick wie ein Haufen bunter Glaskugeln wirkten. Jedes Modell ließ sich drehen oder drehte sich automatisch, ließ sich höher heben und auch wieder senken bis zum Boden hinab.
Auch Modelle von ganz kleinen Villen befanden sich in den Sälen – und auch Anlagen von kleinen Kolonieen.
Die Besucher hatten immer sehr viel guten Willen, wenn sie sehr wenig Geld besaßen. Und wenn sie über dieses in großer Fülle verfügten, so waren sie sehr eigenwillig und wollten oft Dinge haben, die sich unmöglich machen ließen.
Miß Clara hatte von diesen Modellsälen sehr wenig Notiz genommen, jetzt ließ sie sich vieles erklären und erkannte bald, welche Arbeit in diesen Experimenten steckte. Sie begann zu photographieren und hatte bald von jedem Modell eine Reihe von Aufnahmen.
Von Mr. Burns lief ein Telegramm aus Ceylon ein – das lautete:
»Lieber Herr Krug! Zufällig bin ich hier bei den Luftforschern auf der Insel Ceylon bei Colombo. Man ist hier sehr aufgeregt, daß so viel Geld für die Lufthäfen verschwendet worden ist. Man will das vorhandene Geld nur noch für die Luftforschung ausgeben und allen Luxus vermeiden. Ich teile Ihnen dieses mit, damit Sie sich danach richten können. Man konstruiert hier große Höhenluftballons mit verschließbarer Gondel; man will über zehntausend Meter hoch steigen. Ich fürchte, daß die meisten Ihrer herrlichen Glashallen, die wie große geheimnisvolle Bergaugen glänzen, nicht fertig werden dürften. Es sind jetzt hier so viele Wissenschaftler versammelt, daß alle künstlerischen Elemente in den Hintergrund gedrängt werden. Viele Luftgrüße. Ihr dankbarer Burns.«
»Da siehst Du nun«, sagte Edgar zu seiner Frau, »wie leicht die besten Verbindungen zu den schlechtesten werden können. Glücklicherweise gilt auch das Umgekehrte, womit ich mich immer zu trösten pflege.«

Eines Morgens standen Krugs hoch oben auf dem höchsten Turm ihrer Insel – hundert Meter über dem Seespiegel.
Edgar sagte zu seiner Frau:
»Ich möchte Dir gerne eine kleine Freude bereiten. Aber es geht noch nicht. Das Geld ist zu knapp. Ich möchte Dir eine Turmglockenorgel herstellen lassen, auf der Du von hier aus spielen kannst, daß die großen Berge dröhnen und der Seespiegel zittert. Dazu fehlen aber die Glastürme in den Bergen, so daß die Glocken noch nicht untergebracht werden können. Vielleicht geht es mit drei Türmen.«
»Ja«, sagte Miß Clara, »aber ich weiß nicht, ob für Derartiges so viel Geld ausgegeben werden darf. Fahren wir mal wieder zum Tierpark nach Nordindien. Dort sind ja Türme und Glocken und Pauken und Posaunen in größter Anzahl da. Nebenbei muß ich Dir sagen, daß ich damals beim Spiel eigentlich gar nicht den rechten Genuß hatte. Ich denke, wir lassen die Geschichte vorläufig in Nordindien. Vorläufig bin ich mit der Orgel in meinem grauen Zimmer ganz zufrieden.«
»Ich wollte«, meinte Edgar kleinlaut, »noch einen kleinen Reklamereiz für die Isola grande schaffen.«
»Ist das so nötig?« fragte Frau Clara.
»Ja«, sagte Edgar, »man arbeitet mir jetzt an so vielen Stellen entgegen, daß ich meine Isola grande in die beste Beleuchtung setzen muß.«
»Dann wollen wir«, sagte Miß Clara, »zusehen, daß wir ohne Gebirgsorgeln auskommen.«

Auf dem Frühstückstisch fand Miß Clara ein Telegramm von Miß Käte Li-Tung.
Das lautete so:
»Allerliebste Clara! Sei mir gegrüßt. Wir sitzen noch immer auf der Insel Madeira. Wir reisen mit Gemächlichkeit. Denn wir haben Zeit. Außerdem ist der Wein hier ganz hervorragend. Wir sind auf zwanzig kanarischen Inseln gewesen. Da gab’s so viele Kanarienvögel. Ich habe Dir ein Dutzend zugeschickt. Sie werden wohl in einigen Wochen anlangen. Wann wir auf den Kurian-Murian-Inseln sind, ist noch nicht abzusehen. Mein Gatte will da eine große Paukenorgel im Meere unterbringen – auf dessen Oberfläche sollen schwimmend ein paar hundert große und kleine Ballons verankert werden. Und auf denen soll man drahtlos trommeln und pauken können. Würdest Du wohl so freundlich sein und das neue Instrument einweihen? Du brauchst nicht gleich zu antworten. Überlege Dir’s nur ein paar Monate. Wir reisen sogleich zum Feuerland und dann ins Makartland. Ich wünsche, daß es jedem Menschen so gut geht wie uns. Darum grüßen wir Euch Beide vieltausendmal, und ich bin Deine alte Käte Li-Tung.«
»Die Pauken-Käte!« rief Miß Clara.
Und Edgar schmunzelte beim Lesen des Telegramms und meinte:
»Da haben sich Zwei gefunden, die zueinander gehören. Ich glaube nicht mehr daran, daß sich die gegensätzlich geformten Naturen anziehen – im Gegenteil: der Zurückhaltende will die Zurückhaltende, der Lustige die Lustige, der Traurige aber niemals die Traurige – oder vielleicht doch?«
»Auf Li-Tungs Wohl!« sagte Miß Clara und trank ein volles Glas Rotwein aus.

Nachmittags fuhren Krugs im Motorboot auf dem Lago Maggiore herum.
Und gegen Abend saßen sie in ihrem Turmsalon und aßen Artischocken.
Dieser Turmsalon war fünfundsiebzig Meter hoch.
Hier hatte der Architekt aus der Kuppel einen ganz spitzen Turm gemacht. Die Grundfläche – mit dickem grauen Tuch belegt – nahm kaum fünfzig Quadratmeter in Anspruch.
Aber der Blick vom Mitteltisch aus in die Kuppelspitze hinein gehörte zum Besten, was die Isola grande bieten konnte.
Mit dem Kopf auf dem oberen Polster des Ledersessels blickten nun Beide nach oben und rauchten eine Zigarette und sahen schweigend in die bunte Pracht der Spitze – das Rote, Blaue, Grüne, Weiße, Violette – usw.
»Ja! Die Farbe!« sagte Mr. Edgar.
Und dabei schien plötzlich die Abendsonne durch das Glas der Turmspitze – und das funkelte und glühte.
»Ja! Die Sonne!« sagte Miß Clara.
Als es dunkel wurde, brachte der Diener ein Telegramm von Miß Amanda.
Der Diener zündete eine Wachskerze an.
Und Miß Clara las:
»Liebe Clara! Sage bitte Deinem Mann, daß er ganz vergessen hat, architektonische Modelle auf die Weltausstellung zu senden. Man vermißt diese Modelle. Viele Grüße Euch Beiden. Amanda.«
Edgar ließ seinen Kammerpräsidenten holen, einen alten Herrn, der alle Paketangelegenheiten zu besorgen hatte.
Der Kammerpräsident wurde beauftragt, zehn Modelle zur Weltausstellung in der Lüneburger Heide zu senden; Edgar gab ihm gleich die Nummern der Modelle.
Danach wurde Licht gemacht – elektrisches – bis zur Turmspitze hinauf.
Edgar rauchte noch eine Zigarette und blickte starr den Kopf in die Polster zurückgelehnt nach oben in die bunte Turmspitze hinein.
»Libellenflügel!« sagte er leise, »Paradiesvögel, Leuchtkäfer, Lichtfische, Orchideen, Muscheln, Perlen, Brillanten usw. usw. – alles das zusammen ist das Herrlichste auf der Erdoberfläche – und das finden wir alles in der Glasarchitektur wieder. Sie ist das Höchste – ein Kulturgipfel!«
Sie aßen dann geröstete Schnecken.
Und sie tranken ganz frisches Bier aus dem nahegelegenen Brissago.
Und dann rauchten die Beiden gute Kubazigarren und blickten wieder mit zurückgelehntem Kopfe hinauf – in die Turmkuppel hinein.

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Paul Scheerbart  http://scheerbart.de ein fognin Projekt

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