Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

ps_056 Einen Tag darauf kam Li-Tung mit vier Luftschiffen an.
»Mein größter Bauherr!« sagte Mr. Edgar zu seinen drei Damen, »da muß man sich viel gefallen lassen. Diese Dienerschaft zu bewirten, wird recht mühsam sein.«
Aber Mr. Li-Tung rief gleich beim Hinunterkommen:
»Habe keine Angst, mein edelster Freund, meine Schiffe sind mit Dienern und Architekten gefüllt, die die Herrlichkeiten des Schweizerlandes studieren sollen.«
»Hör mal«, versetzte Edgar, »es heißt: mit Architekten und Dienern. Du wirst doch Deine Diener nicht vor den Architekten nennen. Ich will nicht hoffen. In meinem großen Speisesaal können wir alle zusammen frühstücken. Meine Frau spielt auf ihrer kleinen Orgel.«
Und nach einer halben Stunde spielte Miß Clara zum ersten Male in ihrem grauen Zimmer mit zehn Prozent Gold. Hier wirkten die verschiedenen Grautöne des Glases sehr zart. Und die Gesellschaft unten wurde von den Dienern des Mr. Li-Tung bedient. Dieser bat nach dem Spiel den Mr. Krug um eine kurze Unterredung unter vier Augen.
Und da sagte der reiche Chinese:
»Freund! Ich habe in Deinem Interesse gehandelt. Ich habe Dir selber das orientalische Waffenmuseum gestohlen. Bist Du mir vielleicht böse dafür? Mr. Löwe hat Dir ja so fein aus der Affäre geholfen. Du wurdest gleich tüchtig berühmt. Weißt Du auch, daß der Ruhm immer wieder eine tüchtige Auffrischung braucht? Nu ja – siehst Du? Dafür hab‘ ich gesorgt. Die Auffrischung ist nötig, sonst wird der Ruhm sauer.«
»Hör mal, Li-Tung«, versetzte Edgar, während er sich auf seinen Stuhl setzte, »Du machst aber die gefährlichsten Dinge. Hast Du Löwe davon erzählt? Was sagt der?«
»Der ist«, versetzte Mr. Li-Tung, »auch ganz sprachlos, sagt, ich solle mit Dir gleich konferieren.«
Mr. Edgar raufte sich die Haare und bat um Bedenkzeit.
Und er ging zu Miß Clara in das graue Zimmer und erzählte ihr, was vorgefallen war. Miß Clara sagte lächelnd:
»Das hab‘ ich mir gedacht. Und wieder ist der Rechtsanwalt Walter Löwe dabei. Ich rate, da die Geschichte ein Scherz ist, ihn auch als solchen bekannt zu machen. Und Mr. Li-Tung baut in der Nähe von Gibraltar ein neues Museum für altorientalische Waffen. Mr. Werner kann’s ja bauen. Und Li-Tung führt die Sachen dahin ab.«

Mr. Li-Tung war mit dem Vorschlage der Miß Clara ganz einverstanden.
Mr. Löwe wurde sofort benachrichtigt.
Und Mr. Werner fuhr nach Gibraltar.
Die vier Luftschiffe entfernten sich noch am selben Abend und holten die gestohlenen Waffen aus dem Innern Afrikas.
Die Architekten, die Mr. Li-Tung mitgebracht hatte, begaben sich zum großen Teile in die Schweiz, um die Lichttürme zu studieren.
Die Presse wurde gleichzeitig alarmiert.
Und da schimpfte man sehr heftig auf die Scherze der reichen Herren.
Mr. Li-Tung jedoch wurde glimpflich behandelt; man erklärte in der Presse seinen räuberischen Überfall für einen sehr guten Witz, durch den nebenbei Mr. Krug an Ansehen nur gewonnen habe.
Und Mr. Li-Tung lachte sehr.
Mr. Krug mit seinen drei Damen lachte bald ebenso; dem reichen Herrn konnte wirklich Niemand etwas übelnehmen.

Viele Glückwunschtelegramme kamen dieses Mal auf der Isola grande nicht an; die Menschen der damaligen Zeit rechneten immer lieber mit der Bösartigkeit als mit der Güte der Menschen.
Von Mr. Löwe kam Folgendes:
»Lieber Edgar! Wundre Dich nicht, daß ich scheinbar auch bei der Auflösung der Räubergeschichte die Hand im Spiele hatte. Tatsächlich nur scheinbar. Hier wurde die Pyramidengesellschaft in Kairo, die Du so grimmig ausgeschimpft, der Tat geziehen. Man war in Kairo sehr erregt. Und das hörte hier Mr. Li-Tung. Da zu befürchten stand, daß die Herren in Kairo sehr geschädigt werden dürften, so machte Mr. Li-Tung ein sehr ernstes Gesicht, sagte, daß er Niemanden habe schädigen wollen – und offenbarte sich Mr. Werner und mir. So der Tatbestand. Ich glaube, er spricht für die Güte des Mr. Li-Tung. Viele Grüße Deinem Hause und Dir. Dein alter Walter Löwe.«
Als Frau Clara das Telegramm sah, schüttelte sie den Kopf und fragte Mr. Li-Tung, ob sich alles so verhielte.
Der bejahte kurz und fragte nach Mr. Stephan.
Mr. Stephan erhielt dieses Telegramm:
»Mein verehrter Herr! Jetzt werden wir Ihrer bald habhaft werden. Bleiben Sie in Genf. Sie sollen abgeholt werden. Li-Tung.«
Der Geschäftsmann hatte in Genf alles vom Maltaspaß gelesen und glaubte nun, ihm solle auch ein Spaß vorgespielt werden.
Nun studierte Li-Tung die Wohnungseinrichtungen auf der Isola grande mit ungeheurem Eifer.
»Zeige mir«, sagte er zu Mr. Edgar, »zunächst mal Deine Arbeitszimmer. Die müssen ja sehr interessant sein.«
»Sind sie auch!« versetzte Edgar, und er zeigte ihm ein Dutzend Räumlichkeiten, in denen er zu arbeiten pflegte.
Diese Arbeitszimmer waren sämtlich nicht groß; ein paar hatten freien Ausblick auf den Lago Maggiore, andre dagegen gar keinen Ausblick – unten drei bis vier Meter hohe Eisenbetonwände und das Licht oben in farbigen Glasfenstern, die bis zu fünfzehn Metern hinaufgingen, während die sehr kleine Grundfläche einfarbiger dicker Tuchstoff bedeckte. Zumeist brannte in diesen kleinen Zimmern eine Wachskerze. Edgar las da viel und rauchte.
Abends fuhr man zumeist im Motorboot auf dem See herum, aß dort auch im Freien oder in der bunten Gondelkajüte Abendbrot. Mr. Li-Tung benahm sich sehr höflich zu den Damen, besonders zu Miß Käte Bändel.
»Es ist merkwürdig«, sagte er mal zu dieser, »daß unser Architekt die abschließenden Wände nur bei sich zu Hause hat. Es ist doch auch sehr wohltuend, wenn man mal zwischen ganz abgeschlossenen Wänden dasitzt und nichts von der Außenwelt durch allzu nahe Glasfenster gewahr wird.«
»Ich finde«, versetzte Miß Käte, »den Wandbelag der dunkleren Zimmer sehr interessant – besonders dunkles Linoleum mit nielloartig eingelegter Lackornamentik. Gestickte Seide an den Wänden gefällt mir auch. Felle an den Wänden gefallen mir weniger. Sehr interessant jedoch sind die bunten Kolibrifedern an der geschlossenen Wand.«
»Und mir«, fuhr Li-Tung fort, »hat die bunte Majolika an der Wand sehr gut gefallen. Wundern muß ich mich nur über die heftige Ablehnung des Holzes, das auch in den Möbeln so eigensinnig umgangen wird. Herrlich sind auch die Steinmosaikarbeiten – und Emailornament auf Metall.«
Währenddem ward es dunkel auf dem langen See, und die vielen Lichttürme der Isola grande leuchteten mit einem Ruck auf und gleichzeitig die Lichtguirlanden, mit denen die Türme unter einander in prächtigen Bogen verbunden waren. Von unten sahen die Turmkapitells sehr prächtig aus. Und die Scheinwerfer stiegen kerzengrade aus den Kapitells, die breit nach allen Seiten überkragten, empor – wie phantastische Lichtblüten.
Mr. Krug lud seine Gäste ein, im Freien auf einer der großen Terrassen Abendbrot zu essen.
Die Sterne sah man kaum, soviel Licht schwebte und schaukelte in der Luft.
Und das Licht spiegelte sich in dem mit eingelegter Arbeit reich verzierten Steinparkett.
Man fuhr auch zur Isola bella hinüber.
Und Mr. Edgar gab lächelnd zu, daß er wohl dieser Isola bella in seiner Isola grande eine Konkurrenz schaffen wollte.
»Ich habe nur«, sagte er, »auf die Flora beinahe verzichtet. Die Architektur ist nach meiner Meinung nicht freundlich gegen die Pflanzenwelt. Auch Kieswege darf der Architekt eigentlich nicht leiden. Doch wir haben ja auf der Isola bella soviel Anregendes, daß ich keineswegs behaupte, in dem Meinen überall etwas Besseres gegeben zu haben.«
»Und doch«, sagte Miß Clara, »bekommen wir morgen aus Sardinien Orchideen – oh, die sind noch herrlicher als alle Glasarchitektur.«
Edgar zündete sich eine Zigarre an – es war auf der Isola bella – und sagte:
»Das steht fest. Sie sind im Übrigen schon zu Hause angelangt – die herrlichen Orchideen – wahrlich – den Orchideen mach ich nicht Konkurrenz. Ganz bestimmt nicht! Die Natur – oder der Stern Erde – was für uns wohl dasselbe bedeutet – ist immer noch großartiger als der kleine Mensch mit seiner im besten Falle etwas schwächlichen Phantasie.«
»Du arbeitest«, rief Li-Tung, »zu heftig in Bescheidenheit. Man glaubt Dir nicht recht.«
»Dann fahren wir«, versetzte Edgar heftig, »sofort nach Hause, um die Orchideen im blauen Blumenhaus zu bewundern. Da können wir entscheiden, ob ich zu heftig in Bescheidenheit arbeitete.«
Und auf der Isola grande war man so begeistert von den Orchideen, daß Li-Tung alles zurücknahm.

ps_051

Eines Tages kam Mr. Li-Tung zum Mr. Krug und sprach mit sehr lauter Stimme:
»Verehrlicher Freund! Jetzt glaube ich bald lange genug bei Dir geweilt zu haben. Ich rüste mich zum Aufbruch. Mein Luftschiff will innerhalb sechs Tagen hier sein. Darum müssen wir diese sechs Tage noch gründlich auskosten. Ich schlage vor: Du fährst uns drei Tage und drei Nächte hindurch in Deinem Luftschiff durch das ganze Alpenland bis nach Tirol und dann auf andern Wegen zurück nach Genf. Lach‘ nicht, daß ich bei Luftschiffahrten noch von Wegen rede. Das ist so die Macht der Gewohnheit. In Genf nehmen wir Mr. Stephan auf. Und dann muß er uns hier in den letzten drei Tagen ein wenig filmen. Du gestattest doch, daß ich alles dazu von meinen Dienern vorbereiten lasse, nicht wahr?«
Mr. Edgar zögerte mit der Antwort, sagte aber schließlich:
»Ja! Also wollen wir zu den Damen gehen.«
Die Damen saßen grade vor einer Balustrade am Ufer und fütterten die Schwäne.
Miß Clara sagte:
»Ja, man ist ja im Luftschiff mehr zu Hause als in seiner Häuslichkeit. Schade! Früher gab’s doch noch häusliche Frauen. Die gibt’s heute nicht mehr.«
Miß Amanda sagte:
»Ja, wer besitzt denn soviel, daß er immerzu zu Hause sitzen kann? Man muß Geschäfte machen. Deswegen aber müssen auch die Frauen sehr viel unterwegs sein. Ich will in zehn Tagen auf der Weltausstellung in der Lüneburger Heide sein.«
Und Miß Käte sprach:
»Ich möchte im Luftschiff um die ganze Erde rumfahren. Mir kann’s gar nicht bewegt genug sein auf diesem Stern Erde.«
»Und nicht bunt genug«, fügte Mr. Li-Tung hinzu, »nicht wahr, so meinten Sie doch, meine Gnädigste?«
»Jawohl!« versetzte Miß Käte.
Das Motorboot, das die Pakete aus Locarno brachte, legte an. Und die Schwäne schwammen langsam in den See hinaus.
Edgar hatte sich Bücher kommen lassen im Gesamtgewicht von vierzig Zentnern.

Dann fuhren die beiden Herren mit ihren drei Damen im Luftschiff über dem Hochgebirge dahin – in nordöstlicher Richtung mit dem Winde. Am Ortler sahen sie in dreitausend Meter Höhe die großen Gletscherbeobachtungsstationen, von denen aus mit Scheinwerfern in der Nacht die Gletscher beleuchtet wurden.
Krug war dort bekannt und wurde sehr freundlich aufgenommen mit Grog und Lachsforellen.
Der oft sehr großen Kälte wegen hatte man hier die Veranden mit fünffacher Glaswand umspannt. Die Damen tranken Tee und fühlten sich so gemütlich wie in einer Häuslichkeit. Nördlich von Innsbruck fanden die Fünf Leuchttürme mit Glockenspielen. In Innsbruck selber wurde auf diesen Türmen gespielt – so, wie auf der Vierzigturmorgel Miß Clara im Tierpark Nordindien spielte. Miß Clara spielte hier auch.
Und es klang wundervoll durch die Gebirgswelt; man hatte hier nur große und kleine Glocken – nicht Pauken und Posaunen.
Am Chiemsee besuchte man mehrere Sanatorien, die alle ganz aus Glas gebaut waren. Hier pries man die Herrlichkeit des Glases so heftig, daß Mr. Krug sehr verwundert dreinschaute; er hatte sich das Beifallhören schon ganz abgewöhnt.
In Luzern kehrte man in den schwebenden Restaurants ein.
Und dann wohnte man den Lichtspielen auf dem Vierwaldstättersee bei.
»Dagegen«, sagte Li-Tung, »sind die Feuerwerkskünste, die man vor hundert Jahren hatte, aber auch Garnichts.«
Er gewann bei den Wetten hundert Pfund.
Die Preisrichter waren Frauen.
Und es wirkte eigentlich komisch, daß bei diesen Lichtspielen gewettet wurde. Es wurde immer wieder gewettet, welcher Lichtspielkomposition der erste, zweite und dritte Preis zuerkannt würde. Die Scheinwerfer kamen von den Bergen, von den Ballons und vom Seespiegel. Die Damen vom Preisrichteramt hatten jedesmal eine andre Stellung – mal in der Luft – und mal auf dem Wasser – oder in den Bergen.
Mr. Li-Tung fragte in Genf telegraphisch an, ob Mr. Stephan noch zu Hause sei. Und da dies der Fall war, drängte er zum Aufbruch; er tat sehr eilig.

In Genf sagte Mr. Li-Tung zum Filmfabrikanten Mr. Stephan:
»Packen Sie all Ihr Werkzeug zusammen – Grammophone und photographische Apparate. Wir werden viel zu tun haben. Wir fahren zunächst zur Isola grande.«
»Und«, fragte Mr. Stephan, »der Überfall auf der Insel Malta? Wie steht’s damit? Er ist momentan nicht mehr aktuell, da ja kein Geheimnis mehr auf der Sache lastet. Scherz eines reichen Herrn – weiter nichts. Alles gelöst. Aber – ich will’s vielleicht doch machen. Es müßte nur sehr kurz sein.«
»Kommen Sie nur mit!« sagte Mr. Li-Tung. Die Damen machten große Augen, als sie den berüchtigten Filmkaufmann sahen.
»Soll denn«, sagte Miß Amanda zu den beiden andern Damen leise, »wieder mal eine Hochzeit gefilmt werden ? Hm! Meinen Sie, daß ich gegen meinen Willen geheiratet werden soll?«
»Das meinen wir nicht!« sagte Miß Käte lächelnd, »aber ich bin in der Tat sehr neugierig, was daraus werden wird.«
Indem kam Edgar hinzu und sagte geheimnisvoll:
»Ich weiß wirklich nicht, was Li-Tung jetzt vorhat. Ich fürchte, daß wieder so was wie ein Überfall geplant ist. Ich bin jedenfalls auf das Schlimmste gefaßt.«
»Man sollte sich«, sagte Miß Clara, »nicht nur vor den Rechtsanwälten in Acht nehmen – man soll sich auch vor den reichen Herren in Acht nehmen. Ich bleibe jetzt jedenfalls ein ganzes Jahr still zu Haus.«
»Ich auch!« sagte Mr. Edgar und wollte seiner Frau die Hand küssen, wurde jedoch durch seinen Luftchauffeur daran verhindert, der ihm hastig sagte:
»Mr. Li-Tung will das Luftschiff bekränzen. Sind wir verpflichtet, ihm das zu gestatten?«
»Bewahre!« rief Edgar, »Li-Tung, was fällt Dir ein?«
»Du erlaubst es also nicht?« fragte der Chinese.
»Nein!« sagte Edgar unwillig.
»Gut!« erwiderte der Chinese, »dann gebe ich meinen Dienern den Befehl, die gekauften Blumen einzeln im großen Bogen aus den Kajütenfenstern hinauszuwerfen.«
Es geschah.
Edgar schwieg.
Die Damen riefen entzückt:
»Oh!«
»Oh!«
»Die herrlichen Blumen!«
Und Nachmittags kam man zur Isola grande. Und da sah Mr. Krug, daß sein ganzes Schloß von oben bis unten mit Blumenkränzen und frischen Tannenreisern geschmückt war.
Er runzelte die Stirn, mußte aber sich sagen, daß das Ganze recht hübsch wirkte.
Da er damit zufrieden schien, waren’s die Damen auch.
Li-Tung lächelte.
»Verzeih!« sagte er zu Edgar.

Edgar sagte hastig im Schloß zu seiner Frau:
»Die Sache geht mir zu weit! Ich ärgre mich, daß ich ihm die Erlaubnis gegeben habe, das Haus zu schmücken. Daran hab‘ ich nicht gedacht, daß er die ganze Architektur verhunzen würde.«
»Nun sei nur ruhig!« erwiderte die Clara, »wir werden ja auch das überstehen. Ich weiß nur noch gar nicht, worauf’s hinausläuft.«
Man aß Mittag im großen Speisesaal.
Mr. Stephan saß zum Filmen bereit in einer der vielen Wandlogen.
Mr. Li-Tung klopfte mit seinem persischen Dolch dreimal an sein Rheinweinglas und sagte:
»Dies ist das Zeichen zum Filmen. Jetzt haben die Herrschaften wohl die Güte, sich so natürlich zu benehmen wie auf dem Theater.«
Man lachte und löffelte die Schildkrötensuppe.
Edgar sagte:
»Grüne Schlinggewächse hängen über unserm Speisetisch. Das hat der Tisch auch noch nicht erlebt.«
»Sprich nicht zu viel«, sagte der Chinese, »es kostet Geld. Ich frage kurz und zielbewußt Fräulein Käte Bändel: wollen Sie, Gnädigste, meine Gemahlin werden?«
»Nein!« rief Miß Käte.
»Das ist mal brav!« rief Miß Amanda.
Mr. Li-Tung fragte nochmals:
»Wollen Sie wirklich nicht?«
»Nein!« rief Miß Käte nochmals, »denn so ohne Umstände macht man doch einer Dame nicht einen Heiratsantrag.«
Mr. Li-Tung klopfte sechsmal mit seinem persischen Dolche an sein Rheinweinglas und sagte traurig:
»Die Damen und Herren können sich jetzt benehmen wie sie wollen – auch sagen, was sie wollen: es wird vorläufig nicht weiter gefilmt.«
»Schade!« rief Miß Käte.
Mr. Li-Tung riß die Augen weit auf.
Draußen hörte man das Propellergesurr eines Aeroplans; im Lufthafen landete ein Herr, der sich bisher noch nicht angemeldet hatte; man nahm also weiter keine Notiz von dem unbekannten Besuch.
Das Diner verlief ziemlich schweigsam.
Dann trank man auf einer wundervollen Terrasse vor einer mächtigen bunten Glaswand, die wie Seide glänzte, den Kaffee.
Mr. Stephan erschien wieder mit seinen Apparaten im Hintergrunde.
Die Abendsonne glänzte auf dem bunten Steinfliesenmosaik.
Mr. Li-Tung klopfte wieder dreimal mit seinem Dolch an einem Wasserglase und sprach heftig:
»Gnädigste Miß Bändel! Entschuldigen Sie gütigst, daß ich so kurz angebunden Ihnen einen sogenannten Heiratsantrag zu machen wagte. Aber ich wollte es dem Mr. Edgar nachmachen.«
»Einen sogenannten Heiratsantrag!« rief Miß Käte, »mein Herr, Sie gehen zu weit!«
»Siehst Du, Clara«, rief Miß Amanda, »die hat Haare auf den Zähnen. Zu der wird Keiner von grauem Tuch mit zehn Prozent Weiß reden.«
»Ich habe«, sagte Miß Clara, »heute nicht zehn Prozent Weiß, wohl aber zehn Prozent Granaten angelegt.«
»Ich bitte«, sagte Li-Tung, »nicht zu lange zu reden, da ich selber Längeres reden möchte. Sie dürfen nicht vergessen, daß das Filmen ein sehr teures Vergnügen ist.«
»Knauserei beim Hochzeitsfilm!« rief Miß Käte, »das ist nicht einladend.«
»Ich bin kein Knauser!« rief der Chinese, »beim Barte des Propheten. Ich schwöre Ihnen, daß ich Ihnen sehr zugetan bin. Nur weiß ich nicht die rechten Worte zu finden. Wollen Sie nicht, was ich möchte? Ich fahre mit Ihnen gleich vor Vergnügen um die ganze Erde rum – und schwere Paragraphen soll’s im Ehekontrakt auch nicht geben. Sagen Sie doch Ja!«
»Na ja!« rief Miß Käte.
»Hurra!« rief Mr. Li-Tung.
Man gratulierte dem Paar.
Und dann erschien Mr. Löwe auf der Terrasse.
»Der Löwe muß doch immer dabei sein!« flüsterte Miß Amanda.
Miß Clara jedoch sagte:
»Dann hat die Sache doch einen Schluß.«
Die Kontrakte wurden von Löwe gleich hergestellt und unterzeichnet.
Der Sekt floß in Strömen.
Und Mr. Stephan rief:
»Soll ich denn immer weiter filmen?«
Da sagte Miß Käte Li-Tung zu dem Filmfabrikanten:
»Nun lassen Sie’s nur sein, sonst kostet die Geschichte tatsächlich zu viel.«

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