Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

V

ps_057 Für das Orchideenfest war Opalschmuck im Haar der Damen vorgeschrieben – und graues Tuch mit zehn Prozent Weiß.
Das Direktorium des botanischen Gartens auf Sardinien wollte damit der vielgeplagten Miß Clara eine Ovation bereiten; die Herren erklärten es einfach für lächerlich, wenn Jemand annehmen möchte, Miß Clara stände in irgendwelchen Beziehungen zu den Lufträubern auf Malta.
Miß Käte Bändel traf währenddem in Locarno ein und telegraphierte an Miß Clara, daß sie da sei. Das Telegramm kam kurz vor dem Orgelkonzert. Und Mr. Krug bat die Dame, zum Schloß auf der Isola grande zu fahren, der Portier sei informiert – und der Schloßherr mit seiner Gattin werde gleich mit dem Luftschiff ankommen; Mr. Krug teilte dem Portier mit, daß er drei Zimmer für Miß Bändel herzurichten habe – die buntesten.
Dann kam das Konzert. Und Miß Clara spielte den alten Bach ganz klar und ganz heiter; man brachte der Orgelspielerin als Dank die herrlichsten Orchideen – in Töpfen blühend – unter Glas, daß sie gleich versandt werden konnten.
Bei dem großen Diner unterhielt sich Mr. Krug mit den Damen des Direktoriums.
»Es muß doch«, sagte die eine Dame, »für einen Glasarchitekten recht qualvoll sein, über eine der großen Backsteinstädte dahinzufahren.«
»Das«, versetzte Mr. Krug, »tue ich auch gar nicht. Meine Luftchauffeure sind eifrig nach der Karte bemüht, allen Backsteinanlagen aus dem Wege zu gehen. Man macht sehr oft deswegen mit meinem Luftschiff einen großen Umweg, nur damit ich nicht daran erinnert werde, daß es Menschen noch gibt, die zwischen Backsteinen hausen. Ich höre auch nicht gerne was von den Backsteinhäuslern. Gnädige Frau, Sie können’s mir wirklich glauben, mir ist die ganze Backsteinkultur sehr unsympathisch. Es schmerzt mich nur, daß einige Architekten auch heute noch Bauten mit Backsteinen ausführen. Na – Ansehen erringen ja damit diese Architekten heute nicht mehr.«
Miß Clara sandte ihrem Gatten ein Telegramm von Miß Amanda Schmidt, die auch in Locarno eingetroffen war –mit den Silbersachen.
Mr. Edgar telegraphierte ihr dasselbe, was er Miß Käte telegraphiert hatte.
Nun saßen also zwei Damen in Krugs Schloß und warteten.
»Sie werden sich gut unterhalten!« meinte Miß Clara.

Mr. Li-Tung saß in einer seiner hängenden Glasvillen und aß Frühstück; er spickte die Brötchen mit einem alten orientalischen Dolche auf und führte sie lächelnd zum Munde.
Danach wollte er ein Telegramm aufschreiben; er ließ sich seinen Füllfederhalter reichen – und siehe da – die Tinte war eingetrocknet.
»In den Tropen«, sagte er düster, »trocknen die besten Erfindungen ein, besonders auf den Kurian-Murian-Inseln. Ich trockne selber bald ein. Das aber muß – beim Barte des Propheten! – in jedem Falle vermieden werden. Ich schreibe mit meinem Bleistift.« Und er schrieb für sein Telegraphenamt das Folgende:
»Edelster größter der Architekten! Du mein lieber Mr. Edgar! Du bist, wie ich in den Abendblättern lese, immer noch nicht zu Hause. Du sitzest auf Sardinien. Und Mr. Löwe, den ich ja kennen gelernt habe, hat auf Malta ein Museum für die Geschichte der Glasarchitektur eingerichtet. Da bist Du ja der triumphierende Mann des Tages! Wohl dem, der so gute Freunde hat wie Du! Sei froh, daß die orientalischen Waffen gestohlen wurden. Ich gratuliere Dir! Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen und von ganzem Gemüt. Bald spreche ich auf der Isola grande bei Euch vor. Ich grüße Euch Beide und bin Euer freundlicher guter Schutzgeist Mr. Li-Tung.«
Er gab das Telegramm seinem pechrabenschwarzen Diener, nahm wieder den Dolch in die Hand, hob ihn hoch und ließ ihn funkeln in der großen Tropensonne.

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Das Telegramm des Mr. Li-Tung kam an in Sardinien, als man auf den Terrassen des Orchideenhotels die Abenderfrischungen einnahm. Krugs lachten so heftig, daß sie sagen mußten, warum sie lachten.
Am Tage darauf kamen weitere Glückwunschtelegramme; Mr. Webster, der auf den Fidschiinseln weilte, sagte ungeheuerlich höfliche Worte und bat tausendmal um Entschuldigung; Mr. Burns kam wieder auf die totgemachten Löwen zurück und behauptete, daß einem Löwentöter immer alle Dinge zum Besten gereichen müßten.
Mr. Werner gratulierte ebenfalls.
Mr. Krug sandte danach auch an Mr. Löwe ein sehr freundliches Telegramm.
Und das Ehepaar Krug fuhr nun endlich zum Lago Maggiore.
Miss Clara sah immerzu nach Norden und konnte vor Sehnsucht gar nicht schlafen.
»Du glaubst ja gar nicht«, sagte sie auf dem Balkon des Luftschiffes zu ihrem Gatten, während sie still in den Mond blickte, »wie sehr ich mich nach einer ruhigen Häuslichkeit sehne – und wie ich mich freue auf mein graues Zimmer, in dem das Harmonium steht. Ja!«
Sie hatte noch immer den Opalschmuck im Haar.
Unten das mittelländische Meer funkelte im Mondenschein.
Und viele Sternschnuppen leuchteten oben am Himmel auf.
Es war eine sehr ruhige Nacht.
Das Luftschiff fuhr mit dem Winde, und die Propeller bewegten sich nicht.

Mr. Stephan saß mit seinen Films in Genf und ärgerte sich.
Er hatte schlechte Geschäfte gemacht und ärgerte sich über Alles.
Er ärgerte sich auch über Mr. Löwe, der mit seinem – Mr. Stephans – Gelde jetzt die allerbesten Geschäfte auf Malta machte.
Und Mr. Stephan dachte darüber nach, wie er wohl die Lufträuber photographieren könnte.
Die Lufträubergeschichte hätte er allzu gern gefilmt.
»Wie«, sagte er zu sich selbst, »fang ich die Geschichte an? Ich brauche einen reichen Herrn, der vier eigene Luftschiffe hat. Und mit dem filmen wir die Geschichte auf der Insel Malta. Wo ist der Herr? Ha! Ich weiß es. Mr. Li-Tung hat mindestens vier eigene Luftschiffe. Der kann mich glücklich machen. Auf zum Telegraphenamt.«
Und er telegraphierte zu den Kurian-Murian-Inseln Langes und Breites von den großen Lufträubern auf Malta. Und dann bat er dreist um leihweise Hergabe von vier Luftschiffen mit hundert Dienern.
Er bekam folgende Antwort:
»Sie sind ja ein sehr verehrter Herr! Mein Guter, tun Sie mir den Gefallen und warten Sie ein wenig. Ich komme demnächst in die Schweiz, und da will ich Sie auch besuchen. Sie sollen mich kennen lernen. Haben Sie auch alte orientalische Waffen in Genf? Sonst bring ich welche mit. Warten Sie ein wenig. Dann wird sich alles Weitere schon finden. Ich bin Ihr ergebenster Mr. Li-Tung z. Zt. noch auf den tropischen Kurian-Murian-Inseln.«
Mr. Stephan schlug sich vor die Stirn.
Aber er verstand das Telegramm nicht.
»Am besten ist wohl«, sagte er schließlich, »ich schweige zu diesen unverständlichen Worten. Schweigen ist Gold.«
Nachdenklich öfters mit dem Kopfe schüttelnd ging er seinem Hause zu.
»Will er nun? Oder – will er nicht?«
Also rief der Mr. Stephan.
Ein alter Deutscher fragte den Mr. Stephan, wie man wohl am schnellsten zum Montblanc hinaufkäme.
»Mit einem Aeroplan!« sagte Mr. Stephan.

Miß Clara aber sah zum ersten Male ihre sogenannte »Häuslichkeit«; die ganze Isola grande war ein großes Schloß mit vielen Terrassen und seltsamen Türmen und sehr vielen buntfarbigen Balustraden und buntfarbigen Wänden.
Edgar hatte es so eingerichtet, daß sein Luftschiff nach Sonnenuntergang ankam; da leuchtete nun der Palazzo mächtig auf; alles elektrische Licht wurde mit einem Ruck angeknipst, und die Türme sandten große farbige Scheinwerfer seitwärts und nach oben.
Miß Amanda Schmidt und Miß Käte Bändel begrüßten die Dame des Hauses – so als wenn niemals etwas vorgefallen wäre; dem Mr. Edgar gegenüber waren die beiden Damen etwas zurückhaltend.
»Nun«, sagte Mr. Edgar zu Miß Amanda, »ich habe Ihnen noch gar nicht für die dreizehntausendfünfhundert Dollars gedankt. Es geschehe hiermit. Ich werde mich, sobald ich kann, revanchieren.«
Er küßte Miß Schmidt galant die Hand und küßte dann auch Miß Bändel die Hand, indem er sagte:
»Auf den schottischen Spaß von Borneo wollen wir nicht mehr zurückkommen. Ich danke Ihnen, daß Sie mir verziehen.«
Und Miß Clara fügte dem hinzu:
»Mein Gatte ist eine so grade, rücksichtslos in einer Linie vorwärtsgehende Natur, daß man ihm kleine Härten schon verzeihen muß. Er ist eigentlich so konsequent wie die echten Romanhelden; der Name Edgar klingt ja auch schon so romanhaft.«
»Oh!« rief nun der Gatte, »grade weil er romanhaft klingt, gebe ich mir Mühe, das Romanartige in mir zu verschleiern.«
»Ach so«, rief da Miß Amanda, »mit dem grauen Tuch Ihrer Gattin, nicht wahr?«
Das gab nun ein sehr lustiges Gespräch, und beim Souper war alles gleich so lebhaft, daß Miß Clara ganz vergaß, einen Rundgang durch die erleuchteten Palasthallen zu unternehmen.
Es ging nun spät in der Nacht noch zu den Küchenräumen, allwo Miß Amanda ihr Silberzeug aufgestapelt hatte – mit feierlicher Kerzenbeleuchtung; es sah beinahe wie eine Weihnachtsbescherung aus.

Am nächsten Tage kam ein Telegramm von Mr. Li-Tung aus Malta an.
»Edelster Freund«, sprach Mr. Li-Tung, »das Museum für die Geschichte der Glasarchitektur ist ja hier ganz großartig. Ja, dann kann man wohl weiter in der Welt kommen, wenn man so treue Freunde hat – wie diesen Mr. Löwe, Rechtsanwalt. Ich habe soeben mit ihm und Mr. Werner Brüderschaft getrunken. Ich gratuliere Dir zu Deinen Freunden und will mir auch Mühe geben, Dir förderlich und nützlich zu sein. Übermorgen bin ich auf der Isola grande und ganz in Deiner Nähe wieder Dein auch sehr edler Freund Li-Tung.«
Edgar gab das Telegramm lachend den Damen, und die waren nun auf den Besuch mächtig neugierig.
Am Nachmittag fuhr Edgar mit seinen drei Damen im Luftschiff um den Montblanc herum in großen Kurven.
Es wurde Nacht, und Edgar sah, daß der Montblanc ganz mit Lichttürmen erleuchtet wurde.
»Das ist ja ganz neu«, sagte er, »was alles passieren kann, wenn man mal zwei bis drei Jahre von Hause fort ist! Man erkennt dann seine Heimat gar nicht wieder. Die Lichttürme, deren Bau ich damals so sehr zur Orientierung der Luftschiffe empfahl, sind jetzt von Andern hergestellt. Nun – das freut mich doch, daß meine Ideen als richtige erkannt worden sind.«
»Sind Sie nicht«, sagte Miß Amanda, »ein wenig neidisch, daß Sie nicht mit Erbauung der Lichttürme beauftragt wurden?«
»Aber«, erwiderte Mr. Krug, »ich kann doch nicht alles bauen! Ich bin froh, wenn die Glasarchitektur siegreich vordringt. Ich selbst will . . .«
Er schwieg.
Miß Clara fragte:
»Was willst Du?«
»Mich freuen«, sagte der Gatte, »daß die Lichttürme so herrlich aussehen. Ich will den Turmwächtern gratulieren.«
Und die Scheinwerfer sandten Signale vom Luftschiff aus in die Nachtluft. Und auf den Türmen kamen auch die Scheinwerfer vor und dankten dem Architekten mit sehr viel Höflichkeit und mit prächtigstem Lichtspiel.

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