Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

ps_058 Und Krugs fuhren nach Sardinien, während Mr. Werner die Bauten auf Malta mit Eifer förderte.
Auf Sardinien hatten Franzosen und Chinesen einen großen botanischen Garten angelegt – den größten der damaligen Zeit; seit fünf Jahren baute hier Mr. Krug Glaspaläste für die Gewächshäuser.
Da das Terrain zehn Quadratmeilen groß war, wurde immer wieder Neues gebaut; jetzt studierte man den Einfluß des farbigen Glases auf die Orchideen.
Hier lebte Mr. Krug beinahe wie zu Hause; er hatte ein kleines Automobil zur Verfügung und fuhr nun täglich mit seiner Gattin durch die Garten- und Glaspracht auf den trefflich mit farbigen Steinfliesen bedeckten Wegen dahin. Oft machten sie auch große Spaziergänge durch die höher gelegenen Waldpartien.
»Es ist hier so ruhig«, bemerkte eines Abends Miß Clara, »wollen wir nicht aussteigen und oben im Waldrestaurant Abendbrot essen? Ich habe Hunger und auch Durst. Wir können da oben das Meer sehen und auch den Sonnenuntergang. Das Automobil nimmt uns hier Keiner fort. Die perpetuierlichen Luftfahrten haben mich doch sehr angegriffen.«
Edgar erklärte, daß das Abendessen oben ganz vortrefflich schmecken würde – besonders, da sie eine gute halbe Stunde auf bequemen Treppen höher steigen müßten.
Als sie oben vor dem Meere so dasaßen und sehr gute Forellen aßen, Schneehühner und delikate Taschenkrebse – und dazu deutschen Rheinwein tranken, da wollte Miß Clara wissen, weshalb Edgar sich mit archäologischen Dingen mal beschäftigt habe.
»Sehr leicht gesagt«, erwiderte Edgar, »setz Dich nur auf den Standpunkt, auf dem sich die Leute vor drei, vier oder fünf Jahrtausenden befanden. Man kannte am Himmel fünf Planeten und Sonne und Mond – das waren sieben Sterne, die ihren Standpunkt am Himmel ständig veränderten. Die Zahlenmystik von fünf und sieben, die in der Astrologie eine so große Rolle spielt, kehrt in den alten archäologischen Funden immer wieder. Dazu kam der Tierkreis – zwölf Bilder waren’s; den Radius des Kreises kann man sechsmal auf der Peripherie des Kreises auftragen. Die sechs verdoppelt macht zwölf. Das sind die zwölf Doppelstunden des Tages. Die Dreieinigkeit ist wohl auch aus dem Kreise hervorgegangen, denn drei Punkte, die nicht in einer Graden liegen, lassen sich immer in eine Kreislinie bringen. Diese sehr einfach klingenden Dinge finden wir in den Ornamenten der Urzeit immer wieder. Und darum sehen wir in dieser uralten Ornamentik den Himmelsglauben der alten Priester. Und darum ist die Archäologie so interessant. Aber – ich weiß nicht, ob Du viel davon verstanden hast. Ich habe zu Hause eine kleine sehr alte Ornamentsammlung – da kann ich Dir das alles näher erklären.«
»Danke Dir!« sagte Frau Clara.
Und sie sahen Beide mit dem Opernglase in die Farbenpracht des Sonnenunterganges und in die Farbenpracht des großen Meeres, das wie eine gewaltige Schüsselwand aufragte.
»Eigentlich kreischend bunt!« sagte Frau Clara.
»Ja«, versetzte hart der Edgar, »so kreischend bunt für das Auge wie Deine Vierzigturmorgelmusik für das Ohr. Und doch ist alles sehr angenehm, wenn man von dem Bunten weiter absitzt. Es kommt also bei Farben und Tönen auf die Distanz an. Ich kann mir sogar ein Konzert mit Explosivstoffen denken; Schüsse können in der Ferne vielleicht ganz angenehm wirken. Ich bin ja so heftig für das Bunte – auch für das unfeine Bunte – das sogenannte unfeine Bunte – eingenommen, daß ich meine Leidenschaft maskieren muß. Sieh, das ist ja der eigentliche Grund, weswegen ich den Paragraphen vom grauen Tuch einführte. Er ist ja jetzt abgeschafft. Aber ich danke Dir doch, daß Du immer noch grau gehst. Ich wirke dadurch weniger bunt, nicht wahr? Übrigens: ich trage ja auch nur graue Kleider.«
Frau Clara lächelte und reichte ihrem Gatten die Hand. Und er küßte ihre Hand sehr galant.
Der Kellner zündete die bunten Ampeln an, obgleich die Sonne grade erst untergegangen war.
Und dann saßen sie da und blickten ins Meer.
»Ich glaube«, rief Frau Clara, »unsre Taschenkrebse werden kalt.«
In demselben Augenblicke stürzte ein Telegraphenbote herbei und rief:
»Ein Telegramm für Mr. Krug!«
Mr. Krug las das Telegramm und sprang dann ganz erregt von seinem Emailstuhl auf.
»Unerhört!« rief der Architekt.
»Was?« rief Frau Clara.
Und sie las Folgendes:
»Hier soeben auf Malta ein haarsträubendes Verbrechen geschehen. Glücklicherweise Menschenleben nicht gefährdet. Aber vier große Luftschiffe landeten hier vor einer Stunde, graue Kerls mit zehn Prozent Weiß sagten, daß sie die orientalische Waffensammlung sehen möchten. Sie sehen, einpacken und auf die Luftschiffe bringen – war das Werk weniger Augenblicke. Da ich mit vier Direktoren ganz allein zugegen war, konnte ich an Widerstand nicht denken. Die Kerls drückten uns noch freundlich die Hand – und weg waren sie – hoch oben in den Lüften fuhren sie gen Süden dem heißen Afrika zu. Es schienen sehr viele Neger dabei zu sein. Jetzt ist das Museum grade fertig. Morgen wollten wir die Waffen ausstellen. Und heute haben wir plötzlich ein Museum, in dem es keine Museumsgegenstände gibt. Wir sind beraubt. Keiner von uns trug Waffen bei sich. An solchen Luftüberfall hat Keiner von uns gedacht. Ich glaube, daß sich hier Jemand einen Scherz geleistet hat. Jetzt ist aber guter Rat teuer. Ich rate Dir, auf Sardinien zu bleiben. Grau mit zehn Prozent Weiß kompromittiert Deine Gattin. Malta ist englisch. Aber die englische Regierung wird große Vorschüsse verlangen, wenn die Räuber verfolgt werden sollen. Und die Direktoren hier haben jetzt kein Geld mehr. Telegraphiere doch gleich an Rechtsanwalt Löwe. Ich bin empört. Das Museum ist herrlich. Und die Waffen schweben über Afrika. Und wir wurden nicht mal gefesselt. Aber machen konnten wir nichts. Werner.«
Es läßt sich denken, daß dieses Telegramm einen großen Eindruck auf das Ehepaar Krug machte.
Es war schon mitten in der Nacht. Alle Sterne leuchteten. Die bunten Laternen des Automobils wurden angezündet. Und dann ging’s in scharfer Fahrt zum Telegraphenamt des botanischen Gartens.
Und dort telegraphierte Mr. Krug an Mr. Löwe die ganze Nacht durch. Miß Clara schlief in einem bequemen Sessel des Wartesalons ein. Und sie schlief ganz gut. Als Edgar seine Gattin bei Morgengrauen weckte, sagte diese:
»So gut habe ich schon lange nicht geschlafen.«
»Der Löwe kommt!« rief Edgar.
»Wie?« rief Miß Clara, »gibt’s hier im botanischen Garten auch eine Löwengrube? In Indien ist doch die Löwengrube schon abgeschafft. Und hier neben Orchideen gibt’s Löwen – oh!«
»Clara!« schrie Edgar, »wach auf! Du träumst noch! Ich meine den Rechtsanwalt Walter Löwe – der kommt!«
»Lach mich aus!« sagte Miß Clara, »aber ich habe wirklich von heulenden Löwen geträumt, und der Rechtsanwalt Löwe war unter ihnen ganz umwickelt mit Löwenfellen, und er heulte auch wie ein Löwe.«
»Dabei kann mir auch unheimlich werden«, sagte Edgar, »ich telegraphiere diesem Rechtsanwalt Langes und Breites vom Überfall, und er sagt gleich, daß sich daraus sehr leicht ein brillantes Geschäft entwickeln könnte. Aber, setzte er hinzu, er müsse jetzt unbedingt persönlich am Ort der Tat sein – ich wollte ihn veranlassen, doch da zu bleiben, in Chikago sei es doch so herrlich. Indessen – er sitzt schon im Luftschiff. Der Löwe kommt. Ich habe beinahe Furcht vor dem Kommenden.«
Am nächsten Abend stand die Räubergeschichte in allen Zeitungen der Erdoberfläche. Aber – die ausschmückende Phantasie der Reporter hatte überall soviel Falsches hinzugesetzt, daß die Völker aller Erdteile ganz merkwürdige Vorstellungen von diesem Überfall einer Luftflotte bekamen. Manches schien absichtlich falsch dargestellt.
In den nächsten Tagen saß das Ehepaar Krug zwischen Bergen von Zeitungen.
Und dann erhielt Miß Clara Telegramme von Rechtsanwälten, die sich alle dafür einsetzen wollten, die Dame von den Verdächtigungen frei zu machen.
»So«, rief Miß Clara, »als wenn ich schon auf der Anklagebank sitze! Was kann ich dafür, daß die Räuber graues Tuch trugen mit zehn Prozent Weiß? Jetzt wird mir das graue Tuch sehr unangenehm.«
»Und ich«, brüllte Edgar, »verwünsche den verdammten Paragraphen im Ehekontrakt. Man soll eben in Gesellschaft eines Rechtsanwalts sehr vorsichtig sein. Man soll mit einem Rechtsanwalt gar nicht umgehen. Man soll vorsichtig in der Wahl seiner Freunde sein. Rechtsanwälte verwickeln uns blos in Geschichten, die uns peinlich sind und Geld kosten. Rechtsanwälte machen Geschäfte, die man nicht machen sollte.«
»Da hast Du es«, sagte Miß Clara, »aber den Rechtsanwälten ordentlich gegeben. Aber – der Löwe kommt trotzdem. Wahrscheinlich will er mir auch beistehen.«
Und vierundzwanzig Stunden später hatte Miß Clara die Erklärungen von achtzig Rechtsanwälten, die ihr alle beistehen wollten; jetzt schimpfte sie auch auf die Rechtsanwälte. Mr. Edgar jedoch lachte, daß die Glaswände bebten.
»Jetzt«, rief er lustig, »bist Du in Wahrheit berühmter als ich. Ich wundre mich sehr, daß Du noch keine Anklageschrift von der englischen Regierung erhalten hast. Aber die weiß, daß auf Malta nicht Geld für Vorschüsse vorhanden ist. Außerdem telegraphierte mir ein englischer Staatsanwalt, daß er eine Waffensammlung doch nur als eine Bagatelle behandeln könne.«
»Ich glaube«, sagte Frau Clara ernst, »es wäre jetzt Zeit, endlich nach Hause zu fahren. Ich sehne mich nach einer ruhigen Häuslichkeit. Die Hochzeitsreise hat sich doch zu lange ausgedehnt. Meinst Du das nicht auch, Edgar?«
»Nein!« sagte dieser lakonisch, »außerdem müssen wir jetzt geduldig das Weitere abwarten. Wir haben uns eine schöne Geschichte eingebrockt. Jetzt heißt es: die Suppe ausessen. Du hättest damals auch nicht auf den frivolen Paragraphen so leichtsinnig eingehen sollen.«
»Das hat«, erwiderte Frau Clara, »mir damals schon der Rechtsanwalt Löwe gesagt.«
»Ja!« rief Edgar, »die Rechtsanwälte haben zudem immer noch Recht. Hole der Teufel die ganze Juristerei. Oh!«
Er fuchtelte mit geballter Faust in der Luft herum.
Mr. Webster telegraphierte an Miß Clara:
»Mein herzliches Beileid, gnädige Frau! Ich bin Ihr sehr ergebener Webster.«
»Läßt er mich nicht grüßen?«
Also fragte Mr. Edgar, und Miß Clara sagte lakonisch: »Nein!«
Die Marquise Fi-Boh telegraphierte aus Tokio:
»Meine arme Frau Clara! Sie sind ja zu beklagen. Sie sind ja vor aller Welt kompromittiert. Und nun sind Sie auch noch in eine veritable Räubergeschichte verwickelt. Das ist ja sehr romantisch. Aber bedenken Sie, daß die Gefängnisse der menschlichen Staaten noch immer nicht bunte Glaspaläste sind. Ich bin jedenfalls der Meinung, daß Sie auf das Schlimmste gefaßt sein müssen. Das haben Sie von dem abscheulichen grauen Tuch. Ich bin froh, daß ich mich niemals verpflichtet habe, graues Tuch zu tragen. Bei mir kann’s nicht bunt genug zugehen. Telegraphieren Sie mir doch, ob Sie sich schon in Untersuchungshaft befinden. Das ist ja alles sehr romantisch. Aber ich bin froh, daß ich Derartiges nicht erlebe. Herzliches Beileid, Frau Clara! Nicht weinen! Dadurch wird nichts gebessert. Ich bin Ihre Marquise Fi-Boh.«

ps_047

Der arme Mr. Werner hatte es auf Malta auch nicht leicht, er telegraphierte an Mr. Edgar:
»Da die Geschichte jetzt unerträglich ist, tu‘ ich so, als wäre ich krank. Drei Ärzte behandeln mich. Ist denn der Löwe noch nicht da? Der die einzige Rettung! In größter Verzweiflung. Dein alter Freund Werner.«
Löwe aber schwebte über dem Atlantischen Ozean im Luftomnibus. Und der kam widriger Stürme wegen nicht weiter. Nach einigen Tagen nahm der Luftomnibus eine Zwischenlandung auf den Bermudainseln vor. Löwe telegraphierte von dort an Edgar, daß er bald an Ort und Stelle zu sein hoffe.

Miss Burns sandte auch an Miß Clara ein Beileidstelegramm, das ganz voll Trauer und Wehmut war; Miß Clara lachte eine halbe Stunde hindurch ohne Unterbrechung. Miß Käte Bändel aber telegraphierte:
»Clara, verzage nicht! Ich gehe mit Dir ins Gefängnis. Das soll ein fideles Gefängnis werden. Ich grüße Dich und bin schon auf Borneo. Deine Käte Bändel bin ich für jetzt und immerdar.«
»Die Menschen sind alle verrückt geworden!« sagte schließlich seufzend Miß Clara, nach diesen Worten aber erhielt sie ein Telegramm von Miß Amanda Schmidt aus Chikago, das diesen Wortlaut hatte:
»Jetzt kann ich nicht mehr schweigen. Ich habe für den Chikago-Turm zu Babel-Film gesessen und ein Honorar von dreizehntausendfünfhundert Dollars bekommen. Löwe bekam ebensoviel. Dieses Geld haben wir in die Museumsgesellschaft zu Malta gesteckt. Ich will’s nicht wiederhaben. Verzeih Deiner armen Amanda – und seid Beide herzlich gegrüßt. Miß Schmidt.«
Miß Clara zeigte das ihrem Gatten.
Der zündete sich langsam eine Zigarre an und blickte aufs blaue Meer hinaus.
»Unfein!« sagte leise Miß Clara, »aber zuletzt hat sie alles gut gemacht. Ich halte diesen Mr. Löwe für einen gefährlichen Menschen.«
Gleich danach wurde Krugs eine Karte gebracht, auf der stand:

Walter Löwe, Rechtsanwalt
Chikago                 Malta

Nach vierundzwanzig Stunden hatte Mr. Löwe wieder das Vertrauen des Ehepaares Krug zurückerobert.
Er hatte schließlich gesagt:
»Daß ich für Dich, lieber Edgar, Reklame gemacht habe, wirst Du nicht bestreiten und mir nicht verübeln können. Frauen fassen alles sehr leicht sentimental auf. Mit Sentimentalität macht man aber keine Geschäfte. Ich schenke Dir nicht wie Miß Amanda die dreizehntausendfünfhundert Dollars, laß mich aber in das Direktorium der Museumsgesellschaft zu Malta aufnehmen und sorge dafür, daß dort ein Museum für die Geschichte der Glasarchitektur entsteht. In acht Tagen wird das Museum eröffnet. Jetzt spricht alle Welt von Malta. Man soll merken, daß ein amerikanischer Rechtsanwalt im Direktorium ist.«
Mr. Krug mußte zugeben, daß diese Ausnützung der peinlichen Situation nicht unfruchtbar für seine Bestrebungen sein könnte. Die Herren schüttelten sich die Hände, und Mr. Löwe fuhr nach Malta; Miß Clara hatte sich zurückgezogen und ließ sagen, daß sie Kopfweh habe.

Krugs wohnten im Bürgerheim des botanischen Gartens. Dieses kleine Hotel lag versteckt in einem Talkessel des Gebirges. Die Farben der Glaswände leuchteten da ganz einfach nur in Karmin und Blau.
Zum Diner erschien Frau Clara mit strahlenden Augen und sagte:
»Ich hörte, daß Mr. Löwe nach Malta gefahren ist. Ich atme auf und fühle mich wieder ganz wohl.«
»Ich auch!« versetzte Edgar.
Nach dem Essen fuhren sie im Automobil zum Orchideenhotel.
Das lag dicht am Meer und hatte herrliche Terrassen.
»Hast Du nicht Wünsche?« fragte Edgar.
»Ja«, versetzte Clara, »ich möchte gern Austern essen.«
»Selbstverständlich können wir das«, versetzte der Architekt, »aber ich dachte, Du würdest mal architektonische Wünsche äußern.«
Er bestellte die Austern und roten Champagner dazu.
»Die Sache mit Löwe«, fuhr er fort, »hat sich ja ganz gut entwickelt. Er führt auf Malta ein Museum für die Geschichte der Glasarchitektur ein und bringt die beräuberte Insel wieder zu Ehren. Darum glaube ich, daß wir jetzt endlich bald nach Hause fahren können. Aber zu Hause soll Dir gleich ein Extrasalon gebaut werden. Darum fragte ich nach Deinen Wünschen.«
»Ja«, erwiderte errötend Miß Clara, »dann kann er vielleicht in allen grauen Tönen sein – mit etwas Weiß oder Schwarz. Geht’s?«
»Ich habe«, sagte Edgar, »Glaswände in Grau am Lago Maggiore, aber es ist etwas Gold dabei. Weiß und Schwarz sind nicht vorhanden.«
»Ich bin auch«, erwiderte wieder Miß Clara, »mit dem Golde zufrieden.«
»Ja«, meinte nun der Architekt, »das Zimmer ist nicht groß, und es ist ein Harmonium in dem Zimmer. Wenn Du spielst, hört man’s am besten in dem großen Speisesaal. Du kannst beim Spiel gar nicht vom tiefer gelegenen Saal aus gesehen werden. Du kannst da auch schreiben und lesen. Es wird Dir gefallen. Ich gebe gleich ein Telegramm auf, daß alles fertig ist, wenn wir kommen.«
»Oh!« rief Frau Clara, »das ist ja wundervoll.«
Sie trank ihm zu.
Und dann sagte sie:
»Dazu darf man nicht ›danke‹ sagen.«
Edgar lachte und gab dem Kellner das Telegramm.
»Hast Du heute«, fragte er, »Zeitungen und Telegramme erhalten?«
»Ein kleiner Handwagen brachte mir die Sachen«, versetzte sie, »doch ich habe nichts gelesen – meiner Kammerfrau hab‘ ich alles gegeben.«
Nun fuhren viele große Luftschiffe und viele Aeroplane von Spanien herkommend vorüber.
»Die fahren«, sagte Mr. Krug, »nach Malta.«
»Oh«, rief Miß Clara, »jetzt wollen wir uns nicht mehr um die verrückte Räubergeschichte bekümmern. Mag doch die Welt davon denken, was sie will. Ich habe doch nichts damit zu tun, nicht wahr?«
»Nein, liebe Clara«, sagte der Architekt ernst, »aber vergiß nicht, daß mir Löwe doch ein Freund zu sein scheint. Er hat doch aus der peinlichen Situation was gemacht.«
»Indessen«, meinte Frau Clara, »diese Rechtsanwälte mit ihren Geldgeschichten sind mir doch etwas peinlich. Ich urteile ja nur nach meinem Gefühl. Er hat uns mit dem Ehekontrakt in Verlegenheit gebracht. Er hat mit der Filmgeschichte ein gutes Stück Geld verdient und uns das Monate hindurch verschwiegen. Dabei hat er auf Deine Kosten die Welt umsegelt und jetzt ist er im Direktorium einer Museumsgesellschaft. Ich fürchte, er könnte uns noch in weitere Verlegenheiten bringen.«
»Du ahnst nicht«, erwiderte Edgar, »daß ich bereits in den schönsten Verlegenheiten war. Hätte ich nicht durch Li-Tung so viel Geld bekommen, so säßen wir hier nicht so friedlich an der Küste Sardiniens im Orchideenhotel. Im übrigen will man hier noch Deinetwegen ein Orchideenfest feiern. Sonntag über acht Tage soll’s beginnen. Wir müssen also noch vierzehn Tage hier bleiben. Du sollst Bach spielen.«
»Ich freue mich darauf!« sagte Miß Clara.
Und sie aßen Austern und tranken roten Champagner.
Und die große Sonne ging unter im blauen Meer.
Und viele weiße Möven flogen am Strande vorüber.
Oben in der Luft schwebten große Luftschiffe und Aeroplane.
»Fahren alle nach Malta?« fragte Miß Clara.
»Du«, versetzte ihr Gatte, »das weiß ich wirklich nicht.«

ps_048


%d Bloggern gefällt das: