Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß

IV

ps_059 Nach diesem Telegramm ging’s im Luftschiff westwärts zur Insel Kypern. Man flog sehr hoch, da es sehr warm war. Miß Amanda Schmidt bedauerte lebhaft, daß sie sich mit Miß Clara nicht mehr als gleichgestimmt empfand, und Miß Amanda sprach viel von ihren Löffel- und Gabelgriffen in Silber – überhaupt von ihrem kunstgewerblichen Silberzeug. Mr. Edgar bestellte bei ihr ein kleines Warenlager für die Küche seiner Gemahlin.
»Meine Frau hat ja immer noch nicht ihre Küche auf der Isola grande gesehen.«
Das sagte Mr. Edgar öfters.
Und über Kypern hielt er einen kleinen kulturhistorischen Vortrag über die Insel – mit diesen Worten:
»Die Damen dürfen sich nicht wundern, wenn ich ihnen einen kleinen Vortrag halte. Über Babylon hab‘ ich’s ja nicht getan. Jetzt aber kann ich all mein großes herrliches Wissen nicht mehr zurückhalten. Die Damen müssen bedenken, daß Kypern schon dreitausend Jahre vor Christus eine damals recht bekannte Insel war. Man vermutet, daß ägäische Völker von Kleinasien her hier eindrangen. Diese entdeckten hier das viele Kupfer. Nach dem Kupfer erhielt die Insel ihren Namen. Um eintausendfünfhundert vor Christus bezogen die Ägypter ihr Kupfer aus Kypern. Mit dem Kupfer entstand sehr früh eine Bronzekultur auf der Insel, die wahrscheinlich mit der Bronze allen anderen Völkern des Orients voraneilte. Doch ist dieses, soviel ich weiß, noch nicht genau erwiesen. Bei den alten Griechen aber war die Insel des Weines wegen berühmt, der in verharzten Schläuchen aufbewahrt wurde und sehr nach Harz schmeckte. Ich habe kyprischen Wein im Luftschiff. Sie können sich sofort davon überzeugen, daß der kyprische Wein heute nicht mehr nach Harz schmeckt.«
Er winkte dem Diener.
Und der Wein kam.
Und Miß Clara sagte:
»Kein Gelehrter hätte herrlicher reden können als Du, Edgar! Wo hast Du denn all die viele Gelehrsamkeit her?«
»Ich war ja«, versetzte Edgar, »ursprünglich Archäologe. Doch mußte ich die Sache aufgeben, weil das unaufhörliche Graben bei den Ausgrabungen für mich zu anstrengend wurde.«
Man trank über der Insel Kypern auf das Wohlergehen der Archäologie und landete im großen Lufthafen der Insel.

Der Lufthafen lag dicht neben der alten Stadt Kition. Und über dem Mittelbau des kreisrunden Lufthafens befand sich ein großes Hallenrestaurant, das eigentlich nur aus einer einzigen halbkugelartigen Kuppel bestand.
Hier dinierten grade, als Krugs mit Miß Amanda ankamen, die Herren von der Mittelmeermotorschiffgesellschaft. Die Halle leuchtete dunkel violett mit lila Ornament. Die Damen trugen Weiß mit viel Grün dazu.
Da wirkte wieder Miß Clara mit ihrem grauen Tuch und den zehn Prozent Weiß sehr gut; man bewunderte ihre einfache Toilette.
Nun sollte über den großen Seehafen für die Motorschiffe Beschluß gefaßt werden. Und Mr. Krug hatte sehr rasch gesiegt; ihm wurde die Ausgestaltung des Hafens mit Glasarchitektur übertragen.
»Allerdings«, sagte der eine der Direktoren, »wir machen den Herrn Architekten darauf aufmerksam, daß wir allzu viel Farben und allzu Buntes vermeiden möchten. Wir wollen mehr das Einfache. Aber das einfache graue Kostüm der Gattin unsres Architekten bürgt uns ja dafür, daß Mr. Krug nicht den geschmacklosen allzu bunten Farbenzauber auch hier bei Kition auf der alten Insel Kypern einführen wird.«
»Hast es gehört?« sagte leise Miß Clara zu Miß Amanda.
Mr. Krug sah seine Gattin lächelnd an. Und Alle tranken auf das Wohl der Miß Clara. »Das war also«, sagte Miß Clara nachher zu ihrem Gatten, »eigentlich mein erster Erfolg während unserer ganzen langen Hochzeitsreise.«
Und Edgar erwiderte: »Merkwürdig! Und Du bist gar nicht mehr verpflichtet, Grau mit zehn Prozent Weiß zu tragen.«
Sie standen oben auf der Terrasse des Lufthafens und blickten über Kition hinüber auf das große alte Westmeer, in dem die Sonne unterging. Hinter ihnen lag das violette Kuppelrestaurant.

Nun ordnete Mr. Krug die Ausstattung des Seehafens an; die Schiffe sollten bei ihrer Einfahrt gleich in ein großes Glasreich hineinfahren. Und so wurden auf allen Seiten des Hafens große Glaswände angebracht, die wenig ornamentiert das Glas einfarbig in großen Flächen zeigten.
Mr. Krug wollte das Blaue vermieden sehen, dafür sprach er sich für alle Grüns, Rots, Gelbs aus.
»Schließlich«, sagte er zu seinen Leuten, »ist es ja genügend, wenn das Ganze einfach wirkt. Immer einfach! Nur drei Farben! Aber die in allen Tönungen. Man kann gar nicht einfach genug sein. Sehr viel einfarbiges Drahtglas ist herbeizubringen!«
Man tat, wie er sagte.
Die Bauherren nickten sehr vergnügt.
Und bald waren die Probewände aufgerichtet – doppelte Wände waren’s. Und das elektrische Licht leuchtete zwischen den doppelten Wänden.
»Mr. Krug«, sagte Miß Amanda, »hier verstehe ich Sie nicht recht. Alles soll ganz einfach sein. Aber mir erscheint die Sache doch als sehr bunt.«
»Sehr richtig!« erwiderte Edgar, »ich will ja auch ziemlich bunt alles machen. Nur eines übersehen Sie: das Ganze wird trotzdem einfach wirken.«
Nun wurde Mr. Krug auch nach Kairo gerufen; Miß Amanda wollte nicht mit und fuhr mit dem nächsten Motorschiff durch’s Mittelmeer nach New-York; sie sagte, daß sie die bestellten Silbersachen schnell fertig machen wollte.
»Telegraphiere mir doch recht bald wieder!«
Das sprach Miß Amanda zu Miß Clara, als sie schon im Schiff saß.
Krugs fuhren bald darauf nach Kairo.

In Kairo hatte man eine Pyramidengesellschaft gegründet.
Und die wollte die Anziehungskraft der Pyramiden auf die Fremdenwelt um ein Beträchtliches erhöhen.
Mr. Krug schlug nun vor, die Nilschiffe zu kostbaren Glasschiffen zu machen.
Doch das genügte den Herren nicht.
Mr. Krug schlug auch vor, kleine Hotels auf den Ufern des Nils herzustellen – prächtige Glashotels.
Das wurde alles für zu teuer gehalten.
Da sagten die Herren, daß sie auf den Spitzen der Pyramiden große Glasobelisken haben möchten.
Als das Mr. Krug hörte, wurde er ganz rot im Gesicht, und er schrie die Herren wütend an:
»Das ist ja empörend! Die ältesten Baudenkmäler, die wir auf der Erde haben, wollen Sie derartig behandeln! Wollen Sie die alte ägyptische Architektur verhöhnen? Das soll ich als Architekt zulassen?«
»Sie sind doch aber sonst so«, sagte man freundlich, »für die Glasarchitektur. Wie kommt es denn, daß Sie hier plötzlich anders wollen?«
»Meine Herren!« rief Mr. Krug, »ich bin Archäologe und habe einen heiligen Respekt vor allen alten Baudenkmälern. Allerdings– bin ich auch Glasarchitekt. Aber niemals werde ich mit dieser Glasarchitektur alte ehrwürdige Pyramiden verhöhnen. Ich teile das sofort öffentlich in allen Bauzeitungen mit und werde schon die Archäologen zum Schutze der Pyramiden zusammenbringen. Ich breche hiermit die Verhandlungen ab und fahre auf der Stelle davon. Sie sollen mich nicht wiedersehen!«
Miß Clara sah ihren Gatten voll Bewunderung an.
Und bald darauf flogen sie im Luftschiff hoch über dem alten Nil wieder nordwärts.
»Fahren wir jetzt«, fragte Miß Clara schüchtern, »zum Lago Maggiore?«
» Nein «, erwiderte Mr. Krug, » wir fahren zuerst nach Malta, allwo ein Museum für altorientalische Waffen gebaut werden soll.«
»Grade für Waffen?«
Also Miß Clara.
»Ja«, versetzte ihr Gatte, » das sind doch auch Altertümer. Und – ich hoffe, dort auf Malta ganz freie Glasarchitektur schaffen zu können. Vielleicht werden die Bauten auf Malta noch viel grandioser als die bei Chikago. Du siehst jedenfalls, daß sich die Archäologie ganz gut mit der Glasarchitektur verträgt.«
»Ja«, sagte Miß Clara lebhaft, »das sehe ich. Und ich fühle auch, daß Deine Stellung nicht grade eine leichte ist. Die Leute wollen das Bunte nicht, sie sagen: das ist zu grell. Und nun mußt Du ihnen immer wieder zureden, doch wenigstens ein paar Farben zu bewilligen. Du mußt die Leute gradezu zur Farbe verführen. Ich verstehe, daß das keine kleine Arbeit ist. Und – das graue Tuch, das ich trage, soll zur Verführung der Bauherren das seinige beitragen. Ich fange an, allmählich die Bedeutung des grauen Tuchs zu ahnen. Habe ich Recht! Oder – habe ich Unrecht?«
»Das weiß ich nicht!« sagte Mr. Edgar lächelnd, »doch zunächst muß ich diesen Barbaren in Kairo auf die Zehen treten. Ich möchte Berichte an die Bauzeitungen diktieren.«
Miß Clara erhob sich.
Und Mr. Edgar diktierte wütende Berichte an die Bauzeitungen.
Dabei leuchtete der Vollmond.
Und viele Störche schwebten am Luftschiff vorüber. Ein Storch setzte sich neben den Steuermann, doch flog er nach ein paar Minuten den andern Störchen wieder nach.

In Malta wurde Mr. Krug mit großen Banketts empfangen.
Hier ging alles ohne Schwierigkeiten.
Hier war sehr viel guter Wille, aber leider wieder mal sehr wenig Geld da.
Verzweifelt sagte Edgar zu seiner Gattin:
»Sieh! Hier könnte ich nun das Allergrößte zusammenbauen. Hier sind die Leute begeistert von der Glasarchitektur. Und immer wieder muß ich konstatieren, daß auf Erden dort, wo Begeisterung da ist, wenig Geld da ist. Es ist ein Jammer.«
»Nun laß doch nur!« tröstete Frau Clara, »Du baust doch an so vielen Stellen, an denen sehr viel Geld vorhanden ist.«
»Es kann aber gar nicht genug gebaut werden!« rief Mr. Edgar und lief davon.
»Es liegt etwas Unersättliches in meinem Manne!« sagte Miß Clara zu ihrer Kammerfrau.
Und dann wollte Miß Clara erfahren, ob ihr Gatte auch früher schon so viel gebaut hätte.
Doch darüber konnte die Kammerfrau gar keinen Bescheid geben, da sie erst in Chikago von Herrn Krug engagiert wurde.
»Als was?« fragte Frau Krug.
»Eigentlich«, versetzte die alte Frau, »als Leiterin der Küche. Die Leitung der Küche hat jetzt eine andere Frau übernommen. Die eignet sich auch viel besser für das ganze Küchenregiment.«
Sie sprachen noch lange.
Sie saßen auf einer Terrasse des großen Mittelmeerhotels zu Malta.

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Mr. Krug telegraphierte nun an Mr. Webster, der in London weilte, also:
»Sehr geehrter Herr Webster, hier in Malta soll ein großes Museum für orientalische Waffen gebaut werden. Und ich soll’s mit herrlichster Glasarchitektur umrahmen. Meine Pläne sind vollkommen fertig. Aber ich kann sie nicht verwenden, denn die Gesellschaft hat nicht das nötige Geld. Können Sie mir nicht einen Rat geben, an wen man sich da wenden könnte? Ich wäre Ihnen dankbar; ich möchte nicht gerne weiter reisen, ohne hier etwas erreicht zu haben. Mit vielen Grüßen – auch von meiner Frau – Ihr ergebener Edgar Krug.«
Das Telegramm zeigte Edgar auch seiner Frau – und sie warteten Beide auf die Antwort mit großer Spannung.
Die Antwort lautete:
»Geehrter! Wer interessiert sich denn heute für orientalische Waffen? Ich würde der Gesellschaft raten, die Waffen zu verkaufen – und für das Geld eine Glasarchitektur zu schaffen, ohne ihren Zweck anzugeben. Später finden sich, wenn die Architektur vortrefflich ist, leicht ein paar Liebhaber, die die Palazzos ankaufen. Sonst kenne ich leider nicht Kapitalisten, die für die Erhaltung einer Waffensammlung Geld ausgeben möchten. Orientalische Waffen haben heute doch kaum einen Liebhaberwert. Viele Grüße – auch Ihrer Frau Gemahlin. Webster.«
Das Telegramm wurde auch den Direktoren der Gesellschaft vorgelegt. Diese jedoch erklärten, daß sie an Testamentsparagraphen gebunden wären, die nicht so leicht zu umgehen sein dürften.
Sofort ließ Edgar den Wortlaut des Testamentes an Mr. Löwe Chikago telegraphieren und anfragen, ob das Testament anzufechten sei.
»Unanfechtbar!« telegraphierte bald darauf der Mr. Löwe.
Nun hätten die Direktoren riesig gerne die ganze Waffensammlung verkauft. Aber sie durften eben nicht. Miß Clara schlug vor, sich doch mit den andern Erben in Verbindung zu setzen, doch da erklärten die Direktoren auf Malta, daß sie das längst getan, schnöde Antworten hätten sie bekommen.
Mit dem vorhandenen Gelde ließ sich zur Not ein kahler Backsteinbau ausführen.
Mr. Krug raufte sich in der Verzweiflung die Haare – d. h. er tat so: in Wirklichkeit ließen sie sich gar nicht raufen, da sie ganz kurz waren.

In Chikago hatte inzwischen Miß Amanda Schmidt von den Verlegenheiten des Mr. Krug auf Malta gehört.
»Das ist ja«, telegraphierte sie an Mr. Löwe, »ganz unerhört. Da denken wir, Krugs seien reiche Leute, und schließlich existiert der Reichtum gar nicht. Was man nicht alles erleben kann. Mir gibt Mr. Edgar einen fürstlichen Auftrag, ich soll für fünftausend Dollars Silberzeug herstellen. Und er selbst hat gar nicht so viel Geld, um ein paar Glaspaläste zu bauen. Das ist betrübend. Reiche Leute, die kein Geld haben, können mir doch in der Seele leid tun. Alle Welt will von ihnen haben – haben – haben. Und sie könnten Geld ebensogut gebrauchen – wie die Armen. Eine größere Komödie als die Geldkomödie dürfte auf Stern Erde nicht auffindbar sein. Sagen Sie mal, Mr. Löwe, entschuldigen Sie, daß ich so lange spreche – aber meinen Sie nicht, daß wir die siebenundzwanzigtausend Dollars, die wir zusammen bei der Filmgeschichte eroberten, nicht dem Ehepaar Krug zur Verfügung stellen könnten? Mir brennt das Geld im Portemonnaie.«
»Aber«, rief Mr. Löwe, »dann geben Sie doch rasch das Geld einer Bank. Außerdem: Sie müssen ja, Miß Amanda, mächtig große Portemonnaies besitzen. Schonen Sie die doch; man kann immer nicht wissen, wozu man solche Gebrauchsgegenstände mal verwenden könnte. Ich bitte Sie nur um Eines: vorläufig Diskretion! Nichts ohne meine Einwilligung machen! Außerdem: wir können dem Mr. Krug vielleicht helfen, ohne uns bloszustellen. Einverstanden damit?«
»Ja!« sagte Miss Amanda.
»Dann«, fuhr Löwe fort, »vorläufig abwarten. Nichts tun! Ja nicht an Miß Clara telegraphieren. Versprechen Sie mir das?«
»Ja!« sagte Miß Amanda.

Währenddem dachte Miß Clara sehr lebhaft an ihre Freundin Amanda, und sie telegraphierte ihr von Edgars Verlegenheit.
Miß Amanda telegraphierte:
»Fasse Dich in Geduld. Vielleicht nimmt alles noch ein gutes Ende; ich muß leider schweigen, bin aber wie stets Deine alte Freundin Amanda.«
»Schweigen muß sie?«
Also Miß Clara, die aus diesem Telegramm nicht klug werden konnte. Ihrem Gatten teilte sie von Miß Amanda nichts mit.
Edgar aber gab die Partie noch nicht auf; er wandte sich ganz kühn an Mr. Li-Tung. Da bekam er aber eine Antwort, die er nicht erwartet hatte – sie lautete so:
»Lieber Edgar! Was verpflichtet Dich denn, für alte orientalische Waffen Lanzen zu brechen? Das ist doch heutzutage ganz töricht. Denkst Du denn, ich werde mein Geld für eine Waffensammlung vergeuden? Ich denke ja gar nicht daran. Ich würde mir auch unsäglich viele weitere Feinde zuziehen. Man haßt mich schon meiner aufgehängten Architektur wegen in hinreichendem Maße. Man möchte mich hier am liebsten selber aufhängen. Die Hälfte meines Balletts ist schon auf und davon. Ich wohnte täglich in einer anderen Glasvilla und entbehre das Ballett gar nicht mehr. Du solltest Dir mal jetzt die Sache ansehen. Mr. Werner hat die Galgenvillen mit peinlichster Akkuratesse ausgeführt. Man kommt von unten in jedes Haus hinein. Der Mann hat Humor, ich aber habe kein Geld für orientalische Waffen. Wenn Du mich nicht besuchst, so besuche ich Dich. Heil Deiner Gattin und Dir. Ich bin Dein Galgenhumorist Li-Tung.«
Auch dieses Telegramm wurde den Direktoren vorgelegt. Nun fragten die genau nach den Preisen. Und da stellte es sich heraus, daß schon mit siebenundzwanzigtausend Dollars ganz prächtige Räumlichkeiten herzustellen seien, wenn das Geld, das für den kahlen Backsteinbau da war, hinzugelegt würde.
»Siebenundzwanzigtausend Dollars!« sagte Miß Clara, »das halte ich ja gar nicht für so viel.«
Und sie fragte bei der Marquise Fi-Boh in Tokio an, ob sie nicht die fehlende Summe aufbringen könnte.
Da erhielt Miß Clara folgende Antwort:
»Teuerste Miß Clara! Wie leid tut es mir, daß ich Ihnen nicht helfen kann. Ja – vielleicht hat Ihr Gatte Recht gehabt, als er Ihnen graues Tuch mit zehn Prozent Weiß vorschrieb. Aber – komisch finde ich es, daß Sie bei dieser Sparsamkeit doch noch in Verlegenheit gerieten. Ich bin, weil ich einen außerordentlichen Toilettenluxus bei mir eingeführt habe, stets in Bedrängnis. Und mein Gatte hilft mir nicht. Der lacht mich nur aus, wenn ich mit meinem Taschengeld nicht auskomme. Ach, wie gerne würde ich Ihnen, teuerste Miß Clara, helfen! Können Sie nicht ein paar Turmglockenkonzerte geben? Ich bin Ihre arme, stets in Bedrängnis lebende Marquise Fi-Boh.«
Miß Clara zuckte die Achseln.
Ein Turmorgelkonzert ließ sich so schnell gar nicht arrangieren, da auf Malta die Türme fehlten. Auch auf Sizilien ließen sich Türme nicht so leicht zu Konzertzwecken umgestalten.
»Ich glaube«, meinte sie zu ihrem Gatten, »Du könntest hier mal die Partie aufgeben.«
»Nein!« sagte Edgar hastig, »ich habe mich soeben an Mr. Löwe gewandt.«
»Und!« fragte Miß Clara, »was hat er erwidert?«
»Warten wir’s ab, lautete die Antwort.«
Nach einer halben Stunde kam die Nachricht vom Rechtsanwalt, daß das Geld sofort abgesandt werden könnte.
Nun herrschte natürlich auf der Insel Malta ein großer Jubel; Mr. Krug nebst Gattin wurden im Mittelmeerhotel gefeiert wie die Erlöser.
Mr. Krug sagte zu seiner Gattin:
»Siehst Du? Man soll nicht zu früh verzagen. Es endet alles viel besser, als man denkt. Das Geld von Mr. Li-Tung durfte ich natürlich nicht angreifen. Und – Du kannst glauben, daß die Luftschifffahrten nicht so billig sind. Löwe ist doch immer ein guter hilfsbereiter Freund. Er hat nun auch eine Erdumsegelung hinter sich.«
»Ich freue mich sehr!« sagte Miß Clara.
Im Geheimen dachte sie:
»Jetzt könnten wir bald nach Hause fahren.«
Edgar aber sagte, daß er vordem noch auf Sardinien zu tun hätte.
Über seine Baupläne auf Malta äußerte sich Edgar zunächst etwas unbestimmt.
»Ich will hier«, sagte er, »das Übereinandergeschalte; Blumenblattschalen sollen hinter- und übereinander wirken; ich will das Riesenblumenblattmotiv durchführen.«
»Mir noch nicht klar!« sagte Miß Clara.
Die Direktoren der Gesellschaft waren sehr gespannt, was aus der Geschichte werden würde, erklärten sich aber mit allem einverstanden und brachten dem großen Architekten ein grenzenloses Vertrauen entgegen.
Von Mr. Burns kam folgendes Telegramm:
»Verehrter Mr. Krug, Sie haben also meinen Wünschen entsprochen und heimlich gegen die wilden Tiere gepredigt. Nun ist die Saat aufgegangen. Die Löwengrube ist eingegangen. Man hat die Tiere endlich sämtlich vernichtet; eine Mauer fiel zusammen, als ein kleines Erdbeben entstand – da brachen die wilden Löwen durch, zerrissen hundert Schafe und zehn Menschen und wurden niedergeschossen. Die Löwengrube existiert nicht mehr. Das habe ich Ihnen zu danken. Mit meiner Frau zusammen sagen wir Ihnen unsern heißen Dank. Und wir senden Ihnen Beiden viele herzliche Grüße. Mr. Burns nebst Frau.«
Miß Clara sagte:
»Laß mich erwidern.«
Und sie schrieb einen Brief; sie wollte wieder mal einen Brief schreiben. Sie schrieb, daß sie sich über den Untergang der Löwengrube sehr freue; die habe sie beim Vierzigturmorgelspiel sehr gestört – aber ihr Gatte stecke nicht dahinter.
Diesen Brief schrieb Miß Clara an Miß Burns.
Danach erhielt Miß Clara ein Telegramm von Käte Bändel, die noch immer im Makartlande weilte.
»Dein indisches Orgelspiel«, sagte Käte zum Schluß, »dröhnt uns hier Allen in den Ohren. Jetzt bist Du auch berühmt. Und berühmter wirst Du werden als Dein Gatte. Hat er Dir nun endlich buntes Tuch statt des grauen gestattet? Telegraphiere doch. Wir grüßen Dich alle, und besonders grüßt Dich Deine alte Käte Bändel.«
Da war Miß Clara eigentlich ärgerlich. Doch ihr Ärger schlug plötzlich um, und sie dachte mit großer Zärtlichkeit an Miß Käte.
»Du«, sagte sie ihr unter Anderem telegraphisch, »spotte nicht über das graue Tuch. Es ist besser, ein buntes Haus zu haben als ein buntes Kleid. Jenes macht das ganze Leben bunt, dieses aber dient nur der Eitelkeit und bringt die Gelder um, die für den Hausbau da sein sollten. Edgar hat mit seinem grauen Tuch Recht. Das will ich Dir mündlich erklären. Edgar bittet Dich um Verzeihung des schottischen Ärgers auf Borneo wegen, und wir laden Dich ein zur Isola grande auf dem Lago Maggiore. Du sollst, wenn ich zu Hause bin, unser erster Besuch sein.«
Dieses Telegramm erregte große Freude im Makartlande. Und die Käte Bändel versprach bald, demnächst als Gast auf der Isola grande zu erscheinen.
Da kam Mr. Werner von den Kurian-Murian-Inseln und stellte sich dem Mr. Krug als Baumeister zur Verfügung.
»Lange«, sagte er, »hält es der Mr. Li-Tung in seinen hängenden Palästen nicht mehr aus. Zwölf Tänzerinnen waren noch auf den Inseln, als ich fortging. Die können heute schon fort sein. Er wollte zur Isola grande kommen, sprach viel davon.«
Darauf erklärte Edgar seinem Freunde die Baupläne auf Malta.
»Es ist«, sagte er, »meine Absicht, sechs bis acht Glaswände in Schalenform hinter einander zu setzen. Dazwischen können die Waffen auf Tischen und in drehbaren Schränken untergebracht werden. Fällt nun das Sonnenlicht so durch die acht farbigen Glaswände, dann gibt das hinter der achten Wand einen sehr komplizierten Effekt. Nun brauchen die Wände nicht die Deckenhöhe zu erreichen. Wie Riesenblumenblätter sollen die Wände wirken.«
Und er zeigte dem Mr. Werner die Zeichnungen. Und Mr. Werner ging gleich daran, die Sache auszuführen.
»Es nimmt gar nicht viel Zeit in Anspruch!« meinte er lächelnd, »jedenfalls freue ich mich, daß ich’s hier mal mit einer feststehenden Architektur zu tun habe und nicht immerzu mit einer perpetuierlich bewegten – wie auf den Kurian-Murian-Inseln.«
»Das Ganze des Museums«, sagte Edgar, »soll wie eine plastisch aufragende Mondsichel den hügelig aufragenden Boden bedecken.«
Mr. Werner sagte:
»Eigentlich eine recht komplizierte Idee – mit den acht Schalen hintereinander. Und selbst die hast Du durchgesetzt. Na – ich gratuliere Dir. Hier hast Du ja Bauherren, die Vertrauen zu Dir haben.«
»Jawohl«, versetzte Edgar bitter, »und kein Geld.«
Danach erzählte er von den siebenundzwanzigtausend Dollars, die Rechtsanwalt Löwe gesandt hatte.
Mr. Werner wunderte sich sehr.

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