Cervantes

A

Don Quichotte redet immer noch weiter – be­ sonders vom kümmerlichen Leben.

ps_044 »Der Sancho«, fuhr nun Don Quichotte mit er­ hobener Stimme fort, »ist wohl der König einer Insel gewesen. Und das hat er mir zu danken. Leider hat er es in seiner Königszeit versäumt, sich königliche Manieren anzugewöhnen. Da ich aber einmal dabei bin, von der Jugendzeit unsres Dichters, dem ich alles verdanke, zu re­ den, so sei mir gestattet, noch einiges von sei­ nem Leben in Madrid hinzuzufügen. Seinen El­ tern ging es nicht gut Ende der sechziger Jahre, und dem Don Miguel ward es immer schwerer, sich über Wasser zu halten. £s fehlte an allen Ecken und Enden. Das kümmerliche Leben be­ gann. Hier muss ich aber gleich feierlichst erklä­ ren, dass derjenige, der das kümmerliche Leben nicht kennen lernt, überhaupt vom grossen Le­ ben gar nichts kennen lernt und dazu bestimmt ist, ein Tropf zu bleiben oder eine Droschke zweiter Güte. Wer das Wohlleben nicht lassen
kann, wird nicht viel erreichen – am allerwenig­ sten in der Kunst. Deswegen ist es ganz ungehö­ rig, so viel über das schlechte Leben der Dichter zu lamentieren. Das schlechte Leben erzeugt doch den Humor – und der ist doch die Haupt­ sache in Poesie und Kunst. Das gute Leben er­ zeugt keinen Humor – höchstens Mist. Die Schmiedegesellen werden mich verstehen.«
Da lachten die Schmiedegesellen so laut, dass man das Geklapper an Rosinantens Hufen minutenlang nicht hören konnte.
Sancho erhob sich, klopfte sich auf den Bauch und sagte ganz ernst:
»Ich, der ich König war, weiss sehr wohl, wie das schlechte Leben aussieht. Als ich König war, hat man mir nämlich nichts zu essen gege­ ben.«
Da mussten die Schmiedegesellen abermals lachen.
Don Quichotte stiess aber mit seiner Lanze auf den Boden, dass alles zitterte, und danach sprach er:
»Unser Dichter hatte leider in seiner Ju­ gendzeit noch nicht den Wert des schlechten Lebens kennen gelernt, und deshalb ward er anno 1569 Kammerdiener.«
Don Quichotte setzte sich nach diesen Worten auf einen Amboss.
Und es wurde ganz still in der Schmiede.

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