Cervantes

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Was In der Müllerstube ausserdem noch passiert.

ps_072 »Bombensicher«, sagte Sancho, »ist aber unser Dichter stets ein Exemplum dafür, dass es Hu­ moristen stets ein bischen schlecht gehen muss, wenn sie was ordentliches schaffen sollen. Wie lange musste die Menschheit auf den zweiten Teil des Don Quichotte warten! Volle zehn Jah­ re! Wäre die falsche Fortsetzung nicht gekom­ men, so hätten wir die richtige nie gehabt.«
»Mein Sohn Sancho«, sagte der Don Qui­ chotte, »es muss nicht blos den Humoristen, sondern allen denen, die was Ordentliches lei­ sten sollen oder wollen, zeitweise schlecht gehen – denn die menschliche Natur ist träge von Ju­ gend auf, und alle Leute fürchten immer, dass sie sich überarbeiten könnten.«
»Sie sprechen«, sagte ich nun scharf, »ei­ gentlich nur das aus, was ich auch schon öfters ausgesprochen habe.«
»Dann trinken Sie doch«, sprach Sancho zu mir, indem er mir auf die rechte Schulter schlug, »mit dem alten Ritter von den Löwen Brüder­ schaft. Sie gehören zusammen.«
Da lachte der Herr Cervantes und sagte la­ chend:
»Kinder, jetzt haben wir aber keine Zeit mehr zum Scherzen. Herr Ritter von den Löwen, bitte, seien Sie so freundlich und sagen Sie noch ein paar Worte über meine andren Bücher. Wir müssen bald wieder in die Unterwelt zurück.«
Herr Don Quichotte räusperte sich mit der Hand am Munde und sprach:
»Anno 1613 erschienen, wie schon er­ wähnt, die Novelas ejemplares. Diese zwölf No­ vellen waren Erinnerungen aus der italienischen Soldatenzeit des Verfassers – und aus seiner Sklavenzeit in Algier. Da in Spanien zu jener Zeit eigentlich nur Übersetzungen italienischer No­ vellen existierten, so machten diese zwölf Mu­ sternovellen ihrer Originalität wegen ein gewis­ ses Aufsehen. Allerdings – original daran war wohl nur das Stoffliche und nicht das Formale. Eine neue Form hat sich unser Dichter eigentlich nur in dem Roman geschaffen, in dem ich selbst der Held zu sein die Ehre habe. Im Jahre 1614 erschien dann die Reise nach dem Parnass, Viage al Pamaso – in Terzinen wurde da der Verfall der spanischen Literatur behandelt. Das Büchlein ist in acht Kapiteln geschrieben – nach dem Muster des Cesar Caporale, eines italieni­ schen Dichters des sechzehnten Jahrhunderts. 1615 kamen dann die schon erwähnten Zwi­ schenspiele mit ein paar andern Schauspielen heraus – und gleich danach der zweite Teil dessen, der ich selber bin. Anfang April 1616 wurde noch Trabajos de Persiles y Sigismunda vollen­ det – eine Nachahmung des Theagenes und der Chariklea des Heliodorus. Dieser Persiles ist erst nach des Dichters Tode 1617 von seiner Ge­ mahlin Catalina herausgegeben.«
Wie der Don Quichotte grade das Wort »Catalina« aussprach, sah ich, dass der eine Mehlsack von dem linken Vorderbeine des Rosi-nante runterrutschte und in die Tiefe fiel – ich glaube, er fiel ins Schwarze Meer.
Der Rosinante musste aber geschlafen ha­ ben, denn kaum war der Sack gefallen, so fiel der Schimmel selber nach der rechten Seite um, so dass die Beine mit den Mehlsäcken sich drehten wie Windmühlenflügel – und wir in der Windmühle drehten uns mit – da flogen alle Mö­ bel und alle Spanier durcheinander.
Ich aber hielt mich krampfhaft am Fenster fest und sah dann, wie die Müllerknechte aber­ mals auf dem Pferde herumkrabbelten und mit grosser Mühe sein Gleichgewicht wieder herstell­ ten.
Ich blickte mich scheu um und sah die drei Spanier zwischen den Möbeln der Müllerstube auf dem Fussboden liegen.

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