Cervantes

E

Worin berichtet wird, wie Rosinantens Vorder­ beine mit Mehlsäcken beschwert werden – und über welche Dinge in der Müllerstube debattieret wurde.

ps_071 Don Quichotte kletterte durchs Fenster in die Müllerstube und sagte heftig:
»So geht’s nicht weiter! Der arme Rosinante hampelt sich ja die Beine aus. Die abgeschosse­ nen Windmühlenflügel haben uns aus dem Gleichgewicht gebracht.«
Da rief Sancho:
»Die Müllerknechte müssen die Vorderbeine des Rosinante mit Mehlsäcken beschweren – dann wird das arme Tier wohl besser in der Luft stehen können.«
Die Müllerknechte, die sich schon ganz hei­ ser geschrieen, taten, was der Sancho ge­ wünscht hatte.
Und wir sahen den Müllerknechten bei ihrer schwierigen Arbeit zu, während Persien tief unter uns vorüberzog – wie eine wellige weisse Wolke.
»Es ist aber«, sagte der Don Quichotte, »sehr irrtümlich, wenn man glauben möchte, ich sei blos eine Parodie auf alles ideale Streben. Hauptsächlich wird in mir die Tapferkeit ver­ höhnt, wie im Sancho die Feigheit verhöhnt wird und in der Dulcinea die Tugend. Ausser­ dem bin ich ein guter Mensch und ein Feind al­ ler Schlechten. Und auch diese meine Güte wird mir zur Komödie.«
»Ich habe mir«, fiel hier der grosse spani­ sche Dichter selber ein, »die grösste Mühe gegeben, Alles komisch zu nehmen – besonders aber mich selbst. Und aus diesem letzteren Bestreben ist es herzuleiten, dass der Don Quichotte so ein braver ehrlicher Kerl wurde.«
»Denn«, rief Sancho, »wer sein eignes Licht untern Scheffel stellt, wird sich nicht die Taschen mit fremden Geldern füllen.«
»Und es ist«, sagte Don Quichotte, »fraglos das Schlimmste, wenn man nimmt, was uns nicht gehört.«
»Aber auch diese Ehrlichkeit kann man komisch nehmen!« sprach der Sancho.
So sprachen die drei Spanier weiter, wäh­ rend die Müllerknechte dem armen Rosinante die Mehlsäcke an die Füsse banden.
Und ich fragte nach dem falschen zweiten Teil des Don Quichotte, und da wurde der Herr Cervantes gleich sehr lebhaft und heftig.
»Stellen Sie sich vor«, sagte er mit funkeln­ den Augen, »ich hatte mich nach der Heraus­ gabe des ersten Teils mit meiner Frau in die Ein­ samkeit zurückgezogen und durch die Freund­ lichkeit meiner Mäcene fast 8 Jahre in Ruhe ge­ lebt, 1613 gab ich meine Musternovellen heraus – da erscheint ein Jahr darauf der zweite Teil des Don Quichotte von Alonso Fernandez de Avel-laneda aus Tordesilla. Und dieser Kerl, der gar nicht mal so hiess – wohl aber, wie ich wusste, ein Schauspieldichter aus Arragonien war – hatte obendrein noch für Lope de Vega Partei ge­ nommen und mich als Schauspieldichter in den siebenten Rang gesetzt.«
»Und das«, rief Sancho, »können Sie noch nicht einmal heute nach dreihundert Jahren ko­ misch nehmen?«
Cervantes lachte und sagte gemütlich zu mir:
»Ja, es ist doch sehr vergnüglich, wenn uns-re Geschöpfe so lebendig werden, dass sie uns selber Moral predigen können. Na – jedenfalls kam der echte zweite Teil meines Don Quichotte 1615 heraus.«
»Und da«, sagte Don Quichotte, »wurde al­ len Lesern auch meine philosophische Bedeu­ tung klar. Ich bin eben auch der grosse Hohn auf alle wirkliche und wahre Grösse. Ich bin die spanische Grandezza an sich … der Grössen-wahn, der da weiss, dass er komisch ist. Ich bin die lebendige Selbstironie des kühnsten Dich­ ters, der je gelebt hat.«
»Und ich«, rief Sancho, »bin ganz bestimmt auch ein Philosoph und mindestens so bedeu­ tend wie der Ritter von den Löwen – da ich doch der Ritter von den Bomben bin.«
Während sich nun die Spanier also ganz gemütlich weiterzankten, waren die Müller mit ihrer Arbeit fertig geworden und kehrten nun laut fluchend in die Mühle zurück.
Der Rosinante spitzte seine langen weissen Ohren.

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