Cervantes

E

Handelt von den drei alten Spaniern, die von ih­rem weissen Pferde langsam heruntersteigen.

ps_041 »Da sind wir wieder mal aus dem Boden ge­stampft!« sagte der dicke Sancho Pansa. »Aber meine Herren«, fuhr er fort, »bringen Sie eine Leiter, damit wir langsam herunterstei­gen können. Ich wäre ja wohl imstande, an dem langen vollen Schweife des Rosinante hinabzu-klettern, aber mein Herr, der Don Quichotte de la Mancha, würde das Klettern nicht für ritterlich halten, und unserm Dichter, dem Herrn Cervan­tes Saavedra, dürfte das Klettern schwerfallen, da er ja seine linke Hand in der Schlacht bei Lepanto anno 1570 verloren hat; der ganze linke Arm ist ihm heute noch steif. Wäre der Ro­sinante nicht in den dreihundert Jahren so ge­wachsen, so wäre die Leiter natürlich nicht nö­tig. Ich glaube, dass nach dreitausend Jahren der Rücken des Rosinante so gross sein wird wie die Provinz la Mancha, so dass man Städte auf dem Rücken unsres unsterblichen Schimmers erbauen könnte.« Don Quichotte sagte ernst mit seiner knar­renden Stimme: »Mein Sohn Sancho, du bist hier nicht in einer Volksversammlung! Rede nicht immerzu -das schickt sich doch nicht.« Währenddem hatten die Gesellen die Leiter gebracht, und Cervantes stieg gewandt, wenn auch langsam, herunter. Unten angekommen, zog er gleich seinen Degen, so dass ich recht erschrak. Aber der spanische Dichter sagte zum Herrn Sandmann: »Bitte, lassen Sie den Degen putzen und schleifen. Unter der Erde rosten die Eisensachen immer noch; es ist recht unangenehm.« Währenddem stieg Don Quichotte sehr langsam und umständlich auf der Leiter herun­ter, da er durch Schwert, Schild und Lanze recht behindert wurde. Ich stellte mich nun dem Dichter Cervantes vor, indem ich meinen Namen sagte; wir nah­men dabei unsre Zylinder ab. Da rief der Sancho, der jetzt auch recht ge­mächlich auf der Leiter herunterstieg: »Mein Herr Cervantes trägt einen schrägen Zylinder vom Jahre 1604. Aus welchem Jahre stammt Ihr Zylinder?« Diese Frage war an mich gerichtet, und ich antwortete errötend: »Aus dem Jahre 1888!« Ich konnte nicht anders, da ich gewohn-heitsmässig stets die Wahrheit sage. Sancho aber bemerkte, als er den Erdbo­den betrat und auf mich zukam: »Ein sehr ehrwürdiges Alter hat auch Ihr Zylinder. Alle Achtung! Eine Jahreszahl mit drei Achten.« Da lachten die Schmiedegesellen im Chore. Und ich lachte mit.

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