Cervantes

N

Erzählt das, was man darin finden wird.

ps_065 Während nun die Wassermassen des Grossen Ozeans unter uns vorbeizogen – sehr tief unter uns – denn der Rosinante stand mit seiner Mühle sehr hoch, gingen wir in der Müllerstube auf und ab und plauderten von der Steuerverhältnissen in Spanien am Ende des sechzehnten Jahrhun­ derts.
Cervantes sagte:
»Ich reiste damals in verschiedenen Provin­ zen herum – als Steuererheber. Und dabei lernte ich das menschliche Leben immer mehr kennen, und es kam mir immer mehr sehr lächerlich vor. Und meine beiden Reisegefährten waren damals schon der Don Quichotte und der Sancho Pan-sa. Schon 1597 – also in meinem 50. Lebensjah­ re – waren Stücke meines Romans im Entwürfe völlig fertig.«
»Da möchte ich aber etwas bemerken!« sagte Sancho.
»Tu das!« versetzte der Dichter.
Und der Sancho sprach:
»Sehen Sie mal, meine Herren, unser Dich­ ter musste die grösste Komödie schreiben: die Komödie des Ehrgeizes und der Herrschbegier­ de. Das war’s! Und darum musste er allmäch­ tiger und verhasster Steuererheber werden. Se­ hen Sie da nicht wieder den leitenden Faden in diesem Dichterleben? Und ist es nicht so humor­ weckend, wenn man als ehrgeiziger Mensch eine herrschende Stellung bekommt und dabei von keinem Spanier hochgeschätzt wird? So erging’s unserm Dichter!«
»Mein Sohn Sancho«, sagte Don Quichotte wieder durchs Fenster, »werde blos nicht zu klug, sonst erkennt man Dich nicht wieder; eine gewisse Dosis Dummheit haftet an jedem Genie, und wer wie Du für ein solches gelten will, soll bemüht sein, immer wieder die berühmte Dosis in Erinnerung zu bringen.«
»Das können Sie, Herr Don Quichotte«, gab der Sancho zurück, »sich ebenfalls merken. Aber sehen Sie sich, meine Herren, nur die Ad­ lernase unseres Dichters genauer an. Muss ein Mann mit einer solchen Nase nicht leicht in Streit geraten? Muss er nicht besonders mit de­ nen in Streit geraten, die ihm Steuern zahlen sollen? Und ist es deshalb nicht auch ganz na­ türlich, dass der Herr mit der abgenommenen linken Hand oftmals wegen Scherereien ins Gefängnis kam? Und ist es daher nicht ganz so, wie es sein muss, wenn er im Gefängnis zu Ar-gamasilla, welches Nest in der Provinz La Man­ cha liegt, seinen grossen Roman vom scharf­ sinnigen Edlen Don Quichotte de la Mancha endlich regulär niederzuschreiben begann? Ich sage: endlich! Und damit habe ich wohl dieses Wort nicht missbraucht, denn die erste Nieder­ schrift begann unser Dichter im Jahre 1603 – im 56. Lebensjahre. Allerdings im Jahre 1604 er­ schien die erste Hälfte des Don Quichotte in Madrid schon im Druck! Grade heute vor 300 Jahren geschah das!«
Nach diesen Worten hörte man in der Mül­ lerstube einen grossen Kanonendonner aus der Tiefe herauftönen.
»Wird«, fragte Cervantes, »auf der Erde die­ ser Tag gefeiert?«

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