Cervantes

A

Berichtet vom Beamtenstande und vom Ehe­ stande und von anderen Dingen.

ps_064 »Zunächst, mein Sohn Sancho«, sagte der Ritter im Fenster, der mit seinen beiden Beinen auf dem Rücken seines Rosinante stand, »muss ich Dir bemerken, dass die Meinungen, mit denen Du uns ergötzen wolltest, nicht als massgebliche zu betrachten sind, sintemal Du vom Wesen der Kunst eigentlich keinen blassen Schimmer hast und in puncto Belesenheit recht viel zu wün­ schen übrig lassen dürftest.«
»Dann erzählen Sie doch«, gab Sancho rauh zurück, »die Lebensgeschichte unsres Dich­ ters alleine weiter. Es ist ja bekannt, dass Sie sich immer sehr gerne reden hören. Sie können sich meinetwegen auch »Professor« nennen – ich mache mir gar nichts draus.«
Darauf legte sich der dicke Stallmeister lang auf den Fussboden hin, streckte seine Glieder recht behaglich aus und zündete sich ebenfalls eine Zigarre an.
Don Quichotte aber sprach mit gewandten Gesten und lebhaftem Minenspiel:
»Meine Herren, vergessen Sie nicht, dass jetzt unter uns die Vereinigten Freistaaten von Nordamerika vorbeiziehen. Sie brauchen nicht hinauszublicken, da es gerade in Nordamerika regnet und Regenlandschaften von der Vogel­ perspektive aus nur einen einfachen Wolkenein­ druck hinterlassen. Wir aber wollen nicht verges­ sen, dass der Herr Cervantes vom 38. bis zum 48. Jahre seines Lebens Theaterstücke schrieb, da er als verheirateter Mann für seinen Haus­ stand sorgen musste. Und das ist der Vorzug des Ehestandes, dass er den Ehemann zur Anspan­ nung aller seiner Kräfte zwingt. Und geht die Kraft auch manchmal nach der falschen Rich­ tung hin verloren, die Kraft wird doch immer gestählt, und die Muskeln und Nerven bleiben in der Übung. Demnach ist es auch nicht zu be­ dauern, dass der Herr Cervantes im Jahre 1594 nach Sevilla übersiedelte und dort der Unter-kommisionär des Antonio de Guevara wurde, der damals zum Hauptproviantkommisionär bei den indischen Flotten und Kriegsheeren ernannt worden war. Dieser Beamtenstand hat unserm Dichter noch mehr die humoristischen Adern zugespitzt als der Ehestand. Jetzt aber schauen Sie zunächst mal hinaus; wir haben, wenn ich nicht irre, bereits den Grossen Ozean zu unsern Füssen.«
Wir sahen nun alle drei zu den Fenstern hinaus, und der Herr Don Quichotte hatte sich nicht geirrt – der Grosse Ozean war schon unter uns und glänzte im Mondenschein.
Sancho Pansa warf seinen Zigarrenstummel in das grosse Meer hinunter und rief lachend:
»Passen Sie auf, meine Herren, wenn mein Zigarrenstummel in den Ozean stürzt, wird es zischen. Lauschen Sie!«
Wir lauschten – aber wir hörten nicht einmal das alte Meeresrauschen – nur ein Klap­ pern in den Flügeln der Windmühle war für uns vernehmbar.
Dann hörten wir Sanchos Esel schreien.
Und dann wieherte der Rosinante.

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