Cervantes

V

Fortsetzung der verständigen Unterhaltung, die im vorigen Kapitel begonnen wurde.

ps_063 Als wir uns nun sattgesehen hatten an dem gros­ sen Ozean und an der ganzen sich unter uns drehenden Erdkugel, gingen wir wieder an unsre Plätze, und Sancho setzte seinen Vortrag folgen-dermassen fort:
»Erst im Jahre 1615 gab der bereits ehren­ voll erwähnte Verlagsbuchhändler, Herr Juan de Villaroel, einige von den Theaterstücken des Herrn Cervantes in den Buchhandel – und zwar unter dem Titel: »Ocho Comedias y ocho Entre-mes nuevos, nunca representados«. Auch diese waren dem Grafen Lemos dediziert, und der Verfasser erklärte in einem gelehrten Vorwort,
dass er der erste gewesen sei, der hier aus den 5 Akten der Komödie 3 Akte gemacht habe und auch allegorische Personen hineingeführt habe. Hierdurch werden wir gleich überzeugt sein, dass diesen Theaterstücken nicht so viel Grosses anhaftete, um heftigere Meinungsäusserungen hervorzurufen. Und so dürfen wir uns auch gar nicht wundern, wenn unser Dichter Don Miguel einfach seitwärts ging, als der grosse Lope de Vega mit seinen Theaterstücken populär zu wer­ den begann. Übriggeblieben für den Literatur­ freund sind allein die beiden Cervantes-Stücke »los Tratos de Argel« und »la Numancia«. Das erstere behandelt das Leben in Algier, das zweite ist ein Trauerspiel.«
»Sancho«, rief Cervantes, »schlaf bei dei­ nem Vortrage nicht ein.«
»Ich komme ja gerade dadurch«, versetzte Sancho, »in das richtige Fahrwasser, indem ich zum Schlüsse nur sagen will, dass die ganze Theaterkunst eigentlich nur eine Kunst für die Jünglinge und Backfische ist und nicht allzuemst genommen werden sollte, da die Theaterdichter bei ihrer Theaterdichterei mehr an das Geld, das dabei rausspringt, denken – als an die Kunst. Und deshalb begrüsse ich den Misserfolg, den der Dichter Cervantes auf dem Theater erlebte, mit hellem Hallo – weil dadurch unser lieber Dichter gerade gezwungen wurde, an seinen grossen komischen Roman ranzugehen, dem der Ritter im Müllstubenfenster und meine We­ nigkeit ihre Weltexistenz zu verdanken haben.«
»Bist du nun fertig?« fragte der Herr Cer­ vantes.
Und der Sancho sagte leise:
»Ja, wenn mir jetzt die Berechtigung zuer­ kannte wird, mich »Professor« zu nennen.«
»Meinetwegen!« sagte der Herr Cervantes.
Da sprang der Sancho so hoch in die Höhe, dass er mit dem rechten Fusse die Mül­ lerstubendecke berührte.

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