Cervantes

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In welchem von dem Werte der Furchtsamkeit ge­ plaudert wird, während unheimliche Gespenster er­ scheinen und verschwinden.

ps_056 »Na«, begann nun der dicke Sancho Pansa, als er satt war, »unser Dichter hat ja nun seinen trefflichen Mut so energisch an die grosse Glok-ke gehängt, dass mir noch immer die Ohren brummen. Da das nun aber so aussieht, als wollte sich unser Dichter selber loben, so muss ich schon einige Worte über die Bedeutung der Furchtsamkeit sagen. Die Furchtsamen sind im­ mer viel schlauer und haben daher stets grössere Erfolge zu verzeichnen als die Kühnen. Wäre der Herr Cervantes in Algier weniger kühn gewesen – so hätte er Zeit gehabt, jeden seiner Flucht­ versuche etwas schlauer anzulegen. Und unser Dichter hätte dann nicht solange in Ketten zu schmachten brauchen.«
»Es tat mir aber«, sagte Cervantes, »die schlechte Zeit in Algier sehr gut – denn ich lernte Geduld im Unglück.«
Da stiegen die Treppe der Windmühle ein Pfarrer und ein Barbier herunter, die trugen eine Dame.
»Das ist«, sagte Sancho, »die berühmte mi-komikonische Infantin, die ja jedem Menschen, der Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quichotte de la Mancha kennt, auch be­ kannt sein dürfte.«
Schweigend gingen die Beiden mit der In­ fantin zum Speere des Don Quichotte und Hes­ sen sich an dem in die Stadt hinab – wie der dicke Sancho.
Und diesen dreien folgten noch viele andre Gestalten, von denen Sancho behauptete, dass sie sämtlich dem Herrn Cervantes angehörten -für alle Ewigkeit.
Und dazwischen sprach Sancho immer wie­ der von der Bedeutung der Furchtsamkeit.
Don Quichotte rief aber plötzlich von sei­ nem Pferde herab:
»Mein Sohn Sancho, verachte nicht so sehr die Dummheit! Wenn der Kühne auch dumm ist – dafür hat er doch Unternehmungsgeist – und der bringt immer Glück. Wie weit hast du es denn mit deiner Schlauheit gebracht?«
»Bis zum König!« brüllte Sancho ärgerlich.
Aber der Don Quichotte sprach lächelnd:
»Titel und Würden bringen nur Bürden. Als König hast du, mein lieber Sohn Sancho, doch nichts zu essen bekommen.«
»Nun«, erwiderte Sancho, »immer haben Sie gesagt, dass im Essen auch nicht alles Glück der Welt enthalten sei. Und jetzt soll auf einmal konstatiert werden, dass ich als König Unglück hatte, als ich nichts zu essen hatte? Im übrigen -wie kommen Sie, Herr Don Quichotte de la Mancha, dazu, komische Sprichwörter an fal­ scher Stelle zu gebrauchen? Ich dächte, dazu hätte ich nur ein Recht – nicht Sie!«
»Meine Geister sollen still sein!« brüllte da der Dichter Cervantes.
Und Sancho verkroch sich.
Und aus der Mühle kamen leise und schweigend alte spanische Edelleute heraus – die gingen alle zum Speere des Don Quichotte und Hessen sich an dem Speere in die Stadt hinunter.
Ich sah den Geistern zu.
Der Mond schien hell und klar.

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