Cervantes

N

Enthält hauptsächlich die Geschichte vom Werte der Kühnheit

ps_055 »Der Gärtner wurde gehenkt!« sagte der Herr Cervantes.
»Ach du meine liebe Zeit!« rief der Sancho, während er die Schultern ängstlich nach allen Seiten bewegte.
»Mein Sohn Sancho«, sprach der Don Quichotte, »hab dich nicht immer so albern! Gib mir lieber noch eine halbe Ente.«
Sancho spiesste die halbe Ente auf einen spitzen Stock, den er von unten mitgebracht hatte, und reichte das Geflügel dem Ritter hin­ auf.
Und der Herr Cervantes fuhr fort.
»Ich wurde natürlich wieder meinem hab­ süchtigen Dali Mami übergeben und der setzte mich wieder fest, dass ich nicht drei Schritte frei herumgehen konnte. Doch unternahm ich noch vier grossartig angelegte Fluchtversuche. Und sie schlugen alle fehl. Und ich verzweifelte beinahe; wenn mich nicht die Wut aufrechtgehalten hätte, dann wär’s aus gewesen. Diese Wut aber macht immer wieder neuen Mut. Und so wollte ich schliesslich die ganze Stadt Algier mit Hilfe der damals dort befindlichen Christensklaven er­ obern. Es gab damals an die 25000 Christen­ sklaven in Algier. Die Geschichte wäre geglückt, wenn nicht fast alle so mutlos gewesen wären. Es ist eben nichts so verächtlich als das Ver­ zweifelte.
Und es ist eigentlich gar nicht zu bedauern, wenn die Sklavennaturen, die nichts zu unter­ nehmen wagen, einfach zugrundegehen. Nun hören Sie aber, was aus denen wird, die die nö­ tige Wut und dementsprechend die nötige Kühnheit im Leibe haben! Dem Alcaiden Has­ san gefiel ich meines Mutes wegen so sehr, dass er sagte: »Um meine Hauptstadt, meine Sklaven und Schiffe zu sichern, muss ich diesen ver­ stümmelten Spanier in meine Macht bekom­ men, um ihn streng zu bewachen.« Das hatte ich nun davon! Er kaufte mich für 500 Goldgulden. Und auf diese Weise war’s nun noch viel schwie­ riger geworden, mich loszukaufen.
500 Goldgulden bedeuteten damals ein grosses Vermögen. Hassan behandelte mich gut. Aber ich platzte vor Ungeduld. Und da wurde mein tatenlustiger Ritter, der jetzt vor uns sitzt auf seinem grossen Pferde und Entenknochen isst, immer lebendiger vor meinen Augen. Aus Witz und Wut entsteht der Humor. Sancho, giess uns die Gläser voll.«
Sancho tat es, und wir tranken jeder drei grosse Gläser Portwein.
Und die Stadt schien mir dabei immer hel­ ler zu werden – und immer grösser.
Cervantes schmiss darauf sein Glas so hef­ tig auf die Plattform des Turms, dass das Glas in tausend Stücke zersprang, die in hohen Bogen in die unbekannte grosse Stadt hineinflogen.

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