Cervantes

A

Erzählt von Hassans Garten und von der unter­ irdischen Republik.

ps_054 »Meine Herren«, rief dann der Sancho, »Sie ha­ ben in mir den besten Kammerdiener aller Zei­ ten.«
Und er packte seinen Schnappsack aus.
Da kamen denn zum Vorschein: dicke Blutwürste, Kaviar, Weissbrote, Schwarzbrote, grosse Butterstücke, Sardellen, saure Gurken, geräucherte Flundern, Schweineschinken, ge­ bratene Hühner, Enten, Hummern und Brat­ würste und zehn Flaschen Portwein.
»Du Schlemmer!« sagte der Don Quichotte, als er alle diese Dinge von oben herab ansah.
Nun assen wir und tranken dazu.
Und der Herr Cervantes fuhr in seiner Er­ zählung fort.
»Wissen Sie«, sagte der Spanier, in der rechten Hand ein saure Gurke – mit finstrer Mie­ ne, »was es heisst, eine Verschwörung leiten? Oh, ich hab’s kennen gelernt. Drei Meilen von Algier besass der Alcaide Hassan einen Garten, in dem ein Christensklave namens Juan die Auf­ sicht führte. In diesem Garten befand sich eine unterirdische Höhle, und in dieser Höhle lebten ungefähr fünfzehn spanische Edelleute, die alle aus Algier fliehen wollten. Wir hatten zwei ver­ traute Sklaven – den einen nannten wir den »Gärtner« – der bewachte unsere Höhle. Der an­ dre Sklave brachte uns die Nahrung wie ein Sancho Pansa und hiess der »Vergolder«. Der Garten lag in der Nähe des Meeres, und wir warteten auf ein befreundetes Schiff, das uns er­ lösen sollte. Das kam nun auch Ende September des Jahres und wollte nachts an den Strand kommen, wurde aber zweimal von Fischern ent­ deckt und musste sich zurückziehen. Wir wuss-ten in der Höhle nichts von diesen missglückten Versuchen. Und der »Vergolder« wollte sich wie­ der mal eine Portion Geld verdienen und verriet dem Alcaiden Hassan die ganze Verschwörung, die zu leiten ich die Ehre und das Vergnügen hatte. Wir kamen alle gleich bei Nacht und Nebel in den Kerker, und dann sollte ich dem Has­ san die Mitschuldigen sagen, die uns mit ihrem Schiffe abholen wollten. Das lief natürlich wie­ der auf Erpressungen hinaus, denn solche Ver­ schwörungen waren einfach damals in Algier nicht erlaubt. Und jede entdeckte Verschwörung wurde den Aussenstehenden stets sehr teuer. Ich Hess mich daher ruhig foltern und verriet die, die uns mit ihrem Schiffe retten wollten, mit keiner Silbe. Das fiel mir recht schwer; die Daumen­ schrauben können einen Menschen wahnsinnig machen – glücklicherweise konnten sie mir nur an der rechten Hand angebracht werden, da ich ja die linke nicht mehr hatte. Aber auch die verschiedenen anderen Folterwerkzeuge…«
»Erzählen Sie blos nicht davon«, schrie jetzt der Sancho erbärmlich los, »sonst vergeht mir der ganze Appetit.«
Der Herr Cervantes lachte kurz auf, aber er sprach nicht weiter von den Folterwerkzeugen. Und mich berührte das auch sehr angenehm, da ich einen grossen Hunger verspürte und jetzt mit Eifer den Bratwürsten und Sardellen zusprach.
Wir assen und tranken dazu und schwiegen einige Minuten hindurch und dachten nach.
Don Quichotte in seiner Denkmalsstellung auf dem grossen Rosinante nahm sich im Mon­ denschein recht romantisch aus – es wirkte besonders sehr eigentümlich, als er sich ein kleines Kaviarbrötchen in den Mund steckte …

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