Cervantes

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Wie sich Sancho auf einem Kirchturm zu helfen weiss.

ps_052 »Sancho, halt’s Maul!« rief der Herr Cervantes.
Und ich sah unter uns eine Kirche mit zwei Türmen. Dem einen Turme fehlte die Spitze, und auf diesen stellte der Rosinante seine vier Füsse mit den neuen Hufeisen; Mauerstein und Hufeisen knirschten und knackten, als sie zu­ sammentrafen; der Rosinante wieherte.
»Sancho, gib uns was zum Abendbrot!« rief nun der Herr Cervantes.
Sancho lachte und sagte:
»Leicht gesagt! Hätte schon gerne selber was gegessen. Aber mein Schnappsack ist leer wie ein ausgeräubertes Dorf. Wäre ich nun nicht der weltkluge Sancho, so würde ich verzweifeln und meinem Leben durch einen Sprung in die Tiefe ein knochenzerbrechendes Ende bereiten. Doch da ich so klug bin, erfasse ich den Speer meines edlen Ritters von der traurigen Gestalt -und mache den Speer durch Anpusten so lang wie einen Kirchturm, dass der Speer bis auf das Strassenpflaster hinabreicht. Und dann klettre ich an diesem Riesenstock hinunter und hole was.«
Und er tat, wie er gesagt hatte.
Don Quichotte lobte ihn dafür, und der Herr Cervantes bat mich, von den Schultern sei­ nes Ritters herunterzuklettern und in die Wind­ mühle durch das kleine Fenster hineinzusteigen.
Ich tat das natürlich mit grösster Behendig­ keit. Und als ich im Fenster zurückblickte, sah ich, wie der spanische Dichter über den Kopf seines Helden hinüberkroch und an dessen Rük-ken vorsichtig herunterglitt.
Danach war ich mit dem spanischen Dichter zusammen in der Mühle, während San-cho unten in der Stadt seinen Schnappsack füllte und der Don Quichotte ganz steif auf sei­ nem Rosinante sitzen blieb – wie ein altes Denkmal aus der ehrwürdigen Ritterzeit.
In der Mühle hörten wir ein geheimnisvolles Knistern und Rauschen, obschon die Windmüh-lenflügel sich draussen nicht bewegten. Als wir die Treppe hinunterstiegen und die Plattform des Kirchturms betraten, hörten wir in der Mühle einen Esel schreien.
Wir setzten uns – d. h. Cervantes und ich -auf eine alte Holzbank und blickten über die Stadt hinweg zum fernen Horizont.
Der Mond schien jetzt wieder ganz hell, doch Hess sich bei dem Mondenlicht nicht viel erkennen, so dass ich den Spanier neben mir fragte, wo wir uns denn eigentlich befänden.
»Ja«, versetzte der, »warum wollen Sie denn das wissen? Wollen Sie nicht lieber das Weitere von meiner Gefangenschaft in Algier hören?«
Ich bat selbstverständlich meiner Frage we­ gen um Entschuldigung und sagte, dass ich sehr gerne das Weitere von Algier hören würde.
Wir sassen so, dass wir vor uns zunächst die beiden Beine des Herrn Don Quichotte und die vier Beine des Rosinante sahen; zwischen diesen sechs Beinen sahen wir die unbekannte Stadt im Mondenschein.

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