Cervantes

S

Wie man den Nachtwächter behandelt und die Dorfstrasse verlässt.

ps_048 Das grosse Pferd, dem hinten eine Windmühle angewachsen war, bestieg zuerst der Herr Cer­ vantes.
Dann kletterte Don Quichotte auf der Leiter empor, und ich folgte ihm und setzte mich auf die Schultern des Ritters, so dass ich meine Füs-se auf seinem Harnisch zusammenhaken konn­ te.
Kaum jedoch hatte sich’s Sancho Pansa hinter uns bequem gemacht, als auch schon der Nachtwächter des Dorfes eiligst herangetrabt kam und heftig schrie:
»Steigen Sie runter! Steigen Sie runter, meine Herren! Auf einem so grossen Pferde darf man nicht durch dieses Dorf reiten – das könnte ja die andern Pferde scheu machen.«
»Wenn S i e nur nicht scheu werden«, ver­ setzte der dicke Sancho und warf dabei mit dem linken Fusse die Leiter um, so dass sie dem Nachtwächter auf den rechten Arm fiel.
»Im Namen des Gesetzes!« brüllte der Wächter, »Sie sind allesamt verhaftet. Steigen Sie sofort runter und folgen sie mir zur Wache. Ich werde Ihnen zeigen, wer hier zu sagen hat. Sie sollen nicht ungestraft hier solche Narren­ possen aufführen. Fastnacht ist längst vorbei.«
Sancho hatte währenddem einen grossen Sack mit Mehl aus der Windmühle herausgeholt und ihn schnell mit seinem Taschenmesser auf der einen Seite aufgeschlitzt.
Nun warf der dicke Sancho dem Nacht­ wächter plötzlich den aufgeschlitzten Mehlsack auf den Kopf – so dass dem armen Nachtwäch­ ter Hören und Sehen verging und er an Spre­ chen nicht mehr denken konnte.
Die Schmiedegesellen lachten wieder im Chore und klatschten in die Hände.
Gleichzeitig erhob sich ein starker Wind, so dass sich die Flügel unsrer Windmühle rasch in Bewegung setzten.
»Passen Sie auf!« rief mir Sancho zu, »wir brauchen keine Luftschrauben und keine Dampferschrauben, unsre Windmühle ist besser als jede andre Schraube.«
Und so war’s auch, denn Rosinante streckte die Vorderfüsse hoch in die Höhe, sprang hoch und stieg empor; die Windmühlenflügel arbeite­ ten tadellos.
Wir hörten noch die Schmiedegesellen laut schreien und klatschen – dann aber ging’s pfeil­ schnell in die höheren Lüfte empor – immer hö­ her – zum Vollmonde hinauf – als wollten wir in den hinein.
Ich musste mir meinen Zylinder fest in die Stirne drücken – so schnell ging’s nach oben -durch die Frühlingsluft und durch die Nebelstrei­ fen durch himmelwärts.
Wir hörten hinter uns das Schnurren der Windmühlenflügel und sahen vor uns die Mäh­ ne des Rosinante mächtig flattern- und rechts und links davon die beiden Vorderbeine des Ro­ sinante, die mit ihren neuen Hufen weit hin­ ausgriffen in die Frühlingsluft. Die Vorderbeine des Pferdes bewegten sich so, als müssten sie das Pferd und uns im Gleichgewicht erhalten.
Die Spanier schienen an derartige Luftritte gewöhnt zu sein.
Der Vollmond wurde ganz hell und schien uns ins Gesicht und wurde immer grösser.

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