Briefe an Richard Dehmel

An Richard Dehmel

Berlin-Lichterfelde 4. Marschner Str 15.1.

19. Febr. 1914.

Lieber Ricardo! Schönen Dank für Deine freundlichen Zeilen. »Einverstan­den« bin ich natürlich nicht mit dem Rundschreiben; ich bin eben gar-nicht gefragt worden. Die Beiden, die unterzeichnet haben, kennen mich ganz genau. Ich kann jetzt aber nichts dagegen machen, weil ich A gesagt habe; ich erlaubte eben meiner Frau, zu tun, was sie wollte. Und sie setzte sich mit stud. phil Franz Graetzer Jena in Verbindung, der kam mit Dr Adolf Grabowsky zusammen, dieser zog Ewers hinzu. Und so muß ich B sagen, alias »zu der Behauptung, daß ich mich nicht durchsetzen kann«, einfach schweigen. Das »Durchsetzen« ist ja nicht näher definirt, man kann sehr verschiedenartige Dinge darunter verstehen – also kann ich ja wol auch schweigen.

Nun hat meine Frau extra gebeten, daß man Dich unbehelligt lassen solle -und daß Du uns 100 Mark bereits gegeben hast. Man hat Dir doch ge­schrieben. Wir glauben, daß man nur Deinen Namen will; vielleicht schreibst Du, daß Du schon persönlich mit uns zusammenwarst u. Alles persönlich abgemacht hättest – evtl. auch, daß sie Deinen Namen mitauf- führen könnten. Mir allerdings liegt auch daran nichts. Handle ganz, wie Du willst. »Vertrauenswürdig« ist m. E. die Rundfrage durchaus. Grabowsky ist ein sehr reicher Mann u. auch mein Dutzfreund. Wir waren noch neu­lich im Sommer 1910 in Friedenau zusammen.

Nun aber persönlichst und unter Discretion! Hol der Deiwel die Kleingläu­bigkeit! Ich habe nie (oder selten) an meinen Missionen gezweifelt. Trotz all meiner veritablen Demut nicht! In den letzten Monaten sind über 30 Kritiken erschienen – alle bis auf 1-2 voll Bewunderung. Da dürfte man doch nicht sagen, daß nicht der leiseste Schimmer der Hoffnung besteht. Na – mir ist die Sache »herzlich« unsympathisch. Das Scriptum ist offenbar Dienstag Nachm. verfaßt. Um 1/2 6 war mir herrlich zu Mute; ich hatte eben eine famose Geschichte geschrieben und wollte bei Papa Hoffmann Dämmerschoppen trinken – da wird mir urplötzlich übel – und nach einem Topp Bier scheußliches Erbrechen. Ich dachte an Vergiftung, Krabben u. Hecht gegessen. Dem Bären haben sie nicht geschadet. Also: des Rätsels Lö­sung ist jetzt da: mir ging telepathisch das Schreiben zu und wirkte – die ganze Nacht noch durch. Psychisch ward ich nicht davon berührt. Gestern Mittwoch schon wieder so, daß ich eine lange Geschichte über Bruno Tauts Glaspalast in Köln für die Techn. Monatshefte Stuttart schreiben konnte, diese werden wol auch meine »Glasarchitektur« bringen (111 Capitel) Taut hat mir seinen Palast »gewidmet« und ich hab ihn mit Sprüchen umrandet: darunter:

Glück ohne Glas – wie dumm ist das. Grösser als der Diamant ist die doppelte Glashauswand Ohne einen Glaspalast ist das Leben eine Last, etc etc. Gesetzt ist bis auf den letzten Bogen(ist): »Das graue Tuch und zehn Prozent Weiss. Ein Damenroman« Es folgen 5 (fünf) Bände »Meteorgeister« (3300 Seiten in m. Schrift. Lesa. hat nur 500 Seiten)

sodann »Der alte Orient«(.»}« Kulturnovelletten aus Assyrien, Palmyra und Babylon« (Müller zahlte für dieses schon 450 M für 1000 Exempl.) für die 5 Bde sind 1500 M abgemacht – 300 M in jedem halben Jahre [l te Rate gezahlt]

Dazu kommt die »Glasarchitektur«. Komisch doch, daß Hilfe immer kommt, wenn ich ganz hoffnungsvoll dastehe. Aber das Spende-Scriptum mußte wol so gefaßt sein, sonst wäre ja kein Erfolg »wahrscheinlich«.

Randbeschriftung:
Entschuldige die Länge. Aber ich wollte Dir nichts verschweigen. Darum!
Wie stets Dein oller

Paulus

Es ist 1/2 4 Nachm. Wir trinken um 5 bei Papa Hoff mann auf Euer Wohl!

Hipp! Hipp!
Ich glaube, man könnte mir bereits gratuliren.
Jedenfalls momentan alles gutt – serr gutt
Na prost! Na prost! Pardon dem großen Ernst!

Anna Scheerbart an Ida Dehmel

Berlin-Lichterfelde W

d. 15.10.15.

Marschnerstr. 15.

Liebe Frau Isi!

Mein Mann ist heute um 1 Uhr nach kurzem Unwohlsein plötzlich ver­schieden. Es würde mir nun eine sehr große Freude sein, wenn der älteste Freund meines Mannes ihm das letzte Geleit geben würde – zumal jetzt viele im Felde unabkömmlich sind. Falls Sie die weite Reise nicht scheuen – dürfte ich Sie möglicherweise Beide erwarten? Die Beerdigung findet am Dienstag den 19 Okt 4 Uhr auf dem Parkfriedhof in Lichterfelde West statt. Viele schöne Grüße Ihre

Anna Scheerbart


Anna Scheerbart an Richard Dehmel
Ltnt R. Dehmel 61 Landwehr Brigade XV Reserve Regiment Nr. 8 Vogesen

d. 27.10.15. Marschnerstr. 15.1

Lieber Herr Dehmel!

Erst heute komme ich dazu, – Ihnen für Ihre liebe Karte zu danken. Sie hat meinem Herzen wohlgetan. Gerne glaube ich, daß Sie gekommen wären zu der Beerdigung. Aber – der Krieg… Franz Servaes hat gesprochen und eine Sängerin sang in der Halle. Er ist gewesen. Es war sehr feierlich und es waren auch ganz Teil anwesend. Und viele Blumen und Kränze schmückten seinen Sarg. Ein großer Busch Orchideen v. Architekt Taut wurde ihm in die Gruft gegeben. Krank lag er kaum einen Tag. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr plötzlich unwohl. Gleich Besinnungslos. Am Freitag Mittag 12 1/4 Uhr war er tot. Schmerzen hat er nicht gefühlt. Er reichte mir die Hand zum Ab­schied und schlug die Augen nieder. Das war das Ende meines lieben Man­nes. Ich freu mich sehr, wenn Sie zurück und sein stilles Grab besuchen möchten.

Ihre Anna Scheerbart


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