Brief An Franz Brummer 03-12-95

3.Dec.95

Sehr geehrter Herr!

Verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht schon früher die Biographie zusandte – doch die Geschichte ist so furchtbar schwierig. Ich schreibe nicht so gern humorlos, daher erlaube ich mir, Ihnen folgenden Wortlaut vorzuschla­gen: (hoffentlich scheint es Ihnen nicht zu nüchtern.) »Paul Carl Wilhelm Scheerbart ist geboren am 8. Januar 1863 zu Danzig (Westpreussen) als das elfte Kind seiner Eltern. Sein Vater war Zimmer­mann, seine Mutter sehr religiös und eine geborene Hering aus Altona. S. wollte schon im dreizehnten Jahr Missionar werden, es ward aber Nichts daraus; die Philosophie verleidete ihm sehr bald die religiöse Tätigkeit. Und die Kunst, speciell die Dichtkunst, verleidete ihm später wieder die philoso­phischen Geschichten. Daher gab sich S. im Jahre 1884 ganz und gar seinen Litterarischen Arbeiten hin, führte in Leipzig, Halle, München, Wien u. a. Städten Deutschlands ein unstätes Leben, schrieb Dramen und Kritiken, nahm Alles, was zu dem Worte »Kunst« Beziehungen hat, gierig in sich auf und hatte schließlich ein besonderes Vergnügen an orientalischen und reli­gionshistorischen Studien.

Seit dem Jahre 1887 lebt S. in Berlin und schreibt seine sämmtlichen poeti­schen und anderen Werke mit beneidenswerther Beharrlichkeit. Im Jahre 1889 erschien »Das Paradies, die Heimat der Kunst. 1893 er­schien dasselbe Werk in dem von S. gegründeten »Verlag deutscher Phanta­sten« noch einmal, 1893 erschien auch das Wunderfabelbuch: »Ja . . . was … möchten wir nicht Alles!« dann folgten »Die Städte der Zukunft« (Broschüre), »Ich liebe Dich! Ein Eisenbahn-Roman mit 33 merkwürdigen Geschichten« und »Tarub, Bagdads berühmte Köchin. Ara­bischer Kulturroman«.

(Die beiden letzten Bücher erscheinen Anfang des nächsten Jahres bei Hugo Storm Berlin im Verein für freies Schriftthum.)

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